Von „Gutmensch“ bis Postkolonialismus: Wie ein linker Verleger seit Jahrzehnten die Linken kritisiert – und warum unsere Debattenkultur Wissen statt Polemik braucht, erklärt Klaus Bittermann beim Treffen in Berlin.
Ein nasskalt-grauer Wintertag in Berlin-Kreuzberg: Da, wo sich die abgerockten Straßen unverhofft zur Promenade mit schmucken Altbauzeilen weiten, lebt und arbeitet einer der interessantesten Verleger Deutschlands, Klaus Bittermann. Seine Edition Tiamat ist ein klassischer Ein-Mann-Verlag und hat ihren Dienstsitz in einer Remise – hinter dem Haus, in dem Bittermann wohnt. Er selbst: eine angenehme Erscheinung, sportlich-elegant in Schwarz gekleidet, weiße Turnschuhe. Er spricht leise, unaufdringlich, zurückhaltend, fränkisch akzentuiert.
Bücherdeutschland kennt viele sogenannte Klein- und Kleinstverleger – mit Sebastian Guggolz ist einer von ihnen gerade Branchenvorsteher geworden. Doch die Bezeichnung, die sich auf die Betriebsgröße bezieht, vertuscht eher, wie viele unabhängige Köpfe hierzulande großartige Bücher machen. Anders als in Konzernverlagen, wo Verleger längst Controller ihrer selbst geworden sind, bedeutet Ein-Mann-Verlag: geistiges Unternehmertum. Man kann damit nicht reich werden, aber symbolisches Kapital anhäufen: intellektuelle Interessen verwirklichen und dem sogenannten Zeitgeist folgen. Der wird manchmal belächelt, aber gibt der Buchwelt in Summe ein ungeheuer dynamisches, vielfältiges Profil.
Was der Name Tiamat bedeutet
Kleinverlegertum braucht keinen repräsentativen Showroom – es hat sein höhlenartiges Arbeitsgehäuse, seit der Renaissance Studiolo genannt, in dem Bittermann an diesem Tag schon frühnachmittags die Beleuchtung einschalten muss. Heimtrainer und Tretroller gleich neben der Tür verraten, dass der Verleger sich auch körperlich betätigt, um geistig so beweglich bleiben, wie es sein Verlag mit zwölf Titeln pro Jahr seit bald 50 Jahren ist. Wer interessante Bücher lesen und dabei nicht nur konventionelle Weltbilder bestätigt wissen will, wird von der Edition Tiamat jedenfalls selten enttäuscht.
Was ist das überhaupt für ein Name: Tiamat!? In der babylonischen Mythologie wird die Göttin des Salzwassers wahlweise als Meeresungeheuer oder gar als ganzer Planet dargestellt; im übertragenen Sinne steht sie für Chaos und Ursprung. Damit, so Bittermann, während wir Platz nehmen, konnte er sich anfreunden.
Fans des 1979 in Nürnberg gegründeten Verlags streuen bis heute das Gerücht, dass Tiamat – fränkisch ausgesprochen Diamat – eine Chiffre für „Dialektischer Materialismus“ sei, mithin ein typisch linkes Kofferwort, das einmal durch den Häcksler gejagt wurde (à la Komintern). Natürlich ist Karl Marx ein Bezugspunkt, die Gag-Banknote mit dem Konterfei des Ur-Kommunisten und dem Null-Euro-Nennwert prangt nicht zufällig an der Wand in Bittermanns Remise, doch nur Marxismus sollte es nie sein.
