Auf dem Union-Gletscher der Antarktis erkunden Forscher aus Chile, wie rasant der Klimawandel die Eismassen verändert. Der Fotograf James Whitlow Delano hat sie begleitet.
Es gibt keinen zweiten Ort wie diesen. Nichts an diesem Erdteil lässt uns unberührt: das klare Blau der Gletscher und Eisberge, deren uraltes Eis so rein und ohne Lufteinschlüsse ist, dass seine Farbe der von tiefem Wasser ähnelt. Das Weiß der Ebenen, das manchmal jäh mit den Wolken oder dem Nebel zu einem Whiteout verschwimmt, der gefürchteten Konturenlosigkeit, in der Menschen keinen Horizont mehr sehen und in die Irre laufen.
Die gleißende Helligkeit des kurzen antarktischen Sommers, wenn die Sonne schmerzhaft blendet, um dann für Monate, gefühlt für immer, unterzugehen, während Eis und Schnee in Dämmerung und Dunkelheit versinken.
Und die Tiere: dicke Kaiserpinguine mit ihren grauen Küken, pummelige Glattwale, wulstige Weddellrobben. Wer hier lebt, muss mit einer Fettschicht dem trotzen, was diese Welt rund um den Südpol in erster Linie ausmacht: Kälte.
Die Kälte der Antarktis wirkt lange nach
„Anfangs war ich etwas besorgt, als sie sagten, wir lebten einen Monat lang auf einem Gletscher. In einem Zelt!“, erzählt James Whitlow Delano. Vor der Reise habe er sich lange gefragt, ob er fit genug für die Antarktis sei, körperlich und mental.
Inzwischen ist er von dort zurückgekehrt und sitzt wieder im Warmen. Der stern erreicht den Fotografen per Videocall im Ganges-Tal in Nepal, wo er wild lebende asiatische Elefanten beobachtet.
Doch selbst in den Tropen spürt Delano noch die Nachwirkung der antarktischen Kälte. Der Kontinent habe ihn verändert und tief beeindruckt, sagt er.
Fünfmal hat er die Polarregion bereist, meist begleitete er dort chilenische Wissenschaftler bei ihren Projekten. Chile spielt wegen seiner geografischen Nähe eine zentrale Rolle bei der Erschließung und Erforschung des Kontinents. Unterstützt vom Militär, betreibt das chilenische Antarktis-Institut „Inach“ dort mehrere Basen auf dem Eis.
Eine kleine Zeltstadt auf dem Eis eines Gletschers
Die vielleicht spektakulärste Basis ist die Polarstation auf dem Union-Gletscher, wo Delano zuletzt fotografieren konnte. Feste Häuser oder Wohncontainer gibt es nicht, nur eine kleine Zeltstadt auf dem Eis. 1,5 Kilometer dick und zehn Kilometer breit schiebt sich der Union-Gletscher zwischen den Ellsworth Mountains hindurch in Richtung Ozean und vereinigt sich mit anderen Eismassen zum gewaltigen Filchner-Ronne-Schelfeis, einer Meereisplatte, so groß wie Schweden.
Verglichen mit anderen Eisströmen fließt dieser Gletscher recht gemächlich dahin: Statt Dutzende Meter am Tag bewegt er sich gerade 20 Meter pro Jahr, inklusive der Forschungsstation auf seinem Rücken. In muschelartigen Thermozelten leben dort einige Dutzend Wissenschaftler während des kurzen Sommers der Südhalbkugel. Mit einem der Forscher teilte sich Fotograf Delano für knapp einen Monat ein Zelt und fror darin erstaunlich wenig; seine ursprüngliche Sorge erwies sich als unbegründet.
An seinen ersten Tag und an die Anreise mit dem Flugzeug erinnert er sich wie an einen Film: „Mit einer kleinen Twin Otter flogen wir über die Halbinsel, über den Wilkinson-Gletscher und weiter nach Süden. Man konnte das Schelfeis sehen und die Kette der Ellsworth Mountains. Dann kamen wir über den Kontinent, und man sah diese eisige Ebene, die sich endlos weiterzog. Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich hatte das Gefühl, in die Augen Gottes zu schauen oder ins Universum. Es hatte etwas beinahe Spirituelles.“
Fallwinde legen das kalte Herz des Gletschers frei
Wem die Antarktis überirdisch erscheint, auf den muss der Union Glacier wirken wie eine Fantasywelt: An vielen Stellen glänzt sein Eis wie blaues Glas. Starke Fallwinde von der antarktischen Hochebene fegen ständig den Schnee weg und legen das kalte Herz des Gletschers frei. Zum Vorschein kommt das uralte, glatte und sehr reine Blaueis. In der Sonne liegt es da wie das Wasser einer windstillen Bucht. Man bildet sich ein, bis auf den Grund schauen zu können.
Auch die Ellsworth Mountains stellen unser Bild von der Welt auf den Kopf: Auf Bergen, erst recht auf denen der Antarktis, erwarten wir schneebedeckte Gipfel. Doch aus dem Eis des Union Glacier stechen kahle Felsspitzen wie dunkle Scherben. „Überraschenderweise sind diese Berge praktisch schneefrei“, sagt James Whitlow Delano. „Das hat mit starken Winden zu tun, aber auch damit, dass die Region eine Wüste ist.“
Die große Tragik der Antarktis
Denn Luft und Klima im Inneren der Antarktis sind nicht nur kalt, sondern auch extrem trocken. Es schneit viel weniger als an den feuchtkalten Küsten der Polarregion. Und darin liegt die große Tragik des weißen Kontinents.
