Kosten und Nutzen: Die Wirtschaftsraum jener Spiele

Let the Games begin“ – kaum ein Satz ist so aufgeladen mit Erwartungen wie dieser. Wenn Olympische Spiele vergeben werden, geht es längst nicht mehr nur um Sport. Regierungen versprechen wirtschaftlichen Aufschwung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein dauerhaftes „Erbe“ für Gesundheit und Infrastruktur. Doch lohnt sich die Ausrichtung aus volkswirtschaftlicher Sicht tatsächlich?

Auf der Kostenseite fällt die Bilanz ernüchternd aus. Fast alle Olympischen Spiele der vergangenen Jahrzehnte waren deutlich teurer als geplant. Die bislang mit Abstand teuersten waren die Winterspiele 2014 im russischen Sotschi, mit geschätzten Gesamtkosten von rund 40 bis 50 Milliarden Dollar. Die Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo sind deutlich günstiger, aber auch sie werden teurer als geplant: Ursprünglich war von rund eineinhalb Milliarden Euro öffentlicher Infrastrukturausgaben die Rede, inzwischen belaufen sich die Kostenschätzungen auf mehr als das Doppelte als ursprünglich geplant. Vergleichbare Kosten­explosionen gab es bei vergangenen Olympischen Spielen regelmäßig. Hinzu kommen Folgekosten für Wartung und Rückbau sowie das bekannte Problem der „weißen Elefanten“ – Sportstätten, die nach dem Event kaum noch genutzt werden.

Verfall in Cesana: Die Bobbahn der Winterspiele 2006 in Turin ist nicht mehr in Betrieb.Reuters

In Italien hat so mancher als abschreckendes Beispiel die Olympischen Winterspiele in Turin 2006 vor Augen, wo die damals eigens für die Spiele gebauten Skischanzen und die Bobbahn heute verrotten. Bei den jetzigen Spielen wird zwar zu großen Teilen auf bestehende Anlagen gesetzt, dezentral verteilt über etwas mehr als ein Dutzend Sportstätten, aber einiges wurde doch neu gebaut. Für Ärger sorgte im Vorfeld, dass in Cortina allen Versprechen zum Trotz für 120 Millionen Euro die alte Bob- und Rodelbahn durch eine neue ersetzt wurde, obwohl zeitweise auch die Nutzung vorhandener Eiskanäle in Deutschland oder Österreich zur Debatte stand.

Kein Wunder also, dass viele Städte schon Jahre im Voraus ihre Bewerbungen zurückziehen. Hamburg, Boston, Calgary oder zuletzt Stockholm sagten Nein – nicht aus mangelnder Begeisterung für den Sport, sondern aus Skepsis gegenüber der finanziellen Belastung für Steuerzahler.

Kaum belastbare Belege für zusätzliches Wachstum

Der versprochene ökonomische Nutzen ist demgegenüber erstaunlich schwer greifbar. Befürworter verweisen regelmäßig auf zusätzliche Touristen, Investitionen und neue Arbeitsplätze. Doch die empirische Wirtschaftsforschung findet dafür seit Jahrzehnten kaum belastbare Belege. Zwar steigen während der Spiele die Besucherzahlen, gleichzeitig bleiben andere Gäste fern. Hotelpreise steigen, Innenstädte werden gemieden. Solche „Crowding-out“-Effekte führen dazu, dass Wachstum und Beschäftigung allenfalls kurzfristig und in sehr begrenztem Umfang zunehmen.

Angesichts dieser Befunde haben sich die Argumente verschoben. Heute stehen weniger harte ökonomische Wachstumsargumente im Vordergrund als vielmehr der vermeintliche immaterielle gesellschaftliche Nutzen: nationale Euphorie, kollektive Freude, internationales Prestige – und nicht zuletzt ein gesundheitliches Erbe. Die entscheidende Frage lautet daher: Lassen sich solche Effekte überhaupt wissenschaftlich nachweisen. Und wenn ja, sind sie die Milliardenausgaben wert?