1952 in Kulmbach in Oberfranken geboren, sei er in einem nicht intellektuellen Elternhaus aufgewachsen, immerhin mit Lesestoff aus der Büchergilde Gutenberg. Neben Karl May hätten ihn die Hornblower-Romane begeistert. Schon vor dem Abitur zog Bittermann zu Hause aus, „ich war bei verschiedenen Lehrern als renitent bekannt“. Im Studium der Philosophie, Politologie und Soziologie in Erlangen wurde ihm klar, dass ihn „der Quatsch mit den kommunistischen Parteien“ intellektuell nicht befriedigen würde. Dankbar bezog er andere Anregungen. „Die Situationisten waren toll, weil Kunst eine Rolle spielte und sie wirklich radikale, anarchistische Politikideen hatten.“
Den großen Bruch der Linken hat Bittermann, der mit der Veröffentlichung von Broschüren und Übersetzungen (vor allem von Surrealisten und Situationisten) begann, dann ab 1984 mit und durch Wolfgang Pohrt vollzogen. Dieser damals in der Medienlandschaft von „Zitty“ bis „Konkret“ sehr präsente Journalist habe ihm als scharfer, linker Kritiker der Linken imponiert, insbesondere mit seinen Polemiken gegen die Friedensbewegung, die Alternativen und die Zurück-aufs-Land-Initiativen. „An Wolfgang hat mir aber auch gefallen, dass er nie nur auf die Linken fixiert war, sondern eine literarische Orientierung hatte, man denke nur an seine Essays über Balzac. Er war nie eindimensional.“
Pohrt wurde Tiamat-Autor und in den 1980ern zu einem der wichtigsten Impulsgeber der Edition, wo dann bald Bücher von Curzio Malaparte („Technik des Staatsstreichs“) und Harry Mulisch (über den Eichmann-Prozess) erschienen, außerdem Hannah Arendt mit ihren von Eike Geisel ins Deutsche übersetzten Essays über Zionismus, Palästina und Deutschland. Längst hat Bittermann dem 2018 gestorbenen Pohrt eine Werkausgabe gewidmet, die unter Publizisten ihresgleichen sucht.
Anfang der 1990er-Jahre lernte Bittermann den Satiriker Wiglaf Droste kennen, mit dem er später sogar die Wohnung teilte. Mit der Connection zur „Titanic“ begann für den Verlag ein sehr dynamisches Jahrzehnt. Einerseits erschienen seit der deutschen Einheit fortlaufende Polemiken über den Osten („Der rasende Mob“, „It’s a Zoni“, „Gemeinsam sind wir unausstehlich“). Andererseits machten die Pamphletisten aus der „Neuen Frankfurter Schule“ ihrem Frust über die Verhältnisse auf originelle Weise Luft: „Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht“ hieß ein Glossar, das über mehrere Jahre als „Das Who’s Who peinlicher Personen“ firmierte. „Wenn man schon nichts bewirken konnte, musste man die Leute wenigstens ein bisschen ärgern“, erinnert sich Bittermann.
Das „Wörterbuch des Gutmenschen“
Anno 1994, eine Sternstunde der Edition Tiamat, erschien das „Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache“. Wer das Buch heute aufschlägt, staunt. Wokismus, linke Achtsamkeitsrhetorik, ja sogar Cancel Culture – avant la lettre alles schon ausgeprägt: „Im Kreuzberger Kiez gelang es im Februar 1994 anonymen Autonomen durch Gewaltandrohung, eine von Wiglaf Droste und Christoph Schlingensief kommentierte Vorführung des Films ‚Beruf Neonazi‘ zu verhindern“, heißt es im Vorwort des Buches. Hat es den Zeitgeist vorausgeschmeckt, womöglich schon vor 30 Jahren kommen sehen? „Ich musste für das Buch viel Kritik einstecken“, erinnert sich Bittermann. Seine Idee der Sprach-, Begriffs- und Jargonkritik sei grundlegend missverstanden und in der Szene als boshafter Verrat an linken Idealen gewertet worden. Mit der Polemik wurde „Gutmensch“ ein geflügeltes Wort.
Von polemischen Büchern habe er sich irgendwann verabschiedet, „denn man muss nicht an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass es darin stinkt“. Davor müsse man sich selbst eher schützen, macht Bittermann plausibel. Man werde älter und könne nicht in jeder Lebensphase Debatten mit der Verve führen, die das Privileg der Jugend sei. Zudem seien die besten Polemiker seines Verlags – Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Wiglaf Droste – alle tot.
