Herr Hübner, die Bauwirtschaft war vier Jahre lang in der Krise. Jetzt schleust der Staat mit seinem milliardenschweren Infrastrukturprogramm neue Aufträge in die Bücher. Was erhoffen Sie sich vom neuen Jahr?
2026 wird mit Sicherheit sehr viel besser als das alte Jahr. Dass die vorläufige Haushaltsführung des Bundes erst im September aufgelöst wurde, hatte vieles gebremst. Notwendige Investitionen sind nicht ins Laufen gekommen. Nehmen sie den Straßenbau, dort wurden 25 Prozent weniger Asphalt verbaut als im Jahr zuvor. Es wurden also, einfach gesagt, weniger Straßen gebaut oder saniert. Trotzdem hat sich die Wende schon abgezeichnet. Wir gehen davon aus, dass die Produktion über alle Sparten auch schon 2025 insgesamt real leicht gewachsen ist, etwa um ein Prozent.
Wie kommts? Zum Jahresbeginn ging die Industrie noch davon aus, dass die Produktion zum fünften Mal in Folge schrumpfen würde.
Der Wohnungsbau hat sich immerhin auf niedrigem Niveau stabilisiert, eine Erholung ist das nicht. Profitiert hat die Baubranche vor allem von Großaufträgen, etwa für die Stromtrassen. Deshalb ist der Auftragseingang im Jahresvergleich über alle Sparten hinweg um 7,5 Prozent gestiegen.
Was erwarten Sie in diesem Jahr?
Wir rechnen mit einem realen Produktionswachstum von 2,5 Prozent.
Wird auch der Wohnungsbau wieder zulegen?
Davon gehen wir aus. Wir rechnen mit Wachstum in allen Sparten, konkret mit zwei Prozent im Wohnungsbau, vier Prozent im Wirtschaftsbau und 1,5 Prozent im öffentlichen Bau.
Das wäre die Wende.
Definitiv. Das ist die Wende.
Trotzdem fällt Ihre schwache Prognose für den öffentlichen Bau auf. Immerhin stehen mit dem Infrastrukturpaket 500 Milliarden Euro für Investitionen in Brücken, Straßen und Tunnel zur Verfügung. Das müsste doch einen Turbo auslösen.
Wir sehen schon, dass jetzt mehr Ausschreibungen geplant sind. Richtig angekommen sind die in den Auftragsbüchern aber noch nicht.
Das Problem ist, dass viele Planungen noch nicht ausschreibungsreif sind. Noch immer dauert vieles viel zu lang. Ich nenne Ihnen zwei extreme Beispiele: Die bundeseigene Autobahn GmbH hat jetzt den Planfeststellungsbeschluss für den Lückenschluss der A1 in der Eifel gefeiert. Glückwunsch: Dafür hat man 53 Jahre gebraucht! Oder nehmen Sie den Riederwaldtunnel bei Frankfurt, dort hat die Planfeststellung mehr als 40 Jahre gedauert. Für rund zwei Kilometer Lückenschluss. Daran sehen sie, dass wir noch ein Problem haben in Deutschland: manche Planungen fressen absurd viel Zeit.
Woran liegt es?
Mal ist es mangelnder politische Wille, vor allem aber die schier unendliche Macht der Verbandsklagen. Umweltverbände und Organisationen haben ein Klagerecht über die gesamte Dauer eines Bauprojektes, auch wenn sie nicht betroffen sind.
Die Idee war, dass damit dem Naturschutz Rechnung getragen wird. Aber der Bund plant bekanntlich sowieso eine Reform…
Die ist auch dringend nötig. Ich sage klar und deutlich: Wir wollen Naturschutz nicht abschaffen oder beschneiden, aber wir müssen abwägen, ob es an Ort und Stelle wichtiger ist, vier Haselmäuse zu schützen oder 10.000 Bürger von Lärm zu entlasten. Diese Zielkonflikte bestehen auch im Hochbau. Wenn in der Hauptstadt Zehntausende Wohnungen fehlen und junge Familien mit ihren Kindern in beengten Verhältnissen leben, muss doch bitte schön die unkomplizierte Umsiedlung einer Zauneidechse möglich sein.
