Konstantin Wecker: Wenn linke Männer mit Jugendlichen Beziehungen nach sich ziehen

Was für eine Überraschung! Auch linke Männer, Männer, die sich für progressiv und kritisch halten, sich selbst sogar als Feministen bezeichnen, haben kein Problem damit, als Erwachsene sexuelle Beziehungen zu Jugendlichen einzugehen. Und da kann der Mann, in dem Fall Liedermacher Konstantin Wecker, noch so sehr über seinen Anwalt betonen lassen, es hätte sich seiner Erinnerung nach „damals um eine einvernehmliche Beziehung zu der jungen Frau“ gehandelt. Es bleibt eine problematische Beziehung zu einer Jugendlichen, keiner Frau.

Am 19. November veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung die Geschichte einer jungen Frau – jetzt, wo sie 30 ist, ist sie wirklich eine junge Frau –, die vor 15 Jahren eine Beziehung mit Wecker hatte. Als sie sich damals kennenlernten, war sie 15, er über 60. Er könnte locker ihr Großvater sein. Bis heute kämpft Johanna, so heißt sie in dem Artikel, mit den Folgen der Beziehung, ist in Therapie. Jahrelang hat sie mit dem, was sie damals durchgemacht hat, gehadert und versucht, etwas für sich als richtig zu erklären, was nie richtig war.

Denn die Bezeichnung „junge Frau“ in der Mitteilung von Wecker ist vollkommen verfehlt. Ein Mädchen mit 15 oder 16 bleibt ein jugendliches Mädchen und ist keine Erwachsene. Johanna und ich sind fast derselbe Jahrgang. Auf den Fotos als wir 15 waren, sehen meine Freundinnen und ich damals so jung aus. Babyspeck in den Wangen, Zahnspangen, dürre Arme und Beine, noch keine ausgebildeten weiblichen Merkmale. Wie kommt ein erwachsener Mann, der Johannas Großvater hätte sein können, darauf, dass diese Beziehung mit einer Jugendlichen einvernehmlich sein kann?

Beziehungen mit Minderjährigen? In Deutschland Alltag

Ganz einfach: Weil es so normalisiert ist. Nur wenige Tage vor der Veröffentlichung der SZ erklärte die US-amerikanische Moderatorin und Podcasthost Megyn Kelly in Bezug auf Epstein, dieser hätte Beziehungen mit „minderjährigen Frauen“ gehabt, die 15 oder älter waren, nicht mit achtjährigen Mädchen. „Minderjährige Frauen“ sind für sie keine Kinder – also kein Problem.

Letztes Jahr sprach Jenny Elvers über ihre Beziehung Ende der 80er mit Ärzte-Mitglied Farin Urlaub. Sie war 17, als sie sich nach einem Konzert kennenlernten, und ging noch zur Schule. Er, neun Jahre älter, bereits bekannter Rockmusiker, zog zeitweilig in ihr Kinderzimmer ein. Öffentlich kritisiert wurde an dieser Beziehung 2024 nichts. Klar, der Altersabstand ist bei Weitem nicht so extrem, wie bei Wecker, und es waren die 80er – die Zeit junger Groupies. Aber dass auch 2024 niemand kurz nachgefragt hat, warum ein erwachsener, erfolgreicher Rockmusiker eine Schülerin datet, zeigt, dass sich seit den 80ern in einigen Bereichen noch viel zu wenig geändert hat.

Wer mit Frauen – egal welchen Alters – spricht, hört viele Geschichten, eigene oder von deren Freundinnen, die zur Schulzeit Männer in ihren 20ern oder 30ern gedatet haben. Ihnen allen haben die Männer Komplimente gemacht, sie dafür gelobt, wie „reif“ sie schon wären. Natürlich fühlen sich Mädchen, die in der Pubertät ihre Sexualität entdecken, dadurch geschmeichelt, als etwas Besonderes, jemand, die anders ist. Gleichaltrige Jungs haben das mit dem Flirten meistens auch noch nicht so gut raus. Dass die älteren Männer sie damit jedoch leicht manipulieren können und auch tun, begreifen viele erst sehr viel später. Mit 15 verstehen die wenigsten, wie viel überlegener einem ein erwachsener Mensch mental und sozial sein kann.

Diese Männer wissen, dass das, was sie tun, falsch ist

Nur langsam ändert sich das. Diesen Sommer entwickelte sich der Song „Who’s That“ von Ikkimel zu einem Trend in den Sozialen Medien, indem ein paar Songzeilen umgedeutet wurden. Während meist junge Frauen in ihren 20ern die Zeilen „Schon wieder Storno, ich bin immer noch die Gleiche / Nach sieben Wodka-Soda weiß ich nicht mehr wie ich heiße / Aber du schon, du Hur’nsohn“ lipsyncen, steht über dem Video etwas wie „Ich war 16, du 26. Ich dachte, ich wär einfach reif für mein Alter. ICH wusste es nicht besser“ oder „Ich war 16 und betrunken. Du 35+ und nüchtern. Ich hab das Problem in dem Moment nicht erkannt“ und „Ich war 17. Ich dachte, 24 ist nicht so viel älter. Ich war verliebt und wusste es nicht besser.“

Aber er eben schon. Er war der Erwachsene, er wusste es besser und hat keine Verantwortung dafür übernommen. Auch junge Männer beteiligten sich an dem Trend, teilten ihre Erfahrungen mit Erwachsenen, meistens Männern, mit denen sie als Jugendliche eine Beziehung oder Sex hatten.

Dass auch Konstantin Wecker es besser wusste, wird aus den Nachrichten klar, die er an die damals 15-jährige Johanna schickte. Er forderte sie auf, die SMS zu löschen, die er ihr schickte, dass sie alles abstreiten müsse, wenn etwas herauskäme. Er wartete bis zu ihrem 16. Geburtstag, bevor er sie küsste, anfasste und mit ihr Sex hatte. Und sie, die Jugendliche? Machte mit, weil sie Angst hatte, die Zuwendung, die sie brauchte, zu verlieren.

Angezeigt hat sie Wecker schlussendlich nie. Wie auch die meisten jungen Menschen auf TikTok ihre Fälle wahrscheinlich nie angezeigt haben. Denn es ist in Deutschland nicht generell verboten, Sex oder eine Liebesbeziehung zu 15- oder 16-Jährigen zu haben. Jugendliche dürfen nicht wählen, keinen Alkohol trinken, nicht Auto fahren, sind nicht voll strafmündig – aber eine sexuelle Beziehung mit erwachsenen Menschen, teilweise deutlich älteren, ist eine juristische Grauzone? Kein Wunder, dass diese Erwachsenen keinen Grund sehen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

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