Es ist kein Wunder, dass in einer Zeit, in der ein „Hauch von Weimar in der Luft liegt“, wie es regelmäßig beschworen wird, auch die Dichter und Denker jener Zeit wieder im Rampenlicht stehen. Als Publikumsliebling ist es gerade Thomas Mann, der in seiner „Aktualität“ zumindest die lesende Masse anhaltend bewegt. Die neue Begeisterung ist dabei auch Nebenprodukt der Jahreszahlen-Bewirtschaftung. 2024 wurde sein „Zauberberg“ hundert, er selbst feierte letztes Jahr seinen Hundertfünfzigsten. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Umso bezeichnender ist, dass, selbst wenn die Feste nicht mehr fallen, die Mann-Inflation kein Ende kennt. Wenn das Roman-Herzog-Institut, wie nun in München, unter der Leitfrage einlädt: „Wie aktuell ist der Zauberberg?“, wird die Antwort schon mitgeliefert: sehr.
Ein großer Zauber aus sicherer Entfernung
Bei einem Roman, der sich in einer Zeit vor dem Krieg verortet, „mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat“, wird seine Funktion schnell deutlich: In der Lektüre hofft man, Gründe für den deutschen Irrweg zu finden. Immer wieder werden die Gesprächspartner von „Archetypen“ reden, von symbolischen Charakteren, die etwas Größeres verkörpern. Und ja, wer sich allein für die Ästhetik der fiebrigen Intellektuellen der Weimarer Republik interessiert, braucht nur den Davoser Diskursballaden zuzuhören. Im Diskurs selbst ist keine Rettung zu erwarten: Der „Zauberberg“ ist, wie der Literaturwissenschaftler und -kritiker Kai Sina feststellte, im Kern ein Untergangsroman.
Doch es ist ein Verfall, der sich, fast wie im Zoo, aus sicherer Distanz erleben lässt. Die Debattierenden werden so vorgeführt, dass sie am Ende als „komische Figuren“ erscheinen. Wie Oliver Jahraus betonte, ist all das eine gänzlich „artifizielle“ Kulisse. Ein „großer Zauber“, der die rhetorischen Figuren nur zur Aufführung bringt und nicht wertet – ein Vakuum, das die Mann-Interpreten gerne füllen. Sina klang fast wie Naphta, wenn er Settembrini vorwarf, eine „verabsolutierte Aufklärung“ zu vertreten, und Markus Gasser wie Settembrini, wenn er Naphta eine radikale „existenzielle Motivation“ unterstellte. Der „Zauberberg“ ist sicher kein „Habermas-Roman“, wie Jahraus etwas schief einwarf, sondern ein großes Schauspiel, das sich auch heute noch aufführen lässt.
Der „Zauberberg“ als gesellschaftliche Selbstbeschreibung
„Zauberberg“-Exegese ist also ein Geschäftsmodell. Auch in München sollten steile Thesen („eigentlich ein Roman über Sex“) ästhetische Wirkungstreffer landen. Der Roman ist aktuell, aber nicht, weil sich dort stetig etwas Neues offenbart, sondern, weil die Öffentlichkeit bis heute den immer gleichen Interpretationen gerne lauscht. Mit seiner Beobachtung, dass „Gesellschaften Selbstbeschreibungen von sich brauchen“, lieferte Jahraus den richtigen Hinweis. Der „Zauberberg“ ist so attraktiv, weil er in doppelter Hinsicht für das deutsche Selbstverständnis konstitutiv ist. Einerseits, da der Weltroman und Manns Werdegang einen alternativen deutschen Weg skizzieren: „Lebensbefehl“ statt „Todestrieb“; und andererseits, weil mit dem informierten Sprechen über den „Zauberberg“ eine der letzten Abgrenzungsmöglichkeiten des Bildungsbürgers verbleibt.
Wie Kai Sina erklärte, war Thomas Mann selbst ein Fall dieser „bürgerlichen Aneignung“. In Hans Castorp, der in Schulfranzösisch versucht, das Herz der frankophilen Clawdia Chauchat zu gewinnen, spiegelte sich auch eine kleinbürgerliche Unsicherheit. All das nahm das Schicksal der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ vorweg, die nach dem Zweiten Weltkrieg bürgerlich und demokratisch zugleich werden musste. Seine Regale mit Thomas-Mann-Büchern zu füllen oder brav Veranstaltungen über ihn zu lauschen, ist also genau jener „angelesene Geschmack“, den Mann höchstpersönlich vorlebte und der bis heute ein stilles Distinktionsbedürfnis der Deutschen erfüllt. Mit den schönen Anekdoten, die die Experten erzählten, lassen sich wieder viele Gespräche bestreiten.
Der Mythos „Zauberberg“ lebte auch an diesem Abend in seiner symbiotischen Beziehung aus Leser, Interpret und Autor fort. Man könnte dieses eingeübte Spiel einen „Mid-Cult“ nennen oder eine Echokammer. Aber das wäre falsch, denn ein Volk braucht seine Dichter und Denker. Wenn sie, wie im Falle von Thomas Mann, dann auch noch all das Gute und das Schlechte des eigenen Landes verkörpern, umso besser. Eine liberale Selbsterzählung der Bundesrepublik bleibt ohne ihn schließlich undenkbar – das ist seine Aktualität.
Source: faz.net