Die Bundesregierung hat weitere Vereinfachungen angekündigt, damit es schneller geht. Ist das nicht genug?
Ich hoffe. Trotzdem muss man schauen, ob es so weit kommt. Dass bei einem Ersatzneubau kein umfangreicher Planfeststellungsbeschluss nötig ist, klingt gut. Aber wir müssen erst mal abwarten, was in der Praxis alles unter Ersatzneubau fällt und was nicht.
Die Bauwirtschaft ist bekanntlich zersplittert. Kleinere Unternehmen fürchten, dass das viele Geld vor allem über Generalunternehmer vergeben wird und sie sich später nur um die Brosamen bemühen dürfen.
Ich kann kaum glauben, dass heute noch so über die Vergabe von einzelnen Fachlosen gestritten wird. Wir brauchen eine Vielfalt an Vergabemöglichkeiten. Fach- und Teillose – aber eben auch Generalunternehmervergaben. Wir reden über wichtige Projekte der Infrastruktur: Straßen, Brücken, Rechenzentren, Strom-Trassen, Kasernen. Hier geht es auch um Zeit, ein Riesenvorteil von Generalunternehmervergaben, weil ein Brückenbau eben nicht in 20 Einzelvergaben bis ins Kleinste zersplittert wird. Die Angst vieler kleiner Bauunternehmer ist unbegründet. Als wenn es künftig nur noch Generalunternehmer gebe, das gibt die Masse kleinerer Bauprojekte gar nicht her. Generalunternehmer vergeben Aufträge natürlich an Nachunternehmer, lokal und regional. Und kein Generalunternehmer kann es sich leisten, seine Nachunternehmer nicht fair partizipieren zu lassen. Das macht ein Generalunternehmer genau einmal.
Sie klingen pessimistisch. Die Bundesregierung hat vom „Bauturbo“ über geänderte Förderkulissen für private Häuslebauer doch einiges angeschoben, damit das Bauen schneller geht. Hat sich denn bislang gar nichts geändert.
Doch, es gibt auch gute Beispiele. Nehmen Sie die Rahmedetalbrücke. Die Zusammenarbeit dort zwischen Verwaltung und Industrie war exzellent, und das unabhängig von den neuen Reformen.
Was war besser?
Das Ausschreibungsverfahren war funktional, das heißt die Bauweise für die Brücke wurde nicht vorgegeben. Die Unternehmen konnten bei ihrer Bewerbung entscheiden, mit welchen Verfahren sie bauen. Auch nach der Vergabe ist alles Hand in Hand gelaufen, das war wirklich exzellent. Können Sie sich noch an unser Gespräch vor zwei Jahren erinnern? Ich habe Ihnen eine Bauzeit von zwei Jahre prognostiziert, meine Annahme wurde belächelt, sogar kritisiert. Heute sage ich: Seht ihr? So kann es auch laufen.
Werden solche Projekte nicht immer funktional ausgeschrieben?
Nein, aber wir hoffen, dass das passiert. Die Verwaltungen könnten das tun, aber sie trauen sich oft nicht. Oft werden Planungsbüros beauftragt, teilweise werden von denen dann Bauverfahren verlangt, die schon lange nicht mehr „State of the art“ sind. Wenn Sie funktional ausschreiben, kann jedes Unternehmen seine eigenen Ideen einbringen.
Bleiben wir beim Infrastrukturpaket. Von den 500 Milliarden Euro wurde 2025 angeblich schon 37 Milliarden Euro verplant. Was erwarten Sie dieses Jahr?
Wir wissen es schlicht nicht.
