Kommentar zur geplanten EU-Gunstbezeigung: Mini-Atomreaktoren sind keine Lösungskonzept


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Stand: 10.03.2026 • 19:05 Uhr

EU-Kommissionschefin von der Leyen will die Entwicklung von Mini-Atomreaktoren fördern. Ein Fehler – denn die teure Technologie existiert nur auf dem Reißbrett und verschreckt Investoren.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen macht eine Rolle rückwärts. Sie will wieder auf Atomenergie setzen und diese Kehrtwende sogar mit EU-Mitteln fördern. Da fragt man sich natürlich: Warum ist das überhaupt nötig, wenn die Atomenergie nun wieder ein Erfolgsmodell sein soll?

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Neben Sicherheitsproblemen und der immer noch ungelösten Entsorgungsfrage sind es vor allem die hohen Kosten, die private Investoren abschrecken. Atomkraft rechnet sich nicht, deshalb machen Investoren einen großen Bogen um neue Kraftwerke. Dort, wo sie laufen, hängt die Atomkraft am Tropf staatlicher Subventionen.

Nirgends in Europa ist das so offensichtlich wie in Frankreich. Der letzte Neubau in der Normandie ging erst kürzlich ans Netz – nach sage und schreibe 17 Jahren Bauzeit und mit einer beispiellosen Kostenexplosion. Am Ende war das Kraftwerk mehr als sechs Mal so teuer wie geplant. So etwas kann sich eigentlich kein Staat leisten, schon gar nicht das hoch verschuldete Frankreich.

Frankreich will auf Mini-Reaktoren setzen

Dann müssen die alten Reaktoren eben länger laufen – das war zuerst die Antwort von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Die Laufzeit liegt inzwischen bei einer Lebensdauer, die man sich vor einigen Jahren noch nicht vorstellen konnte. Weil aber auch 60 Jahre mal zu Ende gehen, setzt der französische Staat nun auf den Neubau von sogenannten Mini-Atomreaktoren. Sie sollen die Rettung bringen, sind aber auch teurer als gedacht. Und das ist der Grund, weshalb Frankreich zusammen mit einigen anderen EU-Ländern seit Monaten enormen Druck in Brüssel macht und Unterstützung einfordert.

Dass Kommissionspräsidentin von der Leyen dem Druck jetzt nachgibt, ist ein Fehler. Die Mini-Atomreaktoren sind nämlich nicht nur klein und teuer, sie existieren bisher nur auf dem Reißbrett. In der westlichen Welt jedenfalls ist noch kein Mini-Atomreaktor im kommerziellen Betrieb, in den USA sind private Investoren reihenweise abgesprungen.

Mini-Atomreaktoren als Investitionsgrab

Kein einziger Zulieferer weltweit kann im Moment eine Bauzeit zusagen und zu vereinbarten Kosten anbieten – darauf wies kürzlich der Chef von Deutschlands größtem Stromerzeuger RWE, Markus Krebber, hin. Sein Fazit: Null Bereitschaft, ein solches Investitionsrisiko zu übernehmen. Wenn die ganz Großen der Energiewirtschaft in den Mini-Atomreaktoren ein Investitionsgrab sehen, sollte die EU nicht noch öffentliches Geld hinterherwerfen.

Die EU-Gelder, die von der Leyen in Paris versprochen hat, sind besser eingesetzt für erneuerbare Energien. Und vor allem für die Entwicklung von Speichertechnologie. Das ist weniger riskant, bringt günstigeren Strom für Verbraucher und Industrie. Und, auch nicht unwichtig: Es hinterlässt unseren Kindern und Enkelkindern keine Müllhalden mit Atomabfall.

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Source: tagesschau.de