Die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani wurde mit dem viel diskutierten Drama „Das Blau des Kaftans“ international bekannt, das von Liebe, Würde und stillen Kompromissen in einer traditionellen Gesellschaft erzählt. Es ist der bis heute erfolgreichste Film in Marokko, er vertrat das Land 2022 zum ersten Mal auf der Oscar-Shortlist – ein Meilenstein für das nordafrikanische Kino. Mit größter Spannung wurde daher ihr nächster Film erwartet, der nun diese Woche im Kino anläuft, „Calle Málaga“.
Frau Touzani, „Calle Málaga“ ist Ihr erster spanischsprachiger Film. Warum?
Dieser Film entstand aus dem Gefühl des Schmerzes heraus, des Verlusts. Ich begann mit dem Schreiben des Films, als ich meine Mutter verlor, kurz vor der Premiere von „Das Blau des Kaftans“. Ihr Tod kam völlig unerwartet, sie wollte in Casablanca auf meinen Sohn aufpassen, als ich zur US-Premiere des Films nach New York reiste. Ich war tief erschüttert. Zu Hause hatten wir durch meine andalusische Großmutter mehr Spanisch als Arabisch gesprochen, und nach diesem Todesfall musste ich unbedingt diese Sprache hören. Es zog mich zum Schreiben auch nach Tanger zurück, der Stadt meiner Mutter.
Der Schauplatz Tanger ist für Sie mit Familie und Kindheit konnotiert?
Ja, die Stadt führte mich zu Erinnerungen zurück, zu den Gesten und Gerichten von Mutter und Großmutter, zu ihren Tortillas und „croquetas“, in die Straße, in der sie lebten, mit diesem Mix aus Kulturen, Traditionen und Religionen, von dem sie so oft schwärmten. Ich liebte die Anekdoten, wie Nachbarn Rezepte austauschten und gemeinsam ihre religiösen Feiertage begingen, die Liebe und Toleranz atmeten. Unbewusst konnte ich so den Schmerz in ein Verlangen nach Leben übersetzen. „Calle Málaga“ feiert das Leben, auch wenn er aus der Trauer entsprungen ist.
Diese titelgebende Straße in Tanger, Calle Málaga, wirkt etwas wie die Portobello Road im Film „Notting Hill“ – fast zu idyllisch, um wahr zu sein.
Die Straße ist wirklich so – voller Leben. Die Statisten im Film sind tatsächlich Leute aus dieser Straße.
Wie hat sich die Geschichte dann vom Biographischen gelöst?
Sie führt ins jetzige moderne Tanger und zu Themen, die mich schon lange beschäftigen: Mutter-Tochter-Beziehungen, Konflikte innerhalb der Generationen. Ganz vorne stand für mich die gesellschaftliche Sicht auf das Alter, oder, besser gesagt, wie wir heute das Altern verbergen und dabei die Sinnlichkeit des Alters negieren. In der Figur der María Ángeles manifestiert sich eine andere Perspektive: Altern ist hier ein Privileg. Die Falten, die sich in unsere Haut graben, sind Symbole des Lebens, das wir führen durften. Für mich bedeutet, gut zu altern, vor allem, frei altern zu können. Und auch nach außen die Person zu bleiben, die man im Inneren ist; die Veränderungen an deinem Körper als Zeichen der Zeit zu akzeptieren. Leider wird das lieber verborgen, versteckt, ausradiert – vor allem im Kino, als ob es alternde Frauenkörper gar nicht gäbe.
Regisseuren fällt es mittlerweile schwer, ältere Schauspielerinnen zu finden, die noch altersgemäß aussehen. Sie entschieden sich für die grandiose Carmen Maura.
Ja, und Carmen erlaubt sich, die Arbeit der Zeit auf ihrer Haut zu zeigen. Wenn mein Film die Schönheit des Alters zeigt, samt Falten und Flecken, musste ich eine Akteurin finden, die nicht gebotoxt und operiert, die mit dem Lauf der Zeit in Einklang ist. Carmen ist kompromisslos und tut alles, was sie will. In ihren Augen sieht man noch das schelmische Mädchen, das sie mal mit sieben, acht Jahren gewesen ist.
Wird Altern in Marokko und in Frankreich sehr unterschiedlich behandelt?
Es ist kompliziert zu vergleichen, die gesellschaftlichen Vorgaben sind ähnlich stark, auch wenn sie je nach Orten unterschiedliche Gesichter annehmen. Aber was sie gemeinsam haben, ist: Sie schränken uns ein und beschneiden unsere Freiheit, so zu altern, wie wir wollen und wie wir uns fühlen – und nicht so, wie andere es sich wünschen. Um sich von diesen Erwartungen zu befreien, muss María Ángeles all ihre Schlösser sprengen. Sie fordert: „Ich möchte so angesehen werden, wie ich die Körper anderer sehe – ohne Angst und ohne ihn zu verbergen. Er ist Zeuge all dessen, was ich erlebt und erfahren habe.“ So kann das Alter befreiend sein.
Schließt die Freiheit des selbstbestimmten Alterns für Sie auch die Art des Sterbens mit ein?
Unbedingt. Man sollte selbst wählen können, wie und wann man sterben möchte, nach der eigenen Vorstellung von Würde.
Enthält Ihr Film auch ein Postulat zu Migration und Integration, zu nationaler Identität?
