Vor mehr als zehn Jahren hat sich Deutschland schon einmal kollektiv auf die Suche gemacht. Damals forderte die Bundesregierung ihre Bürger auf, ihre verschollenen Impfpässe zu suchen. Dann kam die Corona-Pandemie, und der Impfpass wurde zur Eintrittskarte für das soziale Leben. Mit einer ähnlichen Verve sollten sich die Bürger im neuen Jahr auf die Suche nach ihrer PIN für die Onlinefunktion ihres Personalausweises machen, denn die ist der Eintritt in das digitale Leben: Ob Eltern- oder Arbeitslosengeld, der digitale Fahrzeugschein oder die elektronische Patientenakte – alles lässt sich schon digital beantragen oder auf das Smartphone herunterladen, wenn nur die PIN auffindbar wäre. Anfang 2027 soll endgültig der Durchbruch gelingen: Dann stehe die digitale Brieftasche für das Smartphone bereit, verspricht Digitalminister Karsten Wildberger. Dort können die Bürger ihren Ausweis, Führerschein und Zeugnisse sicher hinterlegen. Nicht nur für Behördengänge ist das interessant, auch etliche private Unternehmen setzen schon auf den Online-Personalausweis – und jede Woche werden es mehr. Wer jetzt seine PIN nicht kennt, wird digital abgehängt.
Die gute Nachricht: Jeder Bundesbürger hat sie schon – zumindest theoretisch. Seit fünfzehn Jahren gibt es die Onlinefunktion des Personalausweises, jahrelang konnte man allerdings wenig mit ihr anfangen. Der Zettel mit der PIN verstaubte deshalb in Schränken oder wanderte gleich in den Müll; bei nur 42 Prozent der Ausweisbesitzer ist sie einsatzbereit.
Die schlechte Nachricht: Wer seine PIN nicht wiederfindet, hat erst einmal Arbeit, denn eine neue kann man sich derzeit nur auf dem Bürgeramt ausstellen lassen. Das sollte die Bundesregierung dringend ändern. Bis vor zwei Jahren konnte man die PIN auch durch einen Onlineantrag zurücksetzen lassen, der neue Zahlencode musste dann aufwendig zugestellt werden. Aus Kostengründen hat die Ampelregierung das Verfahren eingestellt. Das war schon damals keine gute Idee. Jetzt ist es aber so dringend wie nie, dass die Bürger bei der Digitalisierung mitmachen. Dass die Reise ausgerechnet mit einem Besuch beim Bürgeramt begonnen werden muss, dürfte schwer zu vermitteln sein.