Kölner Karnevalsoper: Eine Bußpredigt zu Gunsten von den Kardinal

Sollte die Hoffnung berechtigt sein, die der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar 1984 in Rom bei der Entgegennahme eines vatikanischen, nach Papst Paul VI. benannten Preises in die Form des Satzes brachte, dass die Hölle leer sein könnte, hätte sich dann aller Rosenmontagsrummel erledigt? Hat der jährlich wiederkehrende Spaß am rituellen Exzess die dogmatische Gewissheit zur Voraussetzung, dass niemand sich seines dauerhaften Aufenthaltsortes im ewigen Leben sicher sein kann?

In Köln sieht man solche Fragen gewöhnlich pragmatischer. Ein für Willy Millowitsch geschriebener Schlager legte schon 1964, also während des Zweiten Vatikanischen Konzils, das Katholische an der Kirche als Zusage allgemeiner Sündenvergebung aus: „’s war immer so, ’s war immer so. / Der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih’n, / ’s war immer, immer so.“ Der Titel des Liedes, „Wir sind alle kleine Sünderlein“, diente 1972 als Motto des Kölner Rosenmontagszugs. In diesem Sinne verkünden in der laufenden Session auf der Bühne der Kölner Oper im traditionellen Karnevalsstück des Kölner Männergesangvereins drei Engel: „Et kumme alle, alle, all doch en der Himmel!“

Die inklusive Liebesordnung

Das Frohbotschaftertrio kommt dem Publikum nicht geschlechtslos im Sinne der Einbildungen leibfeindlicher Metaphysik entgegen, sondern bezeugt seine Herkunft aus höheren Sphären, indem es überreich mit Geschlechtsmerkmalen ausgestattet ist, in nonbinärer Fülle. Von Natur aus mit stattlichen Torsi und kräftigen Stimmen gesegnet, sind die Verkünder der allerhöchsten Ortes gewollten inklusiven Liebesordnung, die noch nicht einmal J. D. Vance, ob er es glauben könnte oder nicht, die Umarmung verweigern würden, zugleich mit der Liebe zu goldenem Fummel, breitem Lidstrich und blinkenden Turnschuhen gesegnet.

Schenkt man sich Rosen aus Stanniol: Konrad Adenauer (Jürgen Nimptsch) überbrückt galant den Konfessionsunterschied, der ihn von seiner zweiten Braut Auguste Zinsser (Rainer Wittig) trennt.Stefanie Althoff

Den Himmelschor zum Lob ewiger Willkommenskultur komplettieren Konrad Adenauer, gespielt von Jürgen Nimptsch, dem früheren Bonner Oberbürgermeister, der das Stück zur Feier des hundertfünfzigsten Geburtstags des legendären Kölner Oberbürgermeisters und fast so legendären Bundeskanzlers auch geschrieben hat, Adenauers Sekretärin Anne­liese Poppinga und seine zweite Ehefrau Auguste, genannt Gussie, die für die Hochzeit im Republikgründungsjahr 1919 die Konfession gewechselt hatte – was der Alte, wäre er 107 Jahre jünger, nicht noch einmal von ihr verlangen würde. Der für einfache Sprache berühmte Lokalheilige produziert mit einem simplen Namenswitz einen gewaltigen Lacher: „Isch bin lieber bei dir auf den Wolken als beim Woelki.“

Seit 2022 hat Erzbischof Rainer Maria Woelki vom Festkomitee Kölner Karneval keine Einladungen zur Prinzenproklamation im Gürzenich mehr bekommen. 2023 rügte das Festkomitee Woelki, den Kardinal, wegen der dienstrechtlichen Maßregelung eines Pfarrers, der gleichgeschlechtliche Paare gesegnet hatte. Die Audienz des Erzbischofs für das Dreigestirn von Prinz, Bauer und Jungfrau fand letztmalig im Jahr 2020 statt. Ob Woelki in der laufenden Session den Besuch von Karnevalssitzungen plante, wollte die erzbischöfliche Pressestelle dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ nicht mitteilen. Woelki, aus Köln-Mülheim gebürtig  und seit 2014 Erzbischof seines Heimatbistums, hatte 2012 in Rom nach seiner Erhebung zum Kardinal den Karnevals-Orden des Kölner Oberbürgermeisters erhalten.

Der zweitgrößte Pontifex bleibt im Volksglauben der Kölner ihr Oberbürgermeister der Jahre 1917 bis 1933.Stefanie Althoff

Für das Mundart-Musical der Sangesbrüder des KMGV hat sich eine eigene lokalpa­triotische Gattungsbezeichnung eingebürgert: „Divertissementchen“. Un­ter­haltsam ist die Feinarbeit, das Klein­gestrickte der Partituren: Pastiche und Collage sind die Techniken der akustischen Kostümierung. Den Bannfluch über den Kardinal läutet die organistische Pathosformel der d-Moll-Toccata Bachs ein, und für das Donnerwetter über die klerikale Scheinheiligkeit der verweigerten Missbrauchsaufklärung liefert Mozarts Krönungsmesse die Vorlage.

Das ist schon im Original griffige, überakzentuierte Musik, in deren Nachvollzug man sich hineinsteigern kann, in der Karnevalsstimmung, mit der im Kirchenjahr stets zu rechnen ist: Die Heilsgeschichte als Ineinander von enger Drohkulisse und aufgerissenem Horizont der Weltrettung wird geradezu abgefeiert. Mit der Parodie dieses Materials machen die Bergischen Symphoniker und das Sängersextett nachgerade höllischen Ernst: „Do schlaach doch der Düvel dren!“ Dass Sünden bestraft gehören, müssen sich die kirchlichen Amtsträger anhören, als Echo der eigenen Predigt, im Seelenkampfgebiet zwischen Höllentor und Himmelspforte, wie die letzten Menschen.

Source: faz.net