Diese Geschichte handelt von einem Kriegsverbrecher – oder von einem grandiosen juristischen Fehlschlag. Welche der beiden Geschichten es ist, lässt sich noch nicht sagen. Fest steht nur, dass sie am 24. Juni 2020 beginnt, als Hashim Thaçi, der damalige Präsident des Kosovos, auf dem Weg nach Washington war, wo er im Weißen Haus von Donald Trump erwartet wurde.
Trump wollte gegen Ende seiner ersten Amtszeit einen seiner berüchtigten „Deals“ verkünden, in diesem Fall eine angeblich historische Aussöhnung zwischen Serbien und dem Kosovo, eingefädelt von Richard Grenell. Der war Trumps Botschafter in Deutschland und zugleich sein Sondergesandter für „Friedensgespräche“ zwischen Belgrad und Prishtina. Thaçi sollte das Abkommen im Namen des Kosovos unterschreiben, der serbische Präsident Aleksandar Vučić für Serbien.
Doch Thaçi kam nie in Washington an. Unterwegs erreichte ihn die Nachricht, dass das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag beabsichtigte, Anklage wegen Kriegsverbrechen gegen ihn zu erheben. Chefankläger Jack Smith machte das öffentlich, obwohl sein Antrag noch nicht richterlich bestätigt worden war – womöglich in der Annahme, dass allein die Nachricht von der drohenden Anklage Thaçi davon abhalten werde, nach Washington zu reisen. Tatsächlich brach Thaçi seine Reise ab.
Smith wurde später weltweit bekannt, als er in den USA die Ermittlungen gegen Trump wegen des Sturms auf das Kapitol und der geheimen staatlichen Akten in dessen Anwesen in Mar-a-Lago leitete. Trump und seine Leute betrachteten Smith zu diesem Zeitpunkt längst als Feind. Die Anklage gegen Thaçi, vor allem ihre unüblich eilige Lancierung, sahen sie als Sabotageakt, um Trumps „Deal“ zwischen Serbien und dem Kosovo zu unterlaufen.
Die Vorwürfe gegen Thaçi wiegen schwer
Was immer Smiths Gründe waren: Als die im Juni 2020 öffentlich gemachte Anklage fünf Monate später tatsächlich vom Gericht angenommen wurde, trat Thaçi sofort zurück und stellte sich dem Tribunal. Die Vorwürfe gegen ihn und drei Mitangeklagte wiegen schwer: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Entführungen, Folter, grausame Behandlung von Gefangenen, Mord in 102 Fällen. Die Taten sollen von Männern der „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK) begangen worden sein, deren Sprecher Thaçi war. Zwischen März 1998 und September 1999, so die Anklage, ging die UÇK brutal gegen Kosovo-Serben vor, aber auch gegen Roma und Albaner, die man der Kollaboration mit Serbien verdächtigte.
Träfen die Vorwürfe zu, hätte das auch für Deutschland politische und zeitgeschichtliche Folgen. Schließlich war Thaçi 1999 im Kosovo der wichtigste Partner des Westens bei der elf Wochen dauernden Bombardierung Serbiens durch die NATO, an der sich auch die Bundeswehr beteiligte. Wird er für schuldig befunden, hieße das, dass die NATO im Kampf gegen den serbischen Kriegstreiber Slobodan Milošević mit einem anderen Kriegsverbrecher kooperierte.
Für die damalige Bundesregierung unter dem sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder und dem Grünen Joschka Fischer war Thaçi auch nach dem Krieg ein zentraler Ansprechpartner bei Besuchen im Kosovo. Doch trägt Thaçi wirklich Verantwortung für die Verbrechen, die in der mehrhundertseitigen Anklageschrift aufgelistet werden?
Er bestreitet das – und will darüber reden. Schon Anfang 2023 wurde unserer Redaktion aus Thaçis Umfeld angeboten, das erste Interview mit ihm nach seiner Verhaftung zu führen, im Gefängnis. Im Juli 2023 schrieb ein Verbindungsmann dem zuständigen Korrespondenten: „Hashim schickt Dir schöne Grüße. Wir können ihn gerne zusammen besuchen jederzeit.“
Doch Quellen im Kosovo warnten: Ein Interview zu Prozessbeginn in einer großen westlichen Zeitung, selbst ein kritisch geführtes, könne einschüchternd auf mögliche Zeugen wirken. „Wenn ihr das jetzt macht, sendet das an aussagewillige Zeugen die Botschaft, dass Thaçi im Westen bestens vernetzt ist. Zeugen könnten als Warnung verstehen: Wer gegen Thaçi aussagt, hat auch im Westen keine Freunde“, so ein bestens vernetzter Informant. Das leuchtete ein. Die Redaktion beschloss, zwar Interesse an einem Interview zu bekunden, es aber erst zu führen, nachdem alle Zeugen ausgesagt haben würden.
