Die an neuen Bündnissen nicht arme Autoindustrie ist um eine Zusammenarbeit reicher. Am Dienstag erklärten der amerikanische Hersteller Ford und der französische Hersteller Renault, erstmals eine strategische Partnerschaft in der Pkw-Entwicklung einzugehen.
Zudem unterzeichneten sie eine Absichtserklärung zur Möglichkeit einer Zusammenarbeit im Nutzfahrzeugsegment. „Die Partnerschaft vereint das Know-how und die industrielle Größe der Renault-Gruppe und von Ford in Europa und wird die Wettbewerbsfähigkeit beider Parteien stärken“, teilten die beiden Konzerne mit.
Konkret sieht das neue Bündnis in einem ersten Schritt vor, dass zwei neue Elektromodelle der Marke Ford auf Basis von Renaults bestehender Ampere-Plattform entwickelt werden. Beide Modelle sollen im B-Kleinwagensegment angesiedelt sein.
Markteinführung 2028 geplant
Sie sollen also nicht konkurrieren mit den größeren Elektromodellen Capri und Explorer, die in den Kölner Ford-Werken vom Band laufen. Produziert werden sollen die neuen Fahrzeuge im „Electricity“ getauften Verbund aus den nordfranzösischen Renault-Fabriken Douai, Maubeuge und Ruitz.
Die Markteinführung ist für das Jahr 2028 geplant. Für die Amerikaner markieren sie nach eigener Aussage „den ersten Schritt einer umfassenden neuen Produktoffensive für Ford in Europa“.
Die beidseitigen Vorteile liegen auf der Hand: Bestehende Kapazitäten von Renault zu nutzen, statt neue Entwicklungs- und Produktionslinien für Elektrokleinwagen aufzubauen, spart Ford Zeit und Geld. Renault wiederum kann sich über eine höhere Auslastung seiner nordfranzösischen Fabriken freuen. Der Grundstein für die neue Partnerschaft wurde im März bei einem Treffen in Detroit gelegt.
Starke Abhängigkeit von Europa
Ford-Chef Jim Farley hob im Gespräch mit der F.A.Z. und anderen internationalen Medien die Komplementaritäten mit den Franzosen hervor. „Wir sind in verschiedenen Bereichen gut, aber wir können uns sehr gut ergänzen“, sagte er. Ford und Renault seien ähnlich groß und könnten gemeinsam sehr viel erreichen, sei es im Wettbewerb mit Stellantis oder den Chinesen.
Die Entscheidung, mit Renault gemeinsame Sache zu machen, ist nach Darstellung der Amerikaner Ergebnis einer reiflichen Überlegung darüber, welche Rolle man nach zahlreichen Umstrukturierungen in Europa spielen will. Der Konkurrenzkampf werde schließlich noch härter.
Wenn man die Elektrifizierung in Europa vorantreiben wolle, müsse der Fokus auf dem B-Kleinwagensegment liegen, ergänzte in dem Pressegespräch der seit Juli amtierende Renault-Chef François Provost. Den strammen Elektrokurs seines Vorgängers Luca De Meo setzt er grundsätzlich fort.
Das liegt auch an der starken Abhängigkeit vom europäischen Heimatmarkt, in dem die Regulierung bislang einen raschen Abschied vom Verbrennungsmotor vorschreibt und auf den rund zwei Drittel des Renault-Umsatzes entfallen. Der übrige Umsatz entfällt fast ausschließlich auf Südamerika, die Türkei und Marokko. Weder in China noch in den USA verkauft Renault Autos.
Viele Synergien
Nach Angaben einer Konzernsprecherin sind in dem nordfranzösischen Fabrikverbund aktuell noch Kapazitäten frei. „Electricity“ entstand unter De Meos Ägide und sollte das „größte und wettbewerbsfähigste Produktionszentrum für Elektrofahrzeuge in Europa“ werden. Der Verbund beherbergt auch eine neue Batteriefabrik des japanischen Unternehmens AESC, das mehrheitlich der chinesischen Envision-Gruppe gehört.
Modelle fremder Hersteller sind in den nordfranzösischen Renault-Werken keine Neuigkeit: Schon heute werden dort auch Modelle der japanischen Hersteller Nissan und Mitsubishi Motors produziert, mit denen die Franzosen eine langjährige, wenn auch in jüngster Zeit gelockerte Partnerschaft verbindet.
Renault verspricht sich viele Synergien von „Electricity“ und wirbt mit kurzen Wegen für die Elektroauto-Produktion made in France. Inklusive der Standorte wie dem konzerneigenen Motorenwerk in Cléon lägen rund 75 Prozent aller Zulieferer im Umkreis von nur 300 Kilometern.
Aufseiten der französischen Regierung bewirbt man auch den weitgehend dekarbonisierten Strommix als Standortvorteil; im vergangenen Jahr lag der Anteil der Kernenergie und erneuerbarer Energieträger an der Stromerzeugung bei 95 Prozent. Bei den Lohnkosten gilt Frankreich hingegen als ähnlich wenig wettbewerbsfähig wie Deutschland.