Ungläubig haben Beobachter in der vergangenen Legislatur zur Kenntnis genommen, wie der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sich daran machte, die deutsche Krankenhauslandschaft umzukrempeln. Jahrzehntelang hat niemand ernsthafte Versuche in diese Richtung unternommen. Vieles lag zwar auf der Hand. Schließlich fließt zu viel Geld in ein System, das wegen Fehlanreizen keine entsprechend guten Behandlungsergebnisse liefert. Zu groß aber erschienen die Widerstände – nicht nur von der einflussreichen Krankenhauslobby, sondern auch von Ländern und Kommunen, für die Kliniken politische Prestigeobjekte sind, so etwas wie das in Beton gegossene Versprechen einer funktionierenden Nahversorgung.
Diese Akteure konnten Lauterbachs Nachfolgerin Nina Warken (CDU) an einigen Stellen noch von Entschärfungen überzeugen. Nicht gelungen aber ist dies kleineren Querschnittsdisziplinen, die teilweise noch mehr unter Druck gerieten, und deren künftige Finanzierung nun infrage steht. Bis Montag, so hieß es den Fachgesellschaften gegenüber, sind Änderungen an Warkens Entwurf zum Anpassungsgesetz zur Reform, das sich im parlamentarischen Verfahren befindet, möglich. Doch die Hoffnung der Spezialisten schwindet.
Mit seinen Reformvorschlägen hatte Lauterbach damals die Prämisse geändert: das meiste Geld wird künftig nicht mit einzelnen Behandlungen, sondern mit Vorhaltepauschalen eingenommen. Sie werden ausgeschüttet dafür, dass Krankenhäuser Strukturen bereithalten, um im Ernstfall behandeln zu können. Dazu soll in Zukunft in sogenannten Leistungsgruppen abgerechnet werden. Um die Pauschalen für eine Leistungsgruppe zu erhalten, müssen Kliniken gewisse Standards vorweisen – eine Mindestzahl an Fachärzten etwa und ein Mindestmaß an Behandlungsqualität.
So soll dreierlei erreicht werden: bessere Behandlungen, weniger Doppelstrukturen und weniger Kosten. Der Preis: viele kleine Krankenhäuser müssen schließen oder dürfen nur noch wenige Eingriffe vornehmen, was im ländlichen Raum für Verunsicherung sorgt. Nina Warken (CDU) hat die Umsetzung der Reform von Lauterbach verzögert und einige Ausnahmen ermöglicht. Kritiker monierten, dies unterlaufe die Ziele der Reform, einige Kommunen atmeten auf.
Die Schmerzmedizin betrifft Millionen, spielt aber kaum eine Rolle
Gänzlich anders ergeht es medizinischen Spezialisten in fachübergreifenden Disziplinen, für viele von ihnen haben sich die Aussichten weiter verdüstert. Die Schmerzmedizin, die herauszufinden versucht, was hinter chronischen und akuten Schmerzen steckt und passende Therapien entwickelt, sieht sich nicht ausreichend berücksichtigt. Fachleute der Deutschen Schmerzgesellschaft wie der Lübecker Schmerzmediziner Peter Iblher beklagen, dass ihr Gebiet nicht als eigene Leistungsgruppe vorgesehen ist. Dabei habe die Schmerzmedizin immense Bedeutung in der Versorgung. Mindestens sechs Millionen Menschen seien in Deutschland durch chronische Schmerzen beeinträchtigt. Diese müssen in der Mehrzahl interdisziplinär behandelt werden, weil sich das Leid nicht auf ein Fach beschränkt.
„Bleibt die Schmerzmedizin ohne eigene Leistungsgruppe, ist die momentane Idee, dass diese Gruppe der Neurologie oder der Chirurgie zugeordnet wird“, sagt Iblher, der Chefarzt einer Schmerzklinik auf Fehmarn ist, der F.A.Z. Damit diese Idee funktioniere, müssten Schmerzkliniken aber Strukturmerkmale wie OP-Säle, eine Intensivstation oder Schlucktherapien vorhalten. „Strukturen, die in der Behandlung chronisch Schmerzerkrankter überhaupt nicht gebraucht werden“, so Iblher.
Bleibt es bei der Entscheidung, dass die Schmerzmedizin keine eigene Leistungsgruppe wird, gehen laut den Experten in Deutschland rund vierzig Prozent der etablierten schmerzmedizinischen Versorgungsstrukturen verloren. Für chronische Schmerzpatienten bedeute das eine deutliche Verschlechterung ihrer Behandlungsmöglichkeiten. Dies ist laut Iblher besonders schlimm, „da der Gemeinsame Bundesausschuss bereits 2022 festgestellt hat, dass die Versorgung von Schmerzpatienten hierzulande weder quantitativ noch qualitativ sichergestellt sei“. Nicht nachvollziehen kann Iblher, dass etwa die ebenfalls fachübergreifende Palliativmedizin, die unheilbar Kranke versorgt, eine eigene Leistungsgruppe bekomme, die Schmerzmedizin aber nicht.
Auch die Infektiologie gerät massiv unter Druck
Ähnlich wie Iblher ergeht es den Infektiologen. Ihr Fach, das in der Corona-Pandemie entscheidende Forschungserkenntnisse lieferte und zahlreiche Behandlungen verbesserte, war zwischenzeitlich sogar als eigene Leistungsgruppe vorgesehen, wurde dann aber von Warken gestrichen. Der Kölner Infektiologe Gerd Fätkenheuer sagt im Gespräch mit der F.A.Z.: „Die Zukunft unseres Faches ist in Deutschland nun völlig offen.“
Hierzulande hatte sich die Infektiologie erst in der jüngeren Vergangenheit etabliert. Fätkenheuer listet statistisch nachgewiesene Vorteile, die infektiologische Expertise in Kliniken mit sich bringt: weniger Komplikationen, weniger Wiederaufnahmen und kürzere Liegezeiten etwa, was jeweils die Behandlungskosten senkt. Aber auch eine um bis zu zwanzig Prozent höhere Überlebenschance bei Patienten mit schweren Infektionen. Erst im Jahr 2021 hat die Bundesärztekammer einen Facharzttitel für Infektiologie eingeführt, der Aufschwung wird durch eine Förderung von 100 Millionen Euro pro Jahr aus Bundesmitteln unterstützt. Doch dieses Geld droht, so die Ansicht der Fachgesellschaft, künftig zu verpuffen.
Source: faz.net