Die letzte Woche im Februar, wenn es plötzlich in Berlin nach Frühling riecht und die Gefühle sich schärfen, trägt ein tragisches Datum. Vier Jahre Krieg. Es ist nicht akzeptabler oder verständlicher geworden. An diesen Tagen bin ich gelähmt und verstummt, als wäre diese Lähmung selbst eine Form der Erinnerung an einen Krieg, der endlos geworden ist.
Ich rufe meine Freunde in Kiew an, suche Trost in der Verbundenheit, und sie erzählen von einfachen Dingen: von Kindern in der Schule, von einem neuen Rezept, von einer Katze, die durch Kälte verrückt geworden ist. Eine Freundin läuft durch die Absperrungen im Zentrum mit ihrem Tennisschläger und sagt, es sei doch endlich wärmer geworden: „Und dort, wo die Luft nicht nach Rauch riecht, riecht sie nach Wassermelone.“ Da überkommt mich die Liebe zu ihr, zu meiner Stadt. Auch der Schmerz kondensiert sich. Es fällt mir schwer, die Gedanken zu ordnen. Sie flimmern am Rande des schwarzen Lochs, das alles aufsaugt.
Ich wollte hier aber keine Kriegsbilanz ziehen, sondern etwas über drei Erlebnisse schreiben. Die erschienen mir wie eine Triade von fast allegorischer Bedeutung: „Inferno“, die in Rom aufgeführte Oper, die auf dem Poem von Dante basiert mit Musik von Lucia Ronchetti. Dann ein Konzert, bei dem die ukrainische Sängerin Viktoriia Vitrenko ihr in Kiew produziertes Album „Limbo“ vorgestellt hat. („Limbo, das ist unsere heutige Adresse“, sagte mir ein Freund von dort.) Das dritte war das Café Kyiv – vielleicht das größte, vielfältigste Forum in Deutschland, das sich der Ukraine widmet und einen Tag lang im Berliner Kino Colosseum tagte. Mich verunsicherte diese Triade, in der das Café Kyiv an die Stelle des Paradieses fiel. Ein optimistischer Aufstieg? Ein Beispiel des Agierens? Arbeit an der Zukunft?
Drei Frauen in der U-Bahn
Ich schaffe es aber nicht, um alle zu trauern und alles zu erzählen, was mir Hoffnung gibt, und verliere meinen Weg. Ich denke an Dante, an den immer gehenden, sich bewegenden Dichter, an den gehenden Menschen einer Demo. Als ich zum Café Kyiv fuhr, hatte ich in der Ringbahn zufällig einem Gespräch von drei Ukrainerinnen gelauscht. Ihre Gesichter waren hell und ruhig, als hätten sie das Schlimmste schon erlebt und wären zu Ikonen ihrer selbst geworden. Sie sprachen über Leben und Tod, so sachlich, als würden sie einkaufen gehen und wüssten den Preis ganz genau. „Angst?“ Eine der drei lächelte breit. „Es hängt davon ab, ob ich gequält werde oder jemand, den ich liebe.“ Dann kam eine Bettlerin, und ich verstand nichts mehr.
Die drei gingen mir nicht aus dem Kopf, obwohl ich später im Café Kyiv Politiker und Soldaten, Experten und Repräsentantinnen der ukrainischen Zivilgesellschaft, Feuerwehrleute und Sanitäter kennenlernte. Später habe ich noch Vika aus Berdjansk, das erobert und zerstört wurde, getroffen. Am Abend im Foyer wurde krimtatarische Musik gespielt, die sehr nach Klezmer klang, ich war froh, dass mein Land auch eine solche Fusion anbietet. Ich dachte wieder an die Berliner Ringbahn mit all den Obdachlosen, die dort die Nächte verbringen, an meine drei Ukrainerinnen mit ihren von mir nicht gehörten Geschichten, die ich in den neun Höllenkreisen Dantes platzierte.
In der römischen Oper „Inferno“ wurden diese Kreise zwischen Salon und Müllkeller gespielt, im Raum unseres Alltagslebens, wo die Hölle auf uns aus jeder Ecke schaut, mit Tyrannen, Zerstörungen und Willkür. Zum Teil wurde die Oper gesprochen, die Musik trat zurück. Auch die Mischung aus nackter Stimme und explosiver Musik hat mich an die Wahrnehmung unserer zerrissenen Zeit erinnert. Ich dachte wieder an meine Heimatstadt im Limbo und an das Poem als metaphysisches Schreiben, eine Studie der Gewalt und ihrer Ausübung.
Symbole statt Bilder
Die Sehnsucht nach Frieden wird immer größer, besonders in der Ukraine selbst. Nach allem, was wir über die besetzten Gebiete wissen, darf es aber kein erzwungener Frieden sein. Und doch, je länger der Krieg dauert, desto mehr wird er als „störend“ empfunden. Echte Bilder werden durch Symbole ersetzt, die unsere Teilnahme am Kampf für den Frieden suggerieren. So habe ich im Flughafen von Rom ein leuchtendes Kunstwerk gesehen: „Kinder“ stand dort in kyrillischen Buchstaben. Mein Herz sank: Dieses Wort stand vor dem Theater von Mariupol in großen Buchstaben auf dem Asphalt geschrieben, ein Appell an russische Piloten, als sich dort im Jahr 2022 Kinder mit Müttern vor den Angriffen versteckten.
Das Theater wurde trotzdem bombardiert, viele Menschen starben. Dieses Kunstwerk hat eine konkrete Tragödie durch ein abstraktes Bild ersetzt, mit einer zwischen die Buchstaben eingeschmuggelten Taube von Picasso: Opfer nicht geehrt, Tatsachen gelöscht, historische Kontexte geleugnet. Wer soll bekämpft und wer unterstützt werden? An wen richten sich solche Bilder? Sie trennen uns immer weiter von Tatsachen und persönlichem Handeln.
Dann erinnerte ich mich an eine Frau aus der Ukraine, die durch ihr Engagement Hunderte Leben rettete, und wie sie schlicht sagte, dass noch niemand Olympische Spiele gewonnen hat, der nur vor dem Fernseher saß.
Source: faz.net