An der Schwelle zwischen schlafendem und wachem Zustand fangen Schlafwandler an, sich zu bewegen. Die Forschung rätselt, was dabei im Gehirn passiert. Erste Erkenntnisse zeigen, wie Schlafwandler vorbeugen können.
Manch einer setzt sich nachts nur kurz im Bett auf, andere stehen auf und machen im Dunkeln Frühstück. Am nächsten Morgen fehlt davon oft jede Erinnerung. Denn wer schlafwandelt, kann sich zwar bewegen, doch das Gehirn ist noch nicht vollständig wach. Damit zählt Schlafwandeln zu den sogenannten Parasomnien, also zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen im Schlaf.
Mischzustand zwischen Tiefschlaf und Wachsein
Messungen der elektrischen Aktivität der Gehirne von Schlafwandlern zeigen Deltawellen – langsame und große Hirnwellen, die darauf hinweisen, dass das Gehirn sehr tief schläft. „Meistens schlafwandeln Menschen in der ersten Tiefschlafphase der Nacht“, sagt Hans‑Günter Weeß. Er ist Schlafforscher und Psychotherapeut am Pfalzklinikum in Klingenmünster. In der Regel finde diese Phase zwischen einer und zwei Stunden nach dem Einschlafen statt. Das Gehirn wache bei Schlafwandlern dann teilweise auf – ein Mischzustand zwischen Schlaf und Wachsein.
„Je nachdem, wie viel von unserem Gehirn wach ist und wie viel noch schläft, können Handlungen mehr oder weniger komplex sein“, sagt Weeß. Ein Extrembeispiel: „Da gibt es tatsächlich einen Patienten, der Lkw-Fahrer ist und nachts schlafwandelnd mit seinem Lkw über die Autobahn fährt.“ Dem Mann fiele das erst auf, wenn sein Wagen am nächsten Morgen wieder an anderer Stelle geparkt sei.
Schlafwandeln kann gefährlich werden – für Betroffene selbst und auch für andere. „Rein juristisch gesehen sind Episoden des Schlafwandelns eine Bewusstseinsstörung und man ist nicht verantwortlich für das, was man da tut“, sagt Weeß.
Kleine Tricks können helfen
Damit es nicht so weit kommt, können Schlafwandler auf Tricks zurückgreifen. „Wenn man weiß, nach welcher Dauer nach dem Einschlafen man typischerweise schlafwandelt, kann man sich einen Wecker zehn Minuten vorher stellen“, schlägt Schlafforscher Weeß vor. Damit habe sich das Problem für die Nacht oft erledigt. Auch Beruhigungstechniken und Autosuggestion könnten helfen. Zum Beispiel, indem Betroffene vor dem Zubettgehen zu sich sagten: „Heute Nacht bin ich sicher und sobald meine Füße den Boden berühren, gehe ich sofort wieder zurück ins Bett.“
Sich aus Sorge vor unerwünschten Nachtwanderungen einzuschließen, sei hingegen wenig hilfreich – solange man selbst wisse, wo der Schlüssel ist.
Gesunder Lebensstil wichtig für gesunden Schlaf
Es gibt eine Reihe Faktoren, die Schlafwandeln auslösen oder verstärken können. Besonders bei Kindern ist das Phänomen verbreitet – rund jedes fünfte Kind schlafwandelt mindestens einmal. Das könnte mit der Gehirnreifung zusammenhängen und verwächst sich häufig. Eine Tendenz zum Schlafwandeln liegt aber offenbar in der Familie. Wenn Eltern oder Geschwister Schlafwandler sind, steigt das Risiko deutlich. Bei eineiigen Zwillingen schlafwandeln oft beide.
Doch auch der Lebensstil begünstigt Schlafstörungen. Bei Erwachsenen können unregelmäßiger oder zu wenig Schlaf zu Parasomnien wie dem Schlafwandeln führen. Auch bei Stress und Alkoholkonsum sehen Forscher einen Zusammenhang. Schlafwandeln medikamentös zu behandeln, ist für Schlafforscher und Psychotherapeut Hans‑Günter Weeß deshalb das letzte Mittel. Oft ließe sich auch ohne Medikamente gut damit leben.
Weitere Forschung zum Schlafwandeln nötig
Trotz mancher wichtiger Erkenntnis: Das Phänomen Schlafwandeln bleibt für die Forschung in vielerlei Hinsicht ein Rätsel. Bislang ungeklärt ist etwa, wieso das Gehirn mancher Menschen überhaupt in diesen Zwischenzustand zwischen Schlaf und Wachsein kippt – und warum Episoden teils jahrelang verschwinden.
Source: tagesschau.de