Kinofilm zusätzlich BDSM: Wer dominiert hier wirklich wen?

Es gibt einen besonderen Reiz von Filmen, die sich mit BDSM beschäftigen, und das ist nicht der Sex. Sie adressieren einen Kern menschlicher Beziehungen, der sonst gern verborgen bleibt. Es geht um das in jeder Beziehung existierende Machtgefälle zwischen zwei Menschen, das ausgehandelt werden muss. In der Dom-Sub-Szene, in der man entweder eine dominante oder eine unterwürfige (submissive) Rolle einnimmt, wird eine Phantasie gelebt, die beide befreien und befriedigen soll, eine, in der klar ist, wer die Ansagen macht und wer gehorcht.

Der Debütfilm „Pillion“ von Harry Lighton beschäftigt sich mit einem derartigen Verhältnis. Auch hier geht es um Sex, aber Lighton macht es sich nicht so einfach wie mancher Kink-Film, in dem solche Phantasien durchgespielt werden. Ja, da ist ein unsicherer, einsamer Mann: Colin, gespielt von Harry Melling, ist Parkplatzwärter. Er lebt bei seinen Eltern in einer Londoner Vorstadt und singt in einem Barbershop-Quartett.

Nicht nur ist er Single, er war auch noch nie verliebt. Seine Eltern sind sehr daran interessiert, ihren Sohn glücklich zu sehen. Dass seine Mutter (Lesley Sharp) sterbenskrank ist und Dates für ihn arrangiert, macht die Sache nicht einfacher. So sitzt er im Pub mit einem eigentlich ganz netten Mann, aber irgendwie kommt da nichts zustande, nicht einmal ein höfliches Geplänkel.

Die Hierarchien sind klar verteilt

Am selben Abend ist da aber auch ein anderer: Ray (Alexander Skarsgård) ist groß, blond, gestählt und umgeben von einer Truppe in Lederkluft. Es braucht nur eine Begegnung an der Bar, und Colin spaziert an Heiligabend zu einem Hinterhof, in den ihn Ray bestellt hat. In seinem Motorradanzug stellt er ihm die entscheidende Frage: „Do you give?“ Gibst du? Oder besser: Ergibst du dich?

Damit sind die Hierarchien klar: Colin wird Rays „Sub“, sein Untergebener. Er schneidet sich die Haare, trägt bald eine Kette mit Schloss um den Hals (und Ray den Schlüssel); er bekommt eine teure Motorradjacke und fährt „pillion“, also auf dem Soziussitz mit. Und er wird in allerlei Körperliches eingewiesen. In einer sehr komischen Szene tragen die beiden speziell für den Anlass geschneiderte Wrestlerkostüme.

Colin nimmt ansonsten vor allem Einkaufslisten entgegen, kocht, was gewünscht ist, und schläft auf dem Boden. Man fühlt sich unwohl dabei, zu sehen, wie Colin sich behandeln lässt. Seit Harry Melling in „Harry Potter“ den fiesen Stiefbruder spielte, hat er in diversen Charakterrollen Präsenz bewiesen. Es freut einen, ihn nach „Der denkwürdige Fall des Mr. Poe“, in dem er den Schriftsteller selbst spielte, in einer weiteren größeren Rolle zu sehen. Was macht die vereinbarte Hierarchie mit diesem Mann mit dem kühn-unsicheren Blick? Und: Warum ist eine derartige Vereinbarung mit all ihren Folgen nur in einer spielerischen Parallelwelt möglich?

Lighton wählt für die Auseinandersetzung mit dieser Frage die Motorradszene als Setting. Es ist eine Hommage an die Motorradclubs der Nachkriegszeit und ihre Rolle in der schwulen Emanzipationsgeschichte, vor allem an der amerikanischen Westküste. Allerdings bedient der Regisseur keine Klischees, kleidet seine Darsteller nicht etwa in die vertrauten Lederuniformen („BLUF“), sondern lässt Ray und seine Freunde Sportmotorräder in Rennanzügen fahren, und verankert sie damit in einer Ästhetik, die genauso gut heterosexuell sein könnte. Mit entsprechender Wirkung. „Pillion“, das war früher der Damensitz beim Reiten. Colin erledigt den Haushalt. Andere „Subs“ treten bei einer Sexparty im Hausmädchen-Dress auf. Hier zeigt sich eine Art performte Misogynie im homosexuellen Männerkult: Das Untergebene ist – wie auch in vielen heterosexuellen Kontexten – feminin markiert.

Keine Glorifizierung, keine Pathologisierung

Lighton antizipiert also die widersprüchlichen Gefühle des Zuschauers. Als Ray nach vielfacher Einladung zum Sonntagsessen erscheint und Colins Eltern schnell klar wird, dass dieser „good-looking chap“ nicht das ist, was sie sich für ihren Jungen vorgestellt haben, fragt die Mutter ihn frei heraus: „Was ist eigentlich Ihr Problem?“ Normal sei das ja nicht, dass man andere so behandle. Kann das gesund sein, kann das wirklich einvernehmlich sein?

Der Film glorifiziert BDSM-Praktiken nicht, aber er pathologisiert sie auch nicht – sondern bleibt nah an Colins Erfahrung. Worin für Ray die Befriedigungen außer der offensichtlichen liegen, wird nur angedeutet: die trist eingerichtete Wohnung, der minutiös geplante Tagesablauf, das bisschen Klavierspielen und die Lektüre von Knausgårds „Min kamp“. Vielleicht ist er ein schöner und mächtiger Mann. Vielleicht ist er aber auch nur ein Objekt, das sich ganz gut mit der Einsamkeit arrangiert hat.

Die Dynamik der beiden Männer ist keine romantisierte Herr-Knecht-Dialektik, auch wenn sich Colin freiwillig als Untergebener in die Situation bringt. Es gibt auch kein ausführliches Gespräch über Einvernehmlichkeit. Colin muss sich an Rays Härte abarbeiten und damit unweigerlich an sich selbst – eine Erfahrung, die keiner Subkultur vorbehalten ist.

Als Colin und Ray doch einmal ihre Dynamik auf den Kopf stellen, die Rollen wechseln, entsteht eine befreiend schöne Sequenz, in der all das, was man sich unter ebenbürtiger Liebe zusammenphantasieren würde, durchgespielt wird. „Pillion“ lässt einen zurück mit der Ahnung, dass diese ausgewogene, unerwartete Art von Beziehung vielleicht die eigentliche Phantasie sein könnte – der eigentliche Kink, den zwei Liebende inszenieren.

Ab Donnerstag im Kino.

Source: faz.net