Es fehlt nicht an Botschaften der Loyalität, mit denen sich die Kirchen in Deutschland noch 1933 dem NS-System andienen. Am 3. Juni verkünden die katholischen Bischöfe, ohne dass ein Würdenträger ausschert, man wolle „dem Staat auf keinen Fall die Kräfte der Kirche entziehen“. Die Katholiken wüssten „die Betonung der Autorität“ im neuen Staatswesen zu würdigen, erblicke man doch „in jeder menschlichen Obrigkeit einen Abglanz der göttlichen Herrschaft“. Adolf Hitler wird nicht heiliggesprochen, aber es fehlt nicht viel.
Mit dem Konkordat vom 20. Juli 1933 zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich legitimiert Papst Pius XI. den Konformismus seiner deutschen Hirten ausdrücklich. Der Vertrag garantiert (zunächst) die Rechte der Katholiken im III. Reich – von der Unverletzlichkeit der Lehre bis zum Respekt vor kirchlichem Besitz. Dieses Einvernehmen ist geeignet, den Vorwurf zu entkräften, das NS-Regime sei unchristlich und kirchenfeindlich. Hitler frohlockt gegenüber Joseph Goebbels, der Heilige Stuhl schlucke seine „nationale Revolution“ und wolle wie er den Bolschewismus zur Strecke bringen.
Bei so viel Konvergenz darf auch die Evangelische Kirche dem Führerstaat nichts schuldig bleiben. „Die durch Gott gesetzten Grundlagen von Heimat, Volk und Staat werden wieder neu erkannt, das Volk steht auf“, verkündet Reichsbischof Ludwig Müller, der mit seiner „Bewegung der Deutschen Christen“ Religion und Nationalsozialismus zu verschmelzen sucht und dabei kaum auf Widerstand stößt.
Kirche in der NS-Zeit: National zuverlässig und staatspolitisch loyal
Allen Demutsgesten des Klerus zum Trotz beharrt Hitler auf der strikten Trennung von Staat und Kirche: „Über den deutschen Menschen im Jenseits möge die Kirche verfügen, über den deutschen Menschen im Diesseits die deutsche Nation“, tönt er auf dem NSDAP-Parteitag 1935. Und der einstige Messdiener Goebbels lässt im Tagebuch seiner Aversion freien Lauf. Er vermerkt am 18. Februar 1937, man sollte mit den Pfaffen „Fraktur reden, sie müssen unter den Staat gebeugt werden“.
Aber sie beugen und verbeugen sich doch! Selbst in katholischen Jugendverbänden – in evangelischen sowieso – sind Mitte der 1930er Jahre paramilitärische Geländespiele keine Seltenheit mehr, ebenso wenig Keulenweitwurf und Kleinkaliberschießen. Ein derart in Szene gesetzter Burgfrieden mit dem NS-Staat verhilft den Kirchen zu einer Nischenexistenz, den Gleichgeschaltete seit jeher weniger als Gewahrsam denn als Gnade zu schätzen wissen. National zuverlässig und staatspolitisch loyal zu sein, wird zur Passion. Erst recht, als ab 1939 Seelsorger zuhauf in den Krieg ziehen. Den Kirchen obliegt es nicht, die Waffen zu segnen wie im August 1914, darauf ist das Regime nicht angewiesen, auf geistliche Fürsprache schon.
Zeitweise haben bis zu 1.300 Militärpfarrer – als Heeresbedienstete in den Stand von Staatsbeamten erhoben – den Kampfeswillen von zehn Millionen gläubigen Soldaten zu entfachen. Am 21. August 1939 gibt das Oberkommando des Heeres (OKH) ein Merkblatt über Feldseelsorge heraus, in dem es heißt, geistlicher Beistand müsse „in erster Linie der kampffähigen Truppe dienen“. Sie sei ein „wichtiges Mittel zur Stärkung der Schlagkraft des Heeres“. Feldbischöfe werden nicht hinzugezogen, als dieser Auftrag formuliert wird. Sie erfüllen ihn ungeachtet dessen verlässlich, wenn nicht hingebungsvoll, indem sie sich mit den Zielen des Krieges identifizieren.
Feldzug als Kreuzzug
In schönster Blüte steht die Allianz von Glauben und Ideologie, von Evangelium und Schießgewehr nach dem 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion. In einem Weltanschauungskrieg gegen den „gottlosen jüdischen Bolschewismus“ für christlichen Rückhalt zu sorgen – das sei ein Gotteswerk, ist das Gros der Seelsorger überzeugt. Briefen, Tagebüchern und nach 1945 in Memoiren niedergelegten Erinnerungen ist zu entnehmen, wie sehr dieser Feldzug als Kreuzzug empfunden wird. Abendländische Gesittung und völkische Notwehr stehen gegen die Finsternis und Barbarei des Ostens. Im Sinne dieser heiligen Mission kann es sogar geboten sein, dass der Führerglaube das Vertrauen in den himmlischen Vater ersetzt.
Wer sich so ins Zeug legt, verklärt Kriegsverbrechen zur Sühne für die Sünden der Gottlosen und erleichtert Soldaten das Gewissen, wann immer das nötig erscheint: Ob 1941/42, als zwei Millionen sowjetische Soldaten als Kriegsgefangene der Wehrmacht elend zugrunde gehen. Ob Einsatzgruppen der SS die jüdische Bevölkerung von Minsk und Kiew, von Witebsk und Shitomir massakrieren. Ob von weißrussischen Dörfern nichts weiter übrig bleibt als verkohlte Schornsteine, die in den Himmel ragen.
