Knapper Treibstoff: Geht zur Sommerreisewelle dies Kerosin aus?

Die Flugbranche warnt vor Kerosin-Engpässen in Europa infolge des Irankriegs. „Eingeschränkte Fluganbindungen, die eine Verknappung von Kerosin unweigerlich zur Folge hätte, würden der deutschen und europäischen Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen“, erklärte der Branchenverband BDL am Freitag. Wann und in welchem Maße sich die Versorgungslage zuspitze, hänge davon ab, wie lange der Konflikt andauere. Doch selbst ein kurzfristiges Kriegsende werde nicht zur sofortigen Entspannung führen, da in der Region mehr als 80 Ölanlagen beschädigt seien.

Willie Walsh, Generaldirektor des Weltluftfahrtverbands IATA, hält Flugausfälle wegen Kerosinmangels in Europa ab Ende Mai für möglich. Neben der Sicherung alternativer Lieferwege sei es wichtig, dass ‌die Behörden gut kommunizierte und koordinierte Pläne für den Fall einer Rationierung hätten. Dies schließe auch Ausnahmeregelungen ‌für Start- ‌und Landerechte ein, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Reuters.

Auch die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris warnte: „In einigen europäischen Ländern könnte es in den nächsten sechs Wochen zu Engpässen bei Flugbenzin kommen.“ Ob es dazu komme, hänge davon ab, in welchem Umfang ausgefallene Lieferungen aus dem Nahen Osten durch andere ersetzt werden könnten. Diese machen laut IEA bislang 75 Prozent der europäischen Kerosin-Nettoimporte aus. ⁠Die Golfregion ist ⁠mit fast 400.000 Barrel am Tag der größte Lieferant für ‌den Weltmarkt.

Reiche: „In Deutschland haben wir keinen Mangel an Kerosin“

Der BDL forderte die Bundesregierung auf, umgehend die in Deutschland zur Verfügung stehenden Kerosinbestände bei Mineralölunternehmen und Tanklagerbetreibern abzufragen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte am Donnerstag gesagt: „In Deutschland haben wir keinen Mangel an Kerosin.“ Der Flugkraftstoff werde auch in deutschen Raffinerien produziert, Deutschland sei nicht nur von Importen abhängig. Ein Problem könnte es aber geben, wenn Flugzeuge etwa an ihren Zielflughäfen in Asien nicht aufgetankt werden könnten. Dort sei die Situation eine andere. „Das ist keine Entwarnung, dass fröhlich getankt und geflogen werden kann bei uns, aber die Carrier haben sich vorsorglich mit Treibstoff eingedeckt, auch über das Jahr“, sagte sie. Zudem gebe es Reserven.

Der Branchenverband BDL verwies auf Daten des Mineralölwirtschaftsverbands En2x, denen zufolge 2024 in Deutschland neun Millionen Tonnen Kerosin abgesetzt wurden. 5,9 Millionen Tonnen seien importiert worden, vornehmlich aus dem Nahen Osten. Deutsche Raffinerien stellten 4,8 Millionen Tonnen her, von denen aber 1,6 Millionen Tonnen exportiert wurden. Lagerbestände an Flughäfen reichen laut BDL üblicherweise für 30 bis 38 Tage, bei weniger als 23 Tagen werde die Lage kritisch, einige europäische Flughäfen hätten nur noch Vorräte für 20 Tage.

Fluggesellschaften berichten, dass sie von ihren Lieferanten für immer kürzere Zeiträume Liefergarantien bekämen, wodurch die Verunsicherung wachse. In Italien war es an kleineren Flughäfen zu Einschränkungen in der Versorgung gekommen, die mit Lieferverzögerungen begründet wurden. Der BDL erklärte, dass die Kerosinversorgung in Europa sehr unterschiedlich sei. Während Spanien mit acht Raffinerien Nettoexporteur sei, sei Großbritannien mit am stärksten von Importen abhängig.

