Kostbarer Ankauf zwischen Würth: Holbeins Madonna hat nun eine Schwester

Seit Kurzem hat Holbeins Darmstädter Madonna eine würdige Compañera. Im Chor der Johanniterkirche von Schwäbisch Hall flankiert oder vielmehr schwebt eine bronzene Muttergottes mit Kind auf dem Arm gleich neben der einst für mehr als fünfzig Millionen Euro als teuerstes Madonnenbild der Welt vom Schraubenmilliardär Würth erstandenen Holbein-Maria.

Die dunkle Mondsichelmadonna hängt an der Wand, etwas zu tief, weil sie und der kleine Erlöser stark auf Untersicht gearbeitet sind, was daran abzulesen ist, dass Mutter und Kind einst in exakt dieselbe Richtung gnädig auf die Gläubigen zu ihren Füßen blickten. Zudem segnet Christus die Herantretenden, die Sphaira-Weltenkugel in seiner Linken, während seine überkreuzten Beine auf Kreuzestod und verheißene Auferstehung vorausweisen. Beide, Holbeins Meisterwerk von 1526 und die neue Maria, sind mithin ihrem Wesen nach Schutzmantelmadonnen.

Als Stilzwitter hat die Madonna um 1600 noch Mittelalterliches in sich

Daher ist alles, was heutige Betrachter bei der gut einen Meter großen Figur auf den ersten Blick wahrnehmen, Unmengen an in schwingenden Löckchen fallendem Haar und wahre Stoffmassen, die in Kaskaden herabfallen. Die Sprache des Stoffs und der mit Juwelen bestickten Bordüren des Marienmantels indes ist noch ganz die mittelalterliche: In der Geburt verlieh die Muttergottes dem göttlichen Knaben menschliches Gewebe, weswegen sie ihn am Oberschenkel ehrfürchtig mit stoffverhüllter Hand hält; zusätzlich verdeutlicht der Bronzegießer die Einkleidung des Gottessohns mit stofflich gedachtem Gewebe durch Marias zärtliches Befühlen eines Gewandzipfels mit der anderen Hand. Andere Teile des Marientuchs formen bildhafte Faltenmotive wie Omega­schlaufen wie jene über ihrem linken Knie oder bilden Ohrmuschelfalten aus. Lediglich dort spannt sich der Stoff faltenfrei und ist die Bronze auf dem linken Knie blank poliert. Dass es sich nicht um dunkel gefasstes Holz, sondern um Bronze handelt, zeigen eben die goldglänzende Stelle am Knie und die Haare, die dünn und recht glatt auf der Wand anliegen und stellenweise durchbrochen sind.

Maria befühlt das ihm verliehene Gewebe, und der Kleine mit Lockenkopf segnet: Hubert Gerhards „Madonna mit Kind“ von 1601 schwebt nun in der Schwäbisch Haller JohanniterkircheTobias Lonsing

Damit und mit der außerordentlichen Feinheit der Faltenmotive sowie der renaissancehaften Anastole, der Elvis-Haartolle über der hohen Stirn des Christusknaben, die eigentlich als Pathosformel von wild entschlossenen antiken Herrschern wie Alexander dem Großen übernommen wurde, klärt sich auch, dass die Bronzegruppe nicht mehr aus dem Mittelalter stammen kann. Sie muss angesichts der gratigen Falten und der papierfein geschnittenen Nase der Madonna um 1600 auf dem Gipfelpunkt der deutschen Renaissance entstanden sein. Genauer eingekreist gehört sie als eine von nur sehr wenigen bronzenen Vertreterinnen zu einem besonderen Unterstil, der sogenannten Dürer-Renaissance. Ab der Jahrhundertwende und sich zu Dürers hundertstem Geburtstag 1628 in zunehmenden Kommemorialfeiern immer weiter steigernd, ergingen sich insbesondere die aus ganz Europa zusammengesuchten Künstler am Prager Hof Kaiser Rudolfs II. in erstaunlich ehrerbietigen Verneigungen vor dem Nürnberger Genie.