Wenn die Welle rollt, reichen dann die Kapazitäten? Die großen französischen Konzerne stehen angeblich bereit, um sich einen Teil des Kuchens zu holen.
Das erwarte ich nicht. Und ja, unsere Kapazitäten reichen. Sie sehen das daran, dass in den letzten Jahren trotz schwieriger Lage kein Personal abgebaut wurde. Und die Betriebe im Tiefbau sind nicht voll ausgelastet. Die Maschinenauslastung liegt nach unserer Einschätzung bei rund 70 Prozent, es gibt also noch Luft nach oben.
Trotzdem könnten auch große Baukonzerne etwa aus Frankreich oder Spanien anrücken.
Nein, das wird die absolute Ausnahme bleiben. Das Bau-Geschäft ist und bleibt in ein nationales Geschäft, allein wegen der Fachkräfte, die örtlich gebunden sind. Hinzu kommt das ganze Drumherum: Man muss sich mit nationalen Vorschriften, Regeln, Normen auskennen. Einfach mal für ein Projekt reinkommen und dann wieder raus, reicht nicht. Der Vorschriftendschungel ist dafür zu dicht. Klar könnten Sie sagen, Strabag gehöre einem österreichischen Konzern, Eurovia einer französischen Mutter. Trotzdem sind beides etablierte deutsche Unternehmen, die hier Steuern zahlen und für Beschäftigung sorgen – mit einem ausländischen Hintergrund. Jeder, der mit unsäglichem Populismus Stimmung gegen diese Unternehmen macht, sollte sich fragen, wie er eigentlich zu Europa steht. Dieses bewusst angstmachende „Groß gegen Klein“-Gerede ist einfach von gestern.
Wie läuft es mit der Bahn? Das Budget für die Sanierung wurde erheblich aufgestockt.
Das stimmt, die vorgesehenen 22 Milliarden Euro sind eine exorbitant hohe Summe. Aber das Geld soll bekanntlich nicht nur in die Infrastruktur, sondern auch in die Klimaneutralität fließen, dieser Nachsatz wird häufig vergessen. Wir haben schon Bedenken, ob das alles bei der Infrastruktur ankommt. Hinzu kommt, dass der Bund von den 22 Milliarden gut 18,7 Milliarden aus dem Kernhaushalt herausgenommen und in das Sondervermögen verschoben hat. Das ist schon eine Mogelpackung, denn dafür war das ja nicht gedacht. Es sollte ja zusätzlich komme.
Die erste Sanierungsstrecke, die Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim, wurde offenbar zügig und gut fertiggestellt. Wie ist Ihre Zwischenbilanz?
Die Riedbahn war exzellent vorbereitet und sie wurde gut abgewickelt, sowohl vom Auftraggeber als auch den Bauunternehmen, ohne Frage. Bei den nächsten Korridoren sehe ich das kritischer. Man merkt, dass die Bahn sich nicht mehr so intensiv vorbereiten kann wie bei der Riedbahn. Im Gegenteil, zum Teil sind die Ausschreibungen wirklich schlechter geplant.
Wie kann das sein, nachdem beide Seiten jetzt Erfahrungen sammeln konnten?
Die alten, erfahrenen Recken der Bahn sind im Ruhestand und es kamen zu wenige nach. Fachleute, die beurteilen können, ob die Projekte so auch umsetzbar sind. Heute kommt es vor, dass Projekte ausgeschrieben werden, bei denen sich erst danach herausstellt, dass sie so nicht funktionieren können. Das ist bei schwindelerregenden Summen von 22 Milliarden Euro ein echtes Problem. Deshalb brauchen wir noch mehr Partnerschaft und Kooperation zwischen Bahn und Industrie. Schließlich wäre es nicht vermittelbar, dass wir drei Jahre hintereinander 22 Milliarden Euro investieren und dann feststellen, dass das Schienennetz genauso schlecht ist wie vorher.
Wenn immer mehr Aufträge kommen, die Ausländer sich nicht trauen, steigen die Baupreise dann weiter?
