Die Konjunktur im Osten Europas übertrifft auch im neuen Jahr die Wachstumsperspektiven des Westens. Der von der Bundesregierung mit einem Prozent erhoffte Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland verblasst gegen den erwarteten Anstieg in den Ländern Ostmitteleuropas. Den prognostizieren die Osteuropaexperten vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in diesem Jahr auf 2,7 Prozent. Das entspricht dem Niveau, das auch Ökonomen großer privater und öffentlicher Banken erwarten. In Polen, Deutschlands fünftgrößtem Außenhandelspartner, soll die Wirtschaftsleistung dieses Jahr sogar um 3,7 Prozent anziehen.
Deutsche Unternehmen haben daraus bereits ihre Schlussfolgerungen gezogen. Sie stellen sich auf eine deutliche Expansion ihrer Geschäfte vor Ort ein und planen weitere Investitionen. Nach den der F.A.Z. vorliegenden Ergebnissen einer unveröffentlichten Umfrage des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft und der Beratungsgesellschaft KPMG unter 115 Osthändlern erwartet knapp ein Drittel in diesem Jahr steigende Umsätze in der Region, zwei Drittel bis zum Ende des Jahrzehnts.
Der Osten ist der „wirtschaftliche Stabilitätsanker“ der EU
„In der geopolitisch unsicheren Weltlage bietet Mittel- und Osteuropa deutschen Unternehmen einen aufstrebenden Absatzmarkt in der EU und eine wachsende Beschaffungsregion in unmittelbarer Nachbarschaft“, analysiert Andreas Glunz von KPMG Deutschland die Lage. Dabei löse sich die Region aus ihrer Rolle als reiner Fertigungsstandort. Sie habe sich bereits zu einem integrierten Produktions-, Beschaffungs- und Absatzraum entwickelt. Von einem wirtschaftlichen Stabilitätsanker in Europa spricht Ostausschuss-Geschäftsführer Michael Harms. Er sagt: „Wer heute dort investiert, macht sein eigenes Geschäft zukunftsfest und stärkt die europäische Wettbewerbsfähigkeit.“
Treiber der positiven Entwicklung seien die 155 Millionen Einwohner und deren dank steigender Löhne wachsende Kaufkraft. Allerdings verlören die an Dynamik, warnt Richard Grieveson, WIIW-Vizedirektor. Als Konjunkturtreiber gewönnen deshalb „die Investitionen privater Firmen und der öffentlichen Hand an Bedeutung“. Darunter fallen auch die stark steigenden Verteidigungsausgaben in Ländern wie Polen und Rumänien oder im Baltikum.
Wesentliche Wachstumsimpulse seien davon aber nur zu erwarten, „wenn ein größerer Anteil als bisher in die Beschaffung von Waffen und Ausrüstung investiert wird und diese Güter auch lokal produziert werden, anstatt sie aus den USA und anderen Drittstaaten wie Südkorea zu importieren“, mahnt Grieveson. In der Tschechischen Republik sieht man das offenbar ähnlich. Dort will die Regierung die rüstungsindustrielle Basis gezielt verbreitern, wie Wirtschaftsminister Karel Havlíček unlängst der F.A.Z. sagte.
Mehr Rüstungsgüter vor Ort produzieren
Ein Treiber des Wachstums sind die hohen Zuschüsse und günstigen Kredite, die die EU den Staaten zur Verfügung stellt. Sie speisen sich aus dem laufenden Brüssler Haushalt sowie speziellen Programmen, wie dem 150 Milliarden Euro großen Paket für Rüstungsbeschaffung (Security Action for Europe, SAFE) oder dem noch größeren Post-Corona-Paket Next Generation EU, wofür allerdings nur noch bis zum Spätsommer Anträge gestellt werden können.
Die Zollpolitik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zieht auch in Ostmitteleuropa Unternehmen in Mitleidenschaft. In der Befragung klagte jedes sechste Unternehmen über eine wachsende Konkurrenz durch chinesische Anbieter, die wegen der US-Zölle verstärkt in Mittel- und Osteuropa investierten und dorthin exportierten.
Jeder Zweite will in der Ukraine investieren
Für deutsche Unternehmen verstärke Polen derweil seine überragende Bedeutung als Investitionsstandort. Große Chancen sähen die Betriebe aber auch in der Ukraine. Trotz des russischen Angriffskriegs erwögen 48 Prozent der befragten Unternehmen, innerhalb der nächsten zwölf Monate in der Ukraine zu investieren. 19 Prozent planten, dies auch dann zu tun, falls der Krieg fortgesetzt werde. Die Ukraine bleibe ungeachtet des Kriegs ein Zukunftsmarkt für die deutsche Wirtschaft, heißt es beim Ostausschuss.
Allerdings brauchen die Investoren einen langen Atem. Laut WIIW-Prognose wächst die Wirtschaft der Ukraine, die bald in das fünfte Jahr des russischen Angriffskrieges geht, nur um 2,5 Prozent – und damit geringer als ihre Nachbarn im Westen. Die großen Zerstörungen der Energieinfrastruktur durch die russischen Luftangriffe und die großflächigen Stromausfälle untergrüben zunehmend die Wirtschaftstätigkeit. Hinzu komme der Ausfall zerstörter Produktionsanlagen und der grassierende Arbeitskräftemangel als Folge von Flucht und Mobilisierung.
„Für die wirtschaftliche Erholung und den Wiederaufbau wird alles davon abhängen, ob der Westen der Ukraine glaubwürdige Sicherheitsgarantien gewähren wird oder nicht“, sagt Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des WIIW. Sollten die wasserdicht sein, könnte das in der gesamten Region zu einem Wirtschaftsboom führen. „Andernfalls werden sich ausländische Investoren zweimal überlegen, in der Ukraine zu investieren.“ Und dann fehle es an privatem Kapital für den Wiederaufbau und einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung.
Besser als in Ostmitteleuropa dürfte die Wirtschaftsentwicklung abermals auf dem Westbalkan ausfallen, wo die WIIW-Experten einen Zuwachs um 3,1 Prozent erwarten.