Das erste Interview mit Thaçi erschien stattdessen im September 2023 in einem kosovarischen Internetportal. Doch Thaçis Interesse, auch in der Frankfurter Allgemeinen gehört zu werden, war ungebrochen. Ein Verbindungsmann schrieb: „Das erste Interview mit Präsident Thaçi wird heute Abend erscheinen in einem Kosovo-Medium. Falls immer noch Interesse besteht, können wir ihn gerne besuchen!“
Im Spätsommer 2025 kam ein Ende der Phase der Zeugenaussagen in Sicht. Inzwischen hatte das Tribunal allerdings die Regeln verschärft, da Thaçi über Besucher aus dem Gefängnis heraus versucht haben soll, Zeugen zu beeinflussen und ihnen Anweisungen für ihre Aussagen zu geben. Ein persönliches Interview war nun nicht mehr möglich. Die Fragen mussten schriftlich eingereicht werden, und die Antworten würden erst nach Prüfung durch das Tribunal freigegeben, hieß es. Ein Interview ohne Möglichkeit zu kritischen Nachfragen ist keines, doch einen Versuch war es dennoch wert – vielleicht würden Thaçis Antworten selbst mit diesen Einschränkungen aufschlussreich sein?
Am 26. August reichte die F.A.S. deshalb eine Liste mit zwölf Fragen ein. Es dauerte vier Monate, bis das Gericht am Heiligabend 2025 per E-Mail mitteilte, Thaçis Antworten seien nun genehmigt. Das Tribunal werde sie per Post übersenden – aber erst, nachdem die F.A.S. ein drei Seiten langes vertrauliches Dokument unterschreibe, in dem festgelegt ist, dass das Interview nur in der vom Gericht gebilligten Fassung veröffentlicht werden darf, ungekürzt und ohne Zusätze.
Im Januar kam Post aus Den Haag
An dieser Stelle erscheint eine Version, die Thaçis Antworten gewichtet und einordnet – etwa den zentralen Aspekt der Bedeutung seines Verfahrens für die NATO und Deutschland, das 1999 erstmals seit 1945 Soldaten in einen Kriegseinsatz entsandte. Die Frage dazu lautete: „Sollten Sie schuldig gesprochen werden, würde das bedeuten, dass der Westen (die NATO) bei der Bombardierung Serbiens 1999 mit einem Kriegsverbrecher kooperiert hat. Bemerken Sie eine gewisse Nervosität bei einigen Akteuren im Westen angesichts eines solchen möglichen Ausgangs?“
Thaçis Antwort beginnt staatsmännisch: „Die NATO-Intervention 1999 wurde getragen von zentralen westlichen Werten der Freiheit, Gerechtigkeit, der Menschenrechte und dem Schutz menschlichen Lebens. Die NATO kam uns zur Hilfe, weil sie verstand, wer wir waren, wofür wir standen und was wir unter Milošević durchmachten. Sie sahen unsere Not.“ Er bedauere, dass Persönlichkeiten wie die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright oder Bill Clintons damaliger Unterhändler Richard Holbrooke nicht mehr lebten: „Sie wären außergewöhnliche Zeugen vor diesem Gericht gewesen. Sie verstanden sowohl den Kontext als auch die Handlungen und Absichten der Kosovaren, ebenso wie Miloševićs Entschlossenheit, ethnische Säuberungen und Völkermord zu betreiben.“
Thaçi erinnerte an den Kontext im Jahr 1999: „Serbien griff das Kosovo an, und das Volk des Kosovos leistete Widerstand.“ Ohne diesen Widerstand und ohne die NATO-Intervention „würde das Kosovo heute nicht existieren. Albanische Kosovaren würden nicht existieren“.
Tatsächlich hatten der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton, der britische Premierminister Tony Blair und andere westliche Politiker 1999 den Schrecken des Völkermords von Srebrenica vor Augen, wo nur vier Jahre zuvor mehr als 7000 gefangene bosnische Muslime von Truppen des serbischen Generals Ratko Mladić erschossen und in Massengräbern verscharrt worden waren. Die NATO hätte das Massaker verhindern können, tat es aber nicht. Im Kosovo durfte man unter keinen Umständen ein neues Srebrenica zulassen – das war eine zentrale Motivation für die westlichen Angriffe auf Serbien 1999.
Ranghohe serbische Angeklagte wurden bereits schuldig gesprochen
Wenn heute nicht die damaligen serbischen Aggressoren, sondern Thaçi und andere ehemalige UÇK-Größen vor Gericht stehen, wirkt das zunächst ungerecht – doch auch hier ist der Kontext wichtig: Sechs ranghohe serbische Angeklagte wurden bereits vom mittlerweile aufgelösten UN-Jugoslawientribunal schuldig gesprochen. Sie erhielten gemeinsam mehr als 100 Jahre Haft. Milošević starb vor der Urteilsverkündung in seiner Haager Zelle an einem Herzinfarkt. Andernfalls wäre auch er mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit schuldig gesprochen worden.