„Unsere Debatten nehmen heute oft irrationale Züge an. Da kann man mit weiterer Polemik wenig ausrichten. Ich neige inzwischen zu Themen, die wissenschaftlich-ernsthaft statt polemisch abgehandelt werden“ sagt Bittermann. Seinen Buchverlag sieht er als Gegenprogramm zur Reiz- und Reaktionsmaschine der Sozialen Medien: „Klassische Aufklärung ist jetzt wieder nötiger denn je“, glaubt der Verleger und unterstreicht diesen Satz mit Blick auf den 7. Oktober 2023 – die Folgen für den Blick auf Israel und jüdisches Leben seien fatal.
Mit Autoren wie Ingo Elbe („Antisemitismus und postkoloniale Theorie“) und Jan Gerber („Das Verschwinden des Holocaust“) hat sich Bittermann in jüngerer Zeit zu einem führenden Verlagshaus der Postkolonialismus-Kritik im deutschen Sprachraum entwickelt. Nicht nur, aber auch deshalb kann die Edition Tiamat eine intellektuelle Relevanz behaupten, die mit Klassikern wie „Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord seit jeher angelegt war.
Seine bestverkauften Bücher
Der Verlag sei nie ein Selbstläufer gewesen, er habe im Laufe der Jahrzehnte drei verschiedene Insolvenzen seiner Buchhandelsauslieferungen überlebt. In schlechteren Jahren habe er mehrmals überlegt hinzuschmeißen. Doch dann habe es immer auch mal Verkaufshits gegeben. Bestseller wie Harry Rowohlts Autobiografie „In Schlucken-zwei-Spechte“. Oder der Roman „Harold“ des pseudonymen Autors „Einzlkind“, das einzige unverlangt eingereichte Manuskript, das er verlegt habe. Oder, 2020 erschienen, „Generation Beleidigt“ von Caroline Fourest. Dieses Buch liege dank einer Taschenbuchausgabe und einer Lizenzauflage bei der Bundeszentrale für politische Bildung bei rund 60.000 verkauften Exemplaren. Doch insgesamt gelte: „Bücher zu verkaufen ist schwieriger geworden.“
2025 sei für ihn ein katastrophales Jahr gewesen, bekennt Bittermann. Insofern komme der Kurt-Wolff-Preis (der mit 35.000 Euro dotiert ist und auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse überreicht wird) genau richtig. Ans Aufhören denkt er nicht, auch nicht an einen Verkauf der Edition, die mit ihm steht und fällt. Verlagsmarken, von denen nur die Namenshülle bleibt, gebe es schon zu viele, findet er. Er hätte damals gern mit dem Know-how von heute angefangen, gesteht er, altersmilde.
Und das Schönste an seinem Beruf? „Ich habe das Privileg, dass ich jeden Tag ausschlafen kann“, sagt Klaus Bittermann. Nach dem Aufstehen gehe er zu Monsieur Ibrahim, um Kaffee zu trinken. Und die Zeitungen zu lesen. Anschließend arbeite er im Büro Bestellungen und E-Mails ab. Mittags verabrede er sich zum Lunch. Nachmittags lektoriere er Bücher oder schreibe an seinen eigenen. Wir müssen uns den Ein-Mann-Verleger als glücklichen Menschen vorstellen.
Klaus Bittermann, 1952 im oberfränkischen Kulmbach geboren, hat den Verlag Edition Tiamat 1979 in Nürnberg gegründet. Seit 1982 lebt und arbeitet er in Berlin-Kreuzberg. Neben Autoren wie Wolfgang Pohrt, Wiglaf Droste und Roger Willemsen hat Bittermann französische Denker wie Guy Debord, Alain Finkielkraut und Pascal Bruckner verlegt, außerdem Standardwerke zur Shoa, etwa von Hannah Arendt und Léon Poliakov. Seit Jahrzehnten kritisiert die Edition Tiamat als linker Verlag Auswüchse politischer Korrektheit. Neuere Analysen gelten dem militanten Postkolonialismus und Antisemitismus. „Umkämpfte Geschichte. Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober“ heißt Bittermanns aktueller Sammelband zum Thema.
Source: welt.de