Madonnen unter sich: Die Hängung der nur 109 Zentimeter großen  Bronzemaria Gerhards im Chor der Schwäbisch Haller Johanniterkirche gleich neben der Darmstädter Madonna HolbeinsUfuk Arslan

Bevorzugt wurden ab 1600 Dürers fein geschnittene Madonnengesichter wie jenes des Prager Rosenkranzfestes und seine lebhaft zwischen antiker Skulptur und properem Realneugeborenen oszillierenden Christuskinder zitiert, in deren Babyspeck eine Maria wie die nun nach Schwäbisch Hall gelangte ihre Finger mit der charakteristisch gegabelten Michelangelo-Geste graben konnte wie sonst nur die Dangolsheimer Muttergottes Niclas Gerhaert van Leydens. Dürer-Madonnen wurden dem Nürnberger Meister postum zu Ehren in größerer Zahl dreidimensional in Holz geschnitzt und dunkel wie Bronze gefasst oder gleich in dem edlen Material gegossen, was damals sehr à la mode war. Wären nicht aus den Quellen der Künstler der filigranen Madonna und ihr ursprünglicher Aufstellungsort bekannt, könnten zumindest Entstehungszeit und ungefährer Ort rein stilistisch auf den mittleren und südlichen Part des Heiligen Römischen Reiches um 1600 eingegrenzt werden.

Der Schöpfer der Figur lernte beim genialen Giambologna

Es handelt sich um keinen Geringeren als den um 1545 in ’s-Hertogenbosch geborenen und 1620 in München verstorbenen niederländischen Bildhauer Hubert Gerhard, der die Bronze vor Ort in Bad Mergentheim goss. Der oft dem Manierismus zugerechnete Gerhard lernte bei dem in Bronzewerken unerreichten Giambologna, er arbeitete unter anderem für die Fugger in Augsburg und fertigte den atemnehmenden ehernen Erzengel Michael für die Münchner Jesuitenkirche, die zweite des Ordens in deutschen Landen. Der Madonnen-Auftrag für die Deutschordenskommende Mergentheim, von 1527 bis 1809 der zentrale Sitz der Hochmeister des Ordens, nachdem dieser seinen Sitz in Preußen verloren hatte, erging wohl um 1601 von dessen Komtur Maximilian III, Erzherzog von Österreich und Bruder Kaiser Rudolfs II., der sich zuvor vergeblich bemüht hatte, Gerhard an seinen Hof in Prag zu binden. Sie war neben anderen Bronzefiguren von Gottvater und Leuchterengeln für den Altar der Schlosskapelle von Maximilians dortiger Residenz gedacht.

Wie stark ihr überlängter Hals und der schmale Marienkopf nach vorn  gehen zeigt die Seitenansicht: Die beinahe reliefhaft wirkende Mondsichelmadonna Hubert Gerhards von 1601Ufuk Arslan

Vor der Säkularisierung wurde sie in Habsburger Kernlande verbracht. Aus Habsburgerbesitz gelangte die Bronze in eine Privatsammlung und verharrte dort bis zu ihrer „Wiederentdeckung“ 2015 im Katalog der Schau „Bella Figura“ des Bayerischen Nationalmuseums München. Der einen mittleren einstelligen Millionenbetrag teure Erwerb sei nicht zuletzt durch die Vermittlung Philipps Herzog von Württemberg ermöglicht worden, wie die Kulturintendantin der Würth-Gruppe bei der Vorstellung des raren Werks verriet.

2026 scheint, wie auch die Erscheinung der Muttergottes im portugiesischen Fatima vor gut einem Säkulum, ein Marienjahr zu werden. Erst Ende Januar konnte nach hundert Jahren die Altenberger Madonna im Städel mit ihrer leeren Altarhülle wiedervereinigt werden; nun kehrt ein für das Hohenloher Mergentheim geschaffenes Hauptwerk in hohenlohische Lande zurück, zudem in den Chor einer zum Museum umgewidmeten Kirche. In einem solchen stand sie einst, und Pilger berührten so ehrfürchtig wie hoffnungsfroh ihr Knie, um sich bittend an sie zu wenden. Möge sie wie in Fatima Bitten zur baldigen Beendigung des Kriegs in Europa oder zumindest – das war 1917 einer ihrer drei Wünsche an die Menschheit – das Ende der Verbreitung von Irrtümern und Lügen erhören.

Source: faz.net