Das Alte und das Neue Testament sind eine unerschöpfliche Quelle, aus der die westliche Kultur sich noch heute speist. Vom ersten Menschenpaar bis zu Jesus Christus, vom Baum der Erkenntnis bis zur Kreuzigung enthalten sie eine Fülle von Gestalten und Symbolen, zu denen unser kollektives Gedächtnis immer wieder zurückkehrt. Aus dieser Fülle wählt Niklas Bender Saul aus, den ersten König der Israeliten, der Gott nicht gehorchte, als er die Amalekiter verschonte. „Der missglückte Anfang und Europas religiöses Erbe“ lautet der Untertitel seiner umfangreichen Studie, die Sauls Rezeption in Europas Kultur nachzeichnet.
Bender ist Romanist und auf diesem Feld regelmäßiger Literaturrezensent für die F.A.Z.; viele seiner Beispiele entnimmt er der italienischen und französischen Literatur, und das setzt bereits entscheidende Akzente. Oft wird im katholischen Mittelalter und der frühen Neuzeit vom „falschen König“ und dessen Fall erzählt. Auf vielen Bühnen wird sein Schicksal in Lehrstücken gezeigt, deren Deutung schon Augustinus vorgegeben hatte: Saul, von Gott verstoßen, steht für das alte, verstockte Israel, und erst sein Nachfolger David ist der „richtige“ König. Zu ihm bekennen sich die Christen als das „neue Israel“, aus Davids Haus leitet sich auch Jesus selbst her, und nicht zufällig hieß Paulus, der bedeutendste der Apostel, vor seiner Bekehrung ursprünglich Saul.
Dante hatte Mitleid mit Saul
Die jüdischen Schriftgelehrten, die Bender nur kursorisch streift, sehen Saul weniger streng. Denn im Alten Testament ist sein Sturz kein Einzelfall: Im „missglückten Anfang“ und seiner Korrektur wiederholt sich das Grundmuster von Schuld und Strafe, das schon die Vertreibung aus dem Paradies, die Sintflut und zahllose weitere Beispiele bestimmt. Ohne dieses Muster bliebe auch das Neue Testament, in dem ein Erlöser alle Sünden auf sich nimmt, unverständlich.
Obwohl Sauls Verurteilung über Jahrhunderte konstant bleibt, arbeitet Bender in den Texten durchaus Nuancen heraus. In seiner „Commedia“ (1307 bis 1321) setzt Dante Sauls Todsünde des Hochmuts als bekannt voraus, konzentriert sich jedoch auf die Strafe und Davids Trauer nach dessen Tod, bringt also statt der Verurteilung eher Mitleid mit dem unglücklichen König zum Ausdruck.
Auch Boccaccio beschuldigt Saul in seinem lateinischen Spätwerk „Über das Schicksal berühmter Männer“ (1355 bis 1374) des Hochmuts, die Erzählung aber kann ihre didaktische Aufgabe nur noch schwerlich erfüllen, weil Saul hier nicht mehr ein Exemplum wie im Mittelalter ist, sondern ein Mensch voller Widersprüche. Boccaccios Dilemma entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da man ja auch andere Geschichten kennt, die er im „Decamerone“ zu erzählen weiß. Später muss ein Autor der französischen Klassik wie Pierre Du Ryer in seinem Drama „Saül“ (1640) bei der Kritik am biblischen König vorsichtig sein, weil in der Blütezeit des Absolutismus ein Monarch respektvoll zu behandeln ist. Aber noch im Jahrhundert davor, zur Zeit der Reformation, erreicht diese Kritik einen Höhepunkt: Im Streit der Konfessionen macht der Protestant Hans Sachs in seiner „Tragedia König Sauls“ (1557) deren Titelfigur zum Träger der Erbsünde, während Davids Herz vom reinen Glauben erfüllt ist, wie Martin Luther ihn fordert.
Und wenn nicht Saul der Bösewicht ist, sondern David?
Die Autoren, die Bender in der ersten Hälfte seiner Studie behandelt, beurteilen den König der Israeliten nach biblischen Kriterien. Zumeist sind sie Christen, legen ihm die Maßstäbe des Neuen Testamentes an, die weder Saul noch den Juden gewogen sind. Doch im Vorfeld der Französischen Revolution gerät dieses Deutungsmuster in die Krise, und Voltaire ist der erste Autor, der Israels frühe Königszeit völlig anders sieht. Er ist ein scharfer Kritiker der katholischen Kirche, der die Prämissen umkehrt: In seinem Drama „Saül“ (1762) verurteilt er nicht Saul, sondern David und den Propheten Samuel, der Saul im Auftrag Gottes zunächst gesalbt und später gestürzt hat.
Nur die Judenfeindschaft übernimmt Voltaire aus der Tradition, von der er sich sonst hier löst. Sein Hass auf die Juden ist bekannt, und auch Bender bemerkt ihn, bei anderen Schriftstellern aber entgeht dem Autor deren judenfeindliche Stoßrichtung, weil das nicht im Fokus seiner Studie steht. (Voltaires jüngerer Zeitgenosse Lessing, das sei hier nur am Rande erwähnt, teilt viele Ansichten des Franzosen, doch zu den Juden hat er ein ganz anderes Verhältnis.)
Saul als Spiegel der eigenen Gefühle der Dichter
Auf die Französische Revolution und den Sturz Napoleons folgt die Reaktion, für die sich Alphonse de Lamartine als Politiker und als Dichter einsetzt. In seinem gleichnamigen Drama (1818) verteufelt er Saul regelrecht, macht ihn zum Mörder des Propheten Samuel und feiert den Aufstieg Davids, wie er auch die Restauration des französischen Königtums gefeiert hatte. Im postrevolutionären Frankreich ist er ein Vertreter der reaktionären Romantik, wie es sie auch in Deutschland gegeben hat.
Doch die modernen Autoren, mit denen Bender seinen literarischen Überblick beendet, gehen andere Wege, und hier muss ein einziges Beispiel genügen. In André Gides Drama „Saül“ (1898) hat der König eine Frau, die es im heiligen Text nicht gibt. Sie will David verführen, und Saul tötet sie mit jenem Speer, den er in der Bibel nach David wirft – eine subtile Umschreibung des homosexuellen Begehrens, das Gide in sich selbst entdeckt hatte und das er im Frankreich um die Jahrhundertwende noch nicht frei zum Ausdruck bringen durfte. Spätestens im neunzehnten Jahrhundert bricht so der biblische Deutungshorizont auf, der Sauls Bild bisher bestimmt hatte. Wie bei Gide wird der unglückliche König dann bei den Lyrikern Stefan George und Rainer Maria Rilke zum Spiegel ihrer eigenen Gefühle und Nöte.
Doch den Blick in Sauls zerrissene Seele hat es auch schon früher gegeben. In den Jahren 1651 bis 1658 entsteht Rembrandts Gemälde „Saul und David“: Noch ist der König mächtig und David ein junger Mann, der die Harfe spielt, um den erregten Saul zu besänftigen. So steht es bereits in der Bibel, und Rembrandt – ein frommer Calvinist, der die Heilige Schrift sehr gut kennt – stellt den König dar, der zu Tränen gerührt auf den Harfenspieler blickt. Bender widmet diesem vielschichtigen Gemälde schöne Seiten und setzt Rembrandts Saul auch auf den Einband seiner Studie.
Niklas Bender: „König Saul“. Der missglückte Anfang und Europas religiöses Erbe. Eine Literaturgeschichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 492 S., 11 Abb., geb., 49,– €.
Source: faz.net