Osterbräuche in reformierten aargauischen Dörfern und Fastnachtsrituale im Wallis haben das wilde Verhalten der Kostümierten gemeinsam. Aber was auffällt, bevor Geschrei und Kuhglockenläuten, Besenschwingen und Eiersammeln beginnen, sind die Materialien, die hier wie dort zur Verkleidung verwendet werden. Um sich in wilde Männer und gefährliche Tierwesen zu verwandeln, kommen Stroh, Tannenzweige, Hobelspäne, Stechpalmenzweige und Jutesäcke zum Einsatz – reine Naturmaterialien, wie sie fern der Städte zum Alltag gehören.
Stroh haben die Bauern, Hobelspäne können die Tischler sammeln, Tannen umstehen das Dorf, in Jutesäcken werden traditionell Dinge transportiert. Die Masken werden aus heimischen Holzarten in Familien selbst geschnitzt und angemalt. Der „Tannästler“ etwa ist von Kopf bis Fuß mit grünen Nadelzweigen bedeckt, das Maskengesicht ist waldgrün angemalt, gelbe buschige Augenbrauen, eine ungestalte Nase und in alle Richtungen stehende Zähne machen das Forstmonster vollständig.
Vierzig Kilogramm Stroh im Ganzkörperanzug
Der „Hobelspänler“, ein fluffiger Ball aus spiralig wie Locken in die Gegend springenden Spänen, muss unvorstellbar gut nach frischem Holz riechen. Wer sich als Straumuni – oder, wie es im Wallis heißt, Empaillé – ausstaffieren will, schafft das nicht allein. Einmal in den aus Jutesäcken genähten Anzug geklettert, muss der Strohmann von anderen mit Stroh ausgestopft werden, bis er richtig prall aussieht und die Jute so steif gefüllt ist, dass er kaum noch richtig laufen kann.
Ist er annähernd ausstaffiert, packen ihn die Strohankleider, heben ihn hoch und schütteln ihn, damit die piekige Füllung noch mal sackt. Ihre furchterregenden Holzmasken schieben die Empaillé immer mal hoch, um beim Sprechen besser gehört zu werden oder Luft ans Gesicht zu lassen. Zum Trinken ist ein Strohhalm hilfreich. Vierzig Kilogramm wiegt die Stroheinwaage des Ganzkörperanzugs, kein Wunder, dass die Träger manchmal schwanken.
Im Wallis strömen sie ab dem Karnevalssonntag durch das Dorf Evolène. Drei Tage tragen sie ihre Strohbesen durch die Straßen und hauen damit den Leuten auf den Kopf, sanft natürlich. Drei Fragen bekommen die Strohmänner gestellt: Ist dir warm da drin, ist das Kostüm schwer, und was machst du, wenn du mal musst. Es ist sehr warm, auch wenn die Winter im Wallis sehr kalt und schneereich sind. Es ist sehr schwer, fast einen Zentner zusätzliches Gewicht am Körper zu tragen. Wenn sie wirklich müssen, brechen sie für den Tag ab und gehen nach Hause. Am Montag wird die Poutratze durch das Dorf gejagt und verhaftet. Das ist der Strohmann, der dran glauben muss. Am Fetten Dienstag wird die Poutratze, das Wintermännchen, verbrannt.
In Evolène kam der Karneval mit der katholischen Kirche. Verbrannt wird nicht nur der Winter, damit der Frühling endlich Terrain gewinnen kann in den Bergen zwischen den Gletschern, verbannen soll das Feuer Ängste, Sorgen, und Sünden der dunklen Jahreszeit. Zwei Monate geht der Karneval da oben, durch die nur langsam heller werdenden Tage des Winters hindurch ist alles erlaubt. Es ist ein kollektives Fest, aber du tust, was du willst. Keiner macht dir Vorschriften. Nur der letzte Abend ist inszeniert, wenn es zum Feuer geht. „Bräuche sind die Kunst des Lebens“ finden die Bewohner von Evolène, und sagen, die gemeinsame Ausführung der Rituale stärke die sozialen Bindungen.
Was zu tun ist, ist den Bewohnern in Fleisch und Blut übergegangen. Die eigene, selbst geschnitzte Maske durch das Dorf zu tragen, erfüllt sie mit Stolz. Es kostet sie vierzig bis fünfzig Arbeitsstunden, die Maske aus dem rohen Stück Holz herzustellen. Das kann Linde sein oder Zirbel. Daraus wird dann ein Wolf mit beeindruckenden Reißzähnen oder eine Teufelsmaske, wie man sie als Strohmann tragen kann. Die Tiermasken werden von den Peluche getragen, das ist die andere Kostümgattung neben den Empaillés. Die Peluche sind mit vielen Fellen von Schafen und Füchsen behängte Tierwesen.
Sie sehen wie Schamanen aus, unheimlich und gefährlich, nicht wie die süßen Dachse der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Der Literaturwissenschaftler Gerhart von Graevenitz bezog sich in einem Aufsatz über Goethes Verhältnis zum Fremden auf dessen Beschreibung des Römischen Karnevals, der Goethe als vollkommene Verschmelzung intensiver Furcht mit großem Vergnügen erschienen sei, und somit als die ideale, strukturierte, anthropologische Integration des Fremden.
Das Fremde ist den Wallisern das Eis, die Winterkälte, das Wilde, das Schroffe, das Holz, das sich dem Beitel nicht fügen will, das Gestein, das abbricht, unerwartet, und Menschen in den Tod reißt: das Unberechenbare der Natur. Im Jahr 2019 stürzten fünfzig Tonnen Gestein herunter. Bereits 1999 brach eine solche Lawine ins Tal, dass Menschen in ihren Häusern unter den Schneemassen begraben wurden. Manche dieser Häuser waren dreihundert Jahre alt – so lange war dort keine so tödliche und zerstörerische Lawine abgegangen. Nun scheint es so weit zu sein, dass jenes strukturierte, geordnete, integrative Umgehen mit dem Fremden, der unwirtlichen, kargen oder sogar feindlichen Natur in eine neue Zeit eintritt. Der Permafrost schmilzt, und in etwa vierzig Jahren werden im Wallis fünfhundert bis siebenhundert Jahre alte Gletscherhöhlen weggeschmolzen und spurlos verschwunden sein.
Zurzeit schauen wir gebannt auf die Angriffe auf die Demokratie, entsetzen uns angesichts der Vorkommnisse im Iran und verspüren Zorn angesichts dessen, was die Ukraine durchmacht. Wir sind wie gelähmt und müssen doch handeln mit Blick auf die unaufhaltsam tauenden Gletscher. Ein kalter Winter in den Bergen, dessen Ende es heraufzubeschwören galt, Naturgeister, die man zu besänftigen versuchte, Sünden des vergangenen Jahres, von denen man sich reinzuwaschen hoffte, das waren Rituale einer – wie uns heute scheint – vergleichsweise sorglosen Zeit. Vielleicht können wir die Rituale ernster nehmen und sehen, ob das nicht das Verdrängen von allem schwerer macht.
Source: faz.net