Das deutsche Glas ist bekanntlich oft halb leer, und lange war der gefühlte Pegelstand nicht mehr so niedrig wie heute. Kein Wunder: Das Narrativ einer dem Untergang geweihten Wirtschaft schreibt sich beim Studium der aktuellen Nachrichtenlage von allein. Das Wachstum hat sich nach dem Energiepreisschock von 2022 nie richtig erholt. Die Industrie verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Exporte in die USA und nach China schwächeln, und die angespannte geopolitische Lage belastet zusätzlich.
Nicht geholfen hat dabei das Ringen um die Zukunft Grönlands zwischen Amerika und der EU. Entsprechend dominieren die Negativnachrichten. Das ist verständlich, aber auch gefährlich. Ein Land, das sich selbst für wirtschaftlich gelähmt erklärt, erzeugt genau jene Investitions- und Konsumzurückhaltung, die es anschließend beklagt.
Eine gute Kombination
Wenn die gegenwärtige Konjunkturschwäche auch eine Frage der Erwartungen ist, dann liegt ein wesentlicher Hebel in Berlin. Der notwendige Investitionsspielraum ist gegeben – nun muss er sinnvoll genutzt werden: Investitionen in die Zukunft statt Quersubventionierung sozialer Ausgaben, Strukturreformen statt Bürokratieinfarkt und wirtschaftliche Entschlossenheit statt politischem Kleinkrieg. Insbesondere was Letzteres betrifft, liegt vieles im Argen. Doch wer genau hinschaut, stellt fest, dass es erste konkrete Hoffnungsschimmer gibt.
Vor allem bei der Investitionsförderung hat die Regierung 2025 einiges auf den Weg gebracht. Seit dem Sommer läuft das Investitionssofortprogramm, Steuern wurden gesenkt und Abschreibungen vereinfacht. Der Deutschlandfonds wurde aufgesetzt, der dazu dienen soll, privates Kapital zu mobilisieren. Zusätzlich werden 2026 die ersten 50 Milliarden Euro aus dem Infrastrukturpaket fließen.
Keine dieser Maßnahmen ist für sich genommen ein Allheilmittel. In Kombination setzen sie aber notwendige wirtschaftliche Impulse, die für eine spürbar anziehende konjunkturelle Dynamik sorgen sollten.
Tatsächlich gibt es erste Anzeichen einer sich anbahnenden Erholung. Die Auftragsbücher der Industrie füllen sich endlich wieder: Im November verzeichnete die Branche ein Plus von nahezu sechs Prozent, im Jahresvergleich sogar einen Zuwachs von über zehn Prozent. Auch die Industrieproduktion gewinnt zunehmend an Schwung. Diese erfreulichen Entwicklungen spiegeln sich inzwischen auch in den ersten Stimmungsindikatoren wider, die signalisieren, dass sich die Unternehmen allmählich aus dem Stimmungstief herausarbeiten. Ermutigend ist auch, dass der wöchentliche Aktivitätsindex der Bundesbank wieder in den positiven Bereich zurückgekehrt ist.
Es ist richtig, sich angesichts einer zunehmend erratischen Weltpolitik Sorgen zu machen. Und es ist ebenso legitim, den Reformstau in Deutschland zu beklagen. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche Wirtschaft die Talsohle wohl durchschritten hat. Das deutsche Glas wird vermutlich noch lange nicht überlaufen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Der Pegel steigt wieder.
Die Autorin ist Chefvolkswirtin der DZ Bank.