Für kosovo-albanische Verdächtige wurde ein eigenes Tribunal in Den Haag eingerichtet, da sich Kriegsverbrecherprozesse gegen einstige UÇK-Befehlshaber im Kosovo selbst als undurchführbar erwiesen. „Weil wir edle Freiheitskämpfer waren und gegen uns nichts vorliegt“, sagen die Veteranen. „Weil im Kosovo Zeugen, Richter und Staatsanwälte systematisch eingeschüchtert werden“, sagen ihre Gegner.
Doch so notwendig die Aufarbeitung von Verbrechen einzelner UÇK-Kommandeure ist, besteht dennoch die Gefahr, dass der Thaçi-Prozess das historische Bild dessen verzerrt, was sich im Kosovo damals abspielte. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte der Prozess nämlich den Eindruck fördern, beide Seiten hätten in gleicher Weise Verbrechen von gleicher Schwere begangen. Angesichts der jahrelangen systematischen Gewalt des serbischen Staates gegen die Albaner im Kosovo wäre das jedoch grob irreführend.
Was damals geschah, sei gut dokumentiert, schreibt auch Thaçi auf eine Frage dazu: „Das ist keine Frage der Interpretation – es ist Teil der Tatsachenlage, die durch diplomatische Akten und Berichte, internationale Organisationen, Tribunale und Beobachter vor Ort festgehalten wurde.“
Thaçi kritisiert, dass sich die Anklage auf „sogenannte Beweise“ stütze, die von Miloševićs Propaganda in Serbien fabriziert worden seien. Wer solche Dokumente akzeptiere, dürfe sich nicht wundern, „wenn Putins künftige Behauptungen und Fälschungen ähnlich als Wahrheit akzeptiert und gegen Präsident Selenskyj und den ukrainischen Widerstand verwendet werden“. Die Parallele zum Abwehrkampf der Ukraine gegen Russlands Aggression ist offenkundig, wenn Thaçi hervorhebt, dass nicht das Kosovo Serbien, sondern Serbien das Kosovo angegriffen habe. Die Kosovo-Albaner kämpften 1999 „buchstäblich für ihr Menschenrecht, auf dieser Erde zu existieren. Es ging um ihr Überleben als Individuen und als Volk“, so Thaçi.
Zugleich bestreiten jedoch auch Thaçis Anwälte nicht, dass einzelne UÇK-Mitglieder Kriegsverbrechen begangen haben. Sie behaupten aber, dass es in der UÇK weder eine klare Hierarchie noch eine intakte Befehlskette gegeben habe. Deshalb könne Thaçi als zu Kriegsbeginn kaum 30 Jahre alter UÇK-Sprecher und Chefunterhändler für einzelne Verbrechen nicht verantwortlich gemacht werden. Er habe schlicht keine Kontrolle darüber gehabt, was bei den Kämpfen geschah.
Thaçi hebt in seinen Antworten an die F.A.S. den Haager Auftritt des pensionierten US-Generals Wesley Clark hervor, der 1999 Oberbefehlshaber der NATO-Truppen in Europa war. Clark hatte vor Gericht an zwei Verhandlungstagen zu Thaçis Gunsten ausgesagt und die Anschuldigungen als „russische Desinformationskampagne“ bezeichnet. Thaçi zieht wieder einen Vergleich zur Gegenwart: Bekanntlich erhebe Russland heute ähnliche Vorwürfe gegen die Ukraine wie Serbien gegen ihn.
Tatsächlich hatten Clark und andere amerikanische Zeugen ihren einstigen Partner Thaçi vor Gericht zu entlasten versucht: Der sei kein Militärbefehlshaber gewesen, habe in militärischen Fragen nichts zu sagen gehabt, so Clark. Die UÇK sei keine Armee gewesen, sondern nur eine dezentrale Freischärlertruppe, entstanden als Reaktion auf die serbische Unterdrückung, sagten andere Zeugen aus. Thaçi habe keine Ahnung gehabt, was in den einzelnen Kampfgebieten geschah.
Sollte das Tribunal solchen Argumenten folgen, sollte es also einen Freispruch für Thaçi geben, bliebe dennoch eine zentrale Frage offen: Außer den erwiesenen systematischen Massakern, Vertreibungen, Brandschatzungen und vielen anderen Untaten serbischer Truppen im Kosovo, gab es in geringerem Maße auch UÇK-Verbrechen an Serben, Roma und Kosovo-Albanern.
Diese Verbrechen wurden nicht von Aliens begangen, die danach den Planeten verließen. Wenn Thaçi dafür tatsächlich nicht haftbar zu machen ist – wer müsste dann zur Verantwortung gezogen werden? Auch diese Frage haben wir gestellt. Thaçi ging nicht darauf ein. Werden andere es tun? Oder werden diese Verbrechen ungesühnt bleiben?
Source: faz.net