Die Frage nach Zugehörigkeit war elementar, ich möchte erörtern, was es bedeutet, wirklich „dazuzugehören“: Für meine spanische Großmutter war Marokko ihr Adoptivland. Wann bezeichnet man einen Ort als Zuhause? Wodurch manifestiert sich Verwurzelung? Für Carmen Mauras Figur manifestiert es sich in ihrer Wohnung, ihren Möbelstücken und den für sie kostbaren Gegenständen.
Das Leben einer spanischen Gemeinschaft, die in der marokkanischen Gesellschaft integriert ist, erzählen Sie als heitere Selbstverständlichkeit. Ist das ein Konstrukt, eine Utopie?
Weder noch. Das habe ich erlebt. Was mich berührte, waren die entstandenen Wurzeln, die durch ihre tiefe Bindung an diese Stadt und ihre Nachbarschaft entstanden waren. Es gab und es gibt sie noch, dieses friedliche Zusammenleben und die Akzeptanz des anderen, das zu sein, was er ist. Tanger war immer ein Ort der Durchmischung, eine internationale Stadt, schon durch das spanische Protektorat und die Nähe zu Spanien. Uns wurde das wohl auch durch unsere Historie vermittelt, durch all die verschiedenen Kulturen, die mal das Land durchquert haben und sich vermischten.
Ist Marokko, wie Sie oder die Schriftstellerin Leïla Slimani es darstellen, ein Land in einem Spannungsfeld zwischen Monarchie und Modernismus, besonders für Frauen?
Marokko ist auf allen Ebenen voller Vielfalt, ob Kulturen, Mentalitäten oder Meinungen – und damit auch ein Land der Kontraste. Es ist schwer zu definieren, weil man es mit extrem modernen Menschen zu tun bekommt und gleich um die Ecke in einem viel traditionelleren Viertel landen kann.
Wie bewerten Sie dagegen die Abwehr gegen das Erbe des französischen Protektorats, besonders in der Jugend?
Das ist ein Teil der Auseinandersetzung mit der Geschichte. Wir spüren es schon sprachlich, mit welcher Rasanz sich das Englische durchsetzt. Französisch galt lange als Sprache der Eliten. Mich fasziniert es, eine Jugend zu sehen, die sich die Freiheit nimmt, zu entscheiden, was ihnen als Fremdsprache zusagt. Wenn sie jetzt Englisch bevorzugen, ist das ein demokratischer Prozess, die Sprache erhält auch bei uns den Platz, den sie heute überall in der Welt einnimmt.
Ihre erste Doku „Sous ma vieille peau“ widmeten Sie 2014 der Prostitution in Marokko, Sie schrieben über dasselbe Thema am Drehbuch zu „Much Loved“ mit, der in Marokko nicht in den Kinos gezeigt werden durfte. Ihr erster Spielfilm „Adam“ von 2019 handelte von einer ledigen Schwangeren, die aus ihrem Dorf flieht. Bei Ihrem extrem erfolgreichen zweiten Film „Das Blau des Kaftans“ ging es um eine geheime homosexuelle Liebe eines Traditionsschneiders in der Medina. Ein kontroverses Thema für ein islamisches Publikum.
Das war das erste Mal, dass ein Film mit dieser Thematik gezeigt wurde – und auch tatsächlich in die Kinos kam. Das zeigte mir den starken Wunsch nach Dialog in der Gesellschaft.
Was triggerte diesen Film, der zum Referenzbeispiel für die nationale marokkanische Filmkunst wurde?
Bei Recherchen stieß ich in der Medina von Casablanca auf einen alteingesessenen Damenfrisiersalon – der einzige, der von einem Mann geführt wurde: Er war verheiratet, hatte ein perfekt funktionierendes Leben. Gleichzeitig fragte ich mich: „Was, wenn dieser Mann jeden Tag gezwungen ist, so zu tun, als wäre er jemand, der er nicht ist?“ Ich erinnerte mich an Geschichten, die ich als Kind mit einem halben Ohr mitbekommen hatte, über Paare, die voreinander Dinge verbargen.
Bisher schrieben Sie jeden Ihrer Filme selbst und inszenierten noch nie einen fremdgeschriebenen Film. Sie kooperieren jedoch immer mit Nabil Ayouch, Regisseur, Autor und zudem Ihr Ehemann. Sind Sie das marokkanische Pendant zum Golden Couple des US-Kinos, Greta Gerwig und Noah Baumbach?
Schreiben ist generell etwas sehr Einsames, für mich und für ihn. Aber so haben wir zwei Einsamkeiten, die sich treffen, kennen und respektieren. Man kann immer den Blick des anderen erbitten. Ich spüre sein Wohlwollen, er weiß, wohin ich will, treibt mich oft auch an Grenzen oder hinterfragt mich – und auch umgekehrt.
Sie arbeiteten als Journalistin, bis Sie mit 2011 Ihren ersten Kurzfilm „Quand ils dorment“ als Regisseurin debütierten. Hat sich für Sie nicht das Erzählen, sondern nur Ihr Kanal verändert?
Der Journalismus ist und war meine Basis: der Wunsch, andere Menschen anzusprechen, ihnen zuzuhören, sie zu verstehen und ihre Geschichten zu teilen. Journalismus ist ein Wunsch nach Wahrheit – daher sind Filme eine sehr organische, sinnhafte Erweiterung dieses Bedürfnisses.
Vom 26. März an im Kino
Source: faz.net