Die Wirtschaftsforschungsinstitute gehen davon aus, dass die Baupreise in diesem Jahr um 3,3 Prozent steigen, im nächsten Jahr dann noch mal um 3,6 Prozent.
Wie erklären Sie sich die Steigerung?
Zum einen durch die hohen Lohnabschlüsse und Angleichung der Löhne in Ost und West. Aber das will ich nicht kritisieren, 36 Jahre nach der Wiedervereinigung wird das Zeit. Hinzu kommen höhere Energiepreise und noch immer hohe Materialpreise.
Damit hat die Bundesregierung ihr Ziel verfehlt, zumindest die Wohnbaukosten zu senken.
Ja, so kann man das sehen. Es gibt aber auch Gegenmaßnahmen.
Was ist denn mit dem Gebäudetyp „E wie einfach“ – um einige Vorgaben abgespeckt. Wird er wie erhofft die Baukosten senken?
Solange er nicht vollkommen rechtssicher umgesetzt werden kann, wird er nichts bringen. Außerdem kommt er erst 2027. Noch bauen die Bauunternehmen aus Rechtsunsicherheit also nach den sogenannten anerkannten Regeln der Technik. Dieser Umstand schraubt die Anforderungen seit Jahren unnötig nach oben. Denn: Weder das Bauunternehmen noch der Bauherr wird die Geschoss-Decken einfach dünner ziehen oder weniger Lärmschutz bauen. Dann wären die anerkannten Regeln der Technik nämlich nicht erfüllt und jeder Richter Ihr Gegner. Wenn der Gebäudetyp E dann kommt, kann er zum Bau-Booster werden. Noch ist es aber nicht soweit.
Um den Wohnungsbau attraktiver zu machen, hat die Bundesregierung doch einiges auf den Weg gebracht: die Förderung vereinfacht – es gibt nur noch Neubau oder Modernisierung, die Förderung des Effizienzhauses 55 wieder aufgenommen, den Bauturbo angekündigt, um Vorgaben zumindest vorübergehend einzudämmen, dazu das Budget für sozialen Wohnungsbau erhöht. Reicht das nicht?
Eigentlich müsste normaler Wohnungsbau ganz ohne staatliche Förderung möglich sein. Das ist beim sozialen Wohnungsbau ohne Frage anders. Aber zu Ihrer Frage: Vieles was die Bauministerin angestoßen hat, ist gut und wichtig, aber wir müssen sehen, was in der Praxis passiert. Die neue Förderkulisse startet ebenfalls erst im Jahr 2027, damit wird die aktuelle Dynamik gleich wieder eingebremst. Und ob die Kommunen die Freiheiten des Bauturbos nutzen, ist auch nicht sicher. Ich schätze, einige haben höllische Angst davor, dass sie doch beklagt werden, wenn sie den Turbo anwenden und lassen es lieber. Wir haben dazu noch keine Erkenntnisse.
Mit wie vielen fertig gestellten Wohnungen rechnen Sie in diesem Jahr?
Wir gehen von einem Rückgang auf 200.000 aus, 2025 dürfte es 225.000 gewesen sein.
Das wäre ja noch weiter weg vom ausgegebenen 400.000er Ziel der Bundesregierung! Wieso erwarten Sie einen Rückgang?
Die Auftragsbücher der Unternehmen im Wohnungsbau geben es einfach nicht her, Stornierungen sind kürzlich sogar wieder gestiegen, die Genehmigungen ziehen erst seit kurzer Zeit allmählich wieder an. Das Baugeschäft ist aber ein Geschäft von langen Zeiten und versetzten Auswirkungen. Was ich heute plane, wird in Monaten genehmigt und dann irgendwann mal gebaut, wenn die Finanzierung noch steht. Der Bauprozess ist ein Tanker. Das Bauen selbst ein flottes und effizientes Beiboot, wenn man es lässt.