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Leicht konnte der Eindruck entstehen, Ex-Prinz Andrew würde nur mit Samthandschuhen angefasst. Seine heutige Festnahme dürfte zumindest ein kleiner Trost sein. Und doch ist sie zu wenig und kommt zu spät.
Bei Republic, der Kampagnenorganisation der britischen Monarchiegegner, dürften heute die Korken knallen. Sie hatten den Ex-Prinzen Andrew bei der Thames Valley Police wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch angezeigt. Also bei der Polizei, die Andrew nun festgenommen und zwei Adressen in Berkshire und Norfolk nach Beweisen durchsucht hat.
Die Ermittler hätten Andrew auch unauffällig für ein Gespräch vorladen können. Stattdessen gingen sie in die Vollen, setzten wohl auf das Überraschungsmoment, damit keine möglichen Beweise beseitigt werden. Auch der Palast soll von der geplanten Festnahme nichts gewusst haben.
Für all jene, die jahrelang kritisiert hatten, dass Andrew als Mitglied der Königsfamilie mit Samthandschuhen angefasst werde, obwohl sich Hinweise verdichteten, dass seine Beziehung zum verurteilten Sexualstraftäter Epstein eng war, dürfte die Festnahme ein kleiner Trost sein. Endlich greift die Polizei mal durch.
Königsfamilie muss sich verantworten
Doch das Gefühl bleibt: too little, too late. Also: zu wenig, zu spät. Nicht nur Andrew, auch der Rest der Königsfamilie hat Fragen zu beantworten: Wie viel wussten die Royals von Andrews Machenschaften? Er soll Epstein – auch nach seiner Verurteilung – zu sich eingeladen haben, auch zu einer Geburtstagsfeier. Mindestens eine von Epstein vermittelte Frau soll durch königliche Paläste geführt worden sein. Das will wirklich niemand mitbekommen haben?
Das Gefühl, die Monarchie stünde über dem Gesetz, die Wut darüber, dass Andrew auf Kosten der Steuerzahler in Saus und Braus lebte, hat sich bei vielen Briten längst festgesetzt. Vergangenes Jahr gab es historisch schlechte Umfragewerte für das Königshaus.
Das Statement von König Charles, das Gesetz müsse seinen Lauf nehmen, aber er könne sich wegen laufender Ermittlungen nicht weiter äußern zu dem Fall, ist vermutlich trotzdem nicht das, was viele Briten jetzt hören wollten. Denn das hier ist die größte Krise der britischen Monarchie seit dem Tod von Prinzessin Diana.
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Source: tagesschau.de