EU-Kommission wird aktiv

Der Verband En2x, der die Raffinerien in Deutschland vertritt, sieht „aktuell und absehbar in Deutschland keine Engpässe“, auch wenn sich der Preis seit Beginn der Krise mehr als verdoppelt hat. Allerdings müsse die Situation „permanent neu bewertet“ werden. In Branchenkreisen heißt es, die Streiks bei Lufthansa, Ausfälle von Nahost-Flügen, eine gedämpfte Nachfrage wegen höherer Ticketpreise und die von einigen Fluggesellschaften angekündigte Angebotsausdünnung hätten schon zu einer Dämpfung der Nachfrage beigetragen. Weniger hilfreich dürfte die von Schwarz-Rot angekündigte befristete Senkung der Energiesteuer („Tankrabatt“) auf Benzin und Diesel sein. Kerosin, Heizöl und Diesel sind im Prinzip dasselbe Produkt.

Die Europäische Kommission will nun erfassen, wie viel Kerosin zur Verfügung steht, und sicherstellen, dass Raffinerien voll ausgelastet werden. Nach Angaben der IEA lag die Auslastung in den europäischen OECD-Staaten zuletzt nur bei knapp 80 Prozent. Für Deutschland erklärte der Verband En2x, die Raffinerien seien voll ausgelastet: „Die Produktion von Flugkraftstoff lässt sich in Raffinerien aus technischen Gründen nicht kurzfristig erhöhen, zumal dies zulasten anderer ebenso nachgefragter Produkte gehen würde.“

Die EU-Kommission prüft zudem einen gemeinsamen Einkauf von Öl und Kerosin. Das geht aus einem Entwurf für eine Mitteilung zur Energiesicherheit hervor, die die Kommission Mitte kommender Woche zum nächsten EU-Gipfel vorlegen will. Der Entwurf liegt der F.A.Z. vor. „Da es nur begrenzte andere Lieferquellen gibt, muss die EU die Raffineriekapazitäten gemeinsam erfassen und eventuell gemeinsam handeln“, heißt es darin. Die internen Beratungen über die Mitteilung sind noch nicht abgeschlossen.

In Japan und Südkorea reagieren Airlines mit immer höheren Kerosinaufschlägen

In Südostasien streichen Fluggesellschaften schon Flugpläne zusammen angesichts der knappen Versorgung, die durch die Exportbeschränkungen aus China, Thailand und Südkorea verschärft wird. Bevor sie ins besonders darbende Vietnam abheben, tanken Airlines wie Air Asia zusätzlichen Treibstoff in der malaysischen Heimat. Philippine Airlines prüft, Routen komplett auszusetzen. In Japan und Südkorea reagieren Airlines mit immer höheren Kerosinaufschlägen von in der Spitze mehreren Hundert Euro, um die gestiegenen Kosten an die Passagiere weiterzugeben, geraten aber an rechtliche Grenzen. Der japanische Luftfahrtverband beklagte, dass der  außergewöhnliche Preisanstieg durch die erlaubten Obergrenzen nicht mehr abzudecken sei.

Von staatlichen chinesischen Airlines sind noch keine Knappheiten bekannt. Das liegt an im internationalen Vergleich großen Ölreserven und daran, dass China die Ausfuhr von Kerosin verboten hat. Laut BDL versuchen China und Indien, sich Nachschub zu sichern. Wenn das Angebot knapp sei, könnten durch höhere Zahlungen Lieferungen „weggekauft“ werden. Auf Europaflügen rechnen sich chinesische Gesellschaften Chancen aus, da sie Russland überqueren dürfen, während westliche Konkurrenten wegen der Sanktionen Umwege machen müssten. Durch die hohen Kerosinpreise wiegt dieser Vorteil noch schwerer.

Von Hendrik Ankenbrand, Singapur; Hanna Decker, Frankfurt; Hendrik Kafsack, Brüssel; Tim Kanning, Tokio; Timo Kotowski, Frankfurt; Julia Löhr, Berlin; Gustav Theile, Shanghai und Niklas Záboji, Paris

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