Es liegt in der Logik kirchlicher Obsession, Vernichtungswünsche nicht zu verschweigen. Der „Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche“ schickt am 30. Juni 1941 ein Telegramm an Hitler, um der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass es nun „schwere Schläge gegen den Pestherd des Bolschewismus“ geben werde. Nur so ließen sich „alle innere Zersetzung, alle Beschmutzung des Heiligsten, alle Schändungen der Gewissensfreiheit“ beenden. Dies korrespondiert mit Führerbefehlen, wie sie vor und nach dem 22. Juni 1941 für das „Unternehmen Barbarossa“ ergehen. Danach ist der Sowjetunion nach einem deutschen Sieg das Schicksal einer zur Kolonie degradierten Ressourcen-Deponie zugedacht. Deren „minderwertige Völker“ sind bestenfalls als Arbeitssklaven eines germanischen Weltreichs geduldet.
Schmähung von der „Pest des Bolschewismus“
Die Kirchendiener stellen sich dem wie verschworene Komplizen zur Verfügung. So vertraut der Militärpfarrer Hermann Wolfgang Beyer am 16. Juli 1941 seinem Tagebuch an, Sowjetmenschen seien nicht nur „gottlose Rationalisten, sondern Kommissare mit vertierten Gesichtern“. Erst recht, wenn es sich um Juden handle. In einer Predigtvorlage der „Kirchlichen Kriegshilfe“ der Caritas aus demselben Jahr steht zu lesen: Russland lasse erleben, was es bedeute, wenn „das Geheimnis des Kreuzes Christi nicht mehr zugegen ist – die Liebe. Bestien sind die Menschen geworden“. Der Ächtung ausgeliefert, des Lebens nicht würdig, soll das wohl heißen.
Die ihm zugewiesene Putzhilfe zeige „ein scheußlich jüdisches Gesicht, eins von der unangenehmen Art, sodass man ein Foto von ihr ohne Weiteres in den ‚Stürmer‘ aufnehmen könnte“, schreibt der Militärgeistliche Heinz Rahe im September 1941 seiner Frau. Sooft er sie „Sarah“ nenne, bestehe sie auf dem Namen „Sofie“. „Wie gesagt, sie gehört zu den typischen Judengesichtern (…) aber ihre Arbeit macht sie ordentlich.“
Die Schmähung von der „Pest des Bolschewismus“ beherrscht den Gottesdienst im Feld und die Sonntagspredigt an der Heimatfront. Selbst NS-kritische Bischöfe wie Clemens von Galen in Münster nehmen sich des Verdikts mit missionarischer Inbrunst an. Solcherart Bekennertum schreibt fort, was im September 1939 aufhorchen lässt. Der Häftling Martin Niemöller, Symbolfigur der oppositionellen Bekennenden Kirche, meldet sich aus dem KZ Sachsenhausen heraus zum Kriegsdienst. Das Vaterland ruft. Wie im Ersten Weltkrieg will Niemöller in ein U-Boot steigen. Hitler winkt ab.
Was ein Pfarrer 1959 schrieb
Nach dem Krieg, in dem so viel von Sühne für die Sünden der Gottlosen die Rede war, bleibt die Sühne für die Sünden der Gottergebenen ein „frommer Wunsch“. Im Westen Deutschlands spricht der Antikommunismus von jedem moralischen Bußzwang frei, zumal die Kirchen bestreiten, in die Verbrechen des Nazistaates verwickelt zu sein. Und trotz sechs Millionen ermordeter Juden ist ihnen eines besonders wichtig: Sie wollen nicht in Haftung genommen werden für den verlorenen Krieg. Die Geistlichen im Graben und in den Lazaretten, in der Etappe und im Reich hätten das ihnen Mögliche getan, um den Soldaten Trost und Siegeszuversicht zu spenden. Priester seien Seelsorger und Soldaten gewesen, versichert die Legende.
Der katholische Pfarrer Johann Anton Hamm schreibt in seinem 1959 erschienenen Buch Als Priester in Russland, erst durch den Ostkrieg habe Priestertum einen tiefen Sinn erfahren. Die „Hochzeit des Todes“ sei auch die „Hochzeit der Militärseelsorge“ gewesen. Welche Genugtuung habe ihn durchdrungen, als er zum Tode verurteilte Deserteure noch vor der Exekution taufen konnte. „Welch schönes Sterben! Manch einen habe ich fast darum beneidet.“
Selbstidealisierung, die so zynisch anmutet, wie sie pervers ist, soll das Antlitz der Kirchen davor bewahren, befleckt zu sein. Die „Pest des Bolschewismus“, die „vertierten Gesichter“, die Überzeugung, Kultur- und Zivilisationsstifter im Osten gewesen zu sein – war es so falsch? Schließlich bleibt der Sowjetmensch im Kalten Krieg ein gottloser Patron und die Sowjetunion das Reich des Bösen, der Antichrist schlechthin, die teuflische Versuchung. In der Bundesrepublik der Adenauer-Zeit besinnt sich die Christenheit ihrer staatstragenden Verantwortung. Genau so, wie sie es 1933 schon einmal getan hat.