Das Eis des kilometerdicken Schildes im Binnenland zerfasert ständig an seinen Rändern zu Gletschern, rinnt durch Gebirgstäler abwärts und schmilzt am Ende seines Weges im Meer. Durch den Klimawandel hat sich dieser Prozess beschleunigt. Doch dieses Eis wird kaum ersetzt, weil in der kalten Wüste fast kein Schnee vom Himmel fällt. Ohnehin dauert es Jahre bis Jahrzehnte, um meterdicken Neuschnee zu Gletschereis zu pressen. Für einen Eispanzer wie den der Antarktis brauchte es sogar Millionen Jahre. Nun schwindet dieses nur dem Schein nach ewige Eis für immer.
Um nachzuvollziehen, wie schnell dies passiert, vermessen die chilenischen Forscher jede noch so winzige Bewegung und Veränderung am Union Glacier. Sie dokumentieren Jahr für Jahr, ob der Eisstrom schneller oder langsamer fließt und ob er dünner wird. Und das schaffen sie mit relativ einfach anmutenden Mitteln.
Forschung zwischen Bambusstöcken und Satellitennavigation
Mit Bambusrohren markieren sie Punkte im fließenden Eis und verfolgen die Bewegung der festgesteckten Stöcke per Satellitennavigation, auf den Millimeter genau. Ergänzt werden die Bambusdaten durch Vergleichs-Messpunkte, die auf das freiliegende Grundgestein geklebt werden; das rührt sich im Gegensatz zu den gleitenden Eismassen nicht von der Stelle.
„Seit 20 Jahren schaffen diese Wissenschaftler am Union-Gletscher ein Informationsarchiv für den Klimawandel auf der Mikroebene“, sagt Delano. Die Werte der chilenischen Forscherinnen und Forscher fließen in Modelle ein, die vorhersagen sollen, wie das globale Schwinden der Eismassen das Weltklima verändert.
Klimawandel und Eisschmelze beeinflussen sich gegenseitig
Bereits heute sprengt die Dimension der Verluste die menschliche Vorstellungskraft: Etwa zwei Drittel des Süßwassers auf der Welt lagern in den großen Eisschilden auf Grönland und in der Antarktis. Doch Satellitendaten belegen, dass die Antarktis seit 2002 im Schnitt 135 Milliarden Tonnen pro Jahr verloren hat, Grönland sogar 266 Milliarden Tonnen.
Hinzu kommt das Schmelzen der Gletscher weltweit, in den Alpen, den Anden, auf Island, in Südamerika. Laut einer Studie des weltweiten Gletscher-Monitorings haben die Eisströme zwischen 2000 und 2023 mehr als 6500 Milliarden Tonnen Eis verloren, rund 273 Milliarden pro Jahr. Längst gefährdet dieser Schwund auch die Wasserversorgung in vielen Regionen.
Zum Vergleich: Wenn ein Mensch am Tag drei Liter Wasser trinkt, haben die Reservoirs der Gletscher seit dem Jahr 2000 so viel verloren, wie die gesamte Weltbevölkerung in 30 Jahren trinken würde.
Einige der größten Gletscher sind bereits verloren
In der Antarktis mehren sich zudem die Zeichen, dass einige der größten Gletscher ein Stadium erreicht haben, ab dem es kein Zurück mehr gibt. Sie werden wohl unwiederbringlich und komplett verschwinden, egal welche Klimaschutzmaßnahmen die Menschheit nun unternimmt. Ihr Schmelzwasser trägt nur noch dazu bei, dass der Meeresspiegel steigt und sich polare sowie weiter entfernte Meeresströmungen verändern.
Den chilenischen Forschern am Union-Gletscher ist die Dringlichkeit bewusst. Sie spüren den Druck auf die Wissenschaft, so schnell wie möglich Antworten zu finden auf die vielen Fragen um Eis und Klimawandel. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt, auch weil die Antarktis ihnen nur ein schmales Zeitfenster für ihre Arbeit eröffnet. Denn lediglich im kurzen antarktischen Hochsommer – von November bis Januar – ist die Station überhaupt besetzt. Dann reicht das Licht, dann heizt die Sonne die bunten Zelte auf dem Gletscher tagsüber so stark auf, dass drinnen zehn Grad herrschen und man es aushalten kann, trotz der Minusgrade draußen.
Manchmal verlieren die Polarforscher Jahre ihrer Arbeit
Und immer wieder geht etwas schief, das die Chilenen bei ihrer Arbeit zurückwirft. Mal spielt das Wetter nicht mit, mal wird ein Weg auf dem Gletscher wegen tiefer Spalten im Eis unpassierbar oder Forschungsprojekte müssen abgebrochen werden. „Das ist manchmal herzzerreißend, denn die Forscher sind voller Hingabe an diesen Kontinent. Sie stecken Herz und Seele in ihre Arbeit“, sagt Delano und erzählt davon, wie er vor längerer Zeit mit einer Gruppe von Wissenschaftlern zum Schelfeis aufbrechen wollte. Sie hatten sich lange auf ihre Messungen dort vorbereitet, doch dann durften sie nicht hin – die Corona-Pandemie war ausgebrochen. Dadurch verloren sie zwei Jahre ihrer Arbeit und durften erst viel später endlich hinfahren.
Auch James Whitlow Delano würde jederzeit wieder auf den weißen Kontinent reisen, aller Kälte und Lebensfeindlichkeit zum Trotz. „Mir war dort immer klar: Als Mensch gehörst du nicht hierher. Am Union Glacier leben sonst nur ein paar Flechten und Mikroben. Aber ich konnte mich nicht sattsehen. Ich habe viel Zeit damit verbracht, irgendwo zu stehen und ins Unendliche zu starren. Die Natur hat etwas Entrücktes und gibt mir jedes Mal eine Art Mars-Gefühl, wie bei einer Reise auf einen anderen Planeten. Aber verblüffenderweise kannst du die Luft dort einfach atmen.“
Source: stern.de