Antworten liefert unter anderem die Ausrichtung der Sommerspiele 2012 in London. Als die britische Hauptstadt den Zuschlag erhielt und Paris mit nur vier Stimmen schlug, versprach die Regierung Großes: eine sportlichere Bevölkerung, eine inspirierte Jugend, neue Dynamik für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Rechnung war hoch – rund neun Milliarden Pfund an öffentlichen Mitteln, inflationsbereinigt heute etwa 14 bis 15 Milliarden.

Zeitlich begrenzt und teuer erkauft

Begleitende Befragungen von rund 26.000 Menschen in London, Paris und Berlin in den Jahren vor, während und nach den Spielen erlauben einen selten präzisen Blick auf die Effekte. Der Vergleich mit nicht austragenden Metropolen ermöglicht zudem die Identifizierung kausaler Wirkungen. Das Ergebnis ist zweigeteilt. Auf der emotionalen Ebene zeigen sich klare Effekte: Während der Spiele stiegen die Lebenszufriedenheit und auch der Nationalstolz der Londoner deutlich an, besonders rund um die Eröffnungs- und Abschlussfeiern. Die Bilder perfekt inszenierter Olympischer Spiele, verfolgt von schätzungsweise 900 Millionen Menschen weltweit, erzeugten messbare Euphorie. Doch der Effekt verpuffte rasch. Bereits ein Jahr später war davon nichts mehr zu erkennen. Volkswirtschaftlich interessant ist, dass sich diese Glückseffekte in Geld übersetzen lassen. Die Zahlungsbereitschaft der Londoner für diesen temporären Anstieg an Lebenszufriedenheit lag bei rund 270 Pfund pro Person. Hochgerechnet auf 8,3 Millionen Einwohner im Großraum London, ergibt sich ein Wert von etwa 2,2 Milliarden Pfund. Das ist deutlich weniger als die tatsächlichen Kosten – aber auch kein triviales Ergebnis. Umfragen zeigen zudem, dass auch Menschen außerhalb Londons profitierten, wenn auch in geringerem Maße. Für Großbritannien insgesamt ließe sich damit zumindest ein Teil der Ausgaben rechtfertigen.

Wesentlich schwächer fällt die Bilanz beim versprochenen gesundheitlichen Erbe aus. Zwar begannen unter zuvor sportlich inaktiven Londonern während der Spiele rund sechs Prozent mehr Menschen, regelmäßig Sport zu treiben. Doch der Effekt hielt kaum länger als drei Monate an. Ein Jahr nach der Abschlussfeier waren keine dauerhaften Veränderungen messbar. Auch leichte Rückgänge bei Rauchen und Alkoholkonsum erwiesen sich als kurzfristig. Der Medaillenerfolg des britischen Teams zeigte keinen Zusammenhang mit mehr sportlicher Aktivität.

Was folgt daraus für künftige Gastgeber? Olympische Spiele können kollektive Glücksmomente schaffen, die real und messbar sind. Sie sind jedoch zeitlich begrenzt und teuer erkauft. Ob sich eine Ausrichtung gesamtgesellschaftlich lohnt, hängt entscheidend von den Kosten, der Nachnutzung der Infrastruktur und der Akzeptanz in der Bevölkerung ab. Illusorisch ist hingegen die Hoffnung auf nachhaltiges Wirtschaftswachstum oder tiefgreifende Veränderungen des Lebensstils.

Gerade hier liegt der Beitrag der modernen empirischen volkswirtschaftlichen Forschung: Sie kann helfen, Mythen von realistischen Effekten zu trennen, Zahlungsbereitschaften zu quantifizieren und politische Versprechen empirisch zu überprüfen. Olympische Spiele sind großartige Ereignisse – aber keine Wunderwaffe für Wirtschaft oder Gesundheitspolitik.

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