Simon Verhoeven hat „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, den dritten von Joachim Meyerhoffs autobiografischen Romanen, verfilmt. Seine Mutter Senta Berger spielt an der Seite von Michael Wittenborn die Rolle der skurrilen Großmama
Vor dem Frühstück gibt es stets ein Glas Champagner, ab dem Nachmittag Wein und Cointreau
Foto: Warner Bros.
Wenn jemand stirbt, ist die Lücke entsetzlich. Die banale Wahrheit, dass das Leben weitergeht, motiviert den Protagonisten in Simon Verhoevens Adaption von Joachim Meyerhoffs drittem autobiografischen Roman zum Handeln: Nachdem sein jüngerer Bruder ums Leben gekommen ist, entschließt sich Joachim (Bruno Alexander), zu seinen Großeltern Inge und Hermann (Senta Berger und Michael Wittenborn) nach München zu ziehen.
Er will sich an der Staatlichen Schauspielschule bewerben. „Großmutter“ und „Großvater“, wie Joachim sie nennt, sind stets elegant gekleidete Kauze, trinken vor dem Frühstück rituell ein Glas Champagner, ab dem Nachmittag Wein und Cointreau und legen sich zum Musikhören gern auf den Teppich. Ihrem Enkel erklären sie, wie das Leben geht: Beim Vorsprechen sollte man müde sein, sagt die schauspielerfahrene Oma und nötigt ihn zum abendlichen Kaffeetrinken. Joachim bleibt wach, spricht am nächsten Tag matt aus Danton vor – und wird genommen.
„Lächel‘ doch mal mit den Brustwarzen!“
Wie der Jungschauspieler Konflikte mit skurrilen Lehrer:innen austrägt, langsam seinen Platz in der Gruppe der auserwählten Studierenden einnimmt und schließlich lernt, seine Gefühle auf die Bühne umzuleiten, das erzählt Verhoeven als tragikomische Coming-of-Age-Geschichte.
Die unmittelbare Kraft von Meyerhoffs Sprache, das Zügige, Schnörkellose und von implizitem Humor Geprägte in seinen Worten, die immer genug sagen, um im Kopf des Lesers ein starkes Bild entstehen zu lassen, diesem aber subjektive Interpretationsfreiheit lassen, wird im Film reduziert. Die Bilder, die Verhoeven findet, verblassen ein wenig gegen die Absurdität des textlichen Originals.
Situationen wie das Vorsprechen, die irrwitzigen, übergriffigen Anweisungen aus der Schauspielschulpraxis („Lächel doch mal mit den Brustwarzen“, „Und jetzt fick den Baum“) und die vielen klassischen Peinlichkeiten eines jungen, unerfahrenen Mannes sind zwar enorm sympathisch. Doch auch wegen des erklärenden Off-Kommentars ergeben sie eine zu leichte Komödie: Wehtun will hier niemand jemandem. Dabei geht es doch eigentlich darum, den Schmerz, der ja nun mal vorhanden ist, zu benutzen.
… diese Riege der grotesken, verzweifelten, unsicheren, im tiefsten Herzen absolut liebenswerten Menschen
Als ob er seinen eigenen szenischen Ideen nicht ganz traut, lässt Verhoeven zudem kaum Effekt aus den Situationen selbst entstehen. Eine der wenigen Ausnahmen ist während des Öffnens einer Champagnerflasche ein kurzer, wunderbar komischer Schnitt zur Decke des großelterlichen Hauses, die bereits von unzähligen Abdrücken hochfliegender Korken übersät ist – als eine Art haptischer Beweis eines gutmütigen Salon-Alkoholismus.
Eine Szene wie die Anprobe von Perücken, die Joachim für seinen ersten Kurzfilm tragen soll, rutscht dagegen auf das Humorniveau eines Schwanks: Klar, jemandem einen merkwürdigen Kunstschopf aufzusetzen, sieht bekloppt aus. Aber das war’s auch.
Hauptdarsteller Bruno Alexander und Nebendarsteller:innen wie Anne Ratte-Polle, Karoline Herfurth und Tom Schilling sind dabei bemüht, aus ihren Rollen alles an Komik und Tiefe herauszupressen, was drin ist. Doch vor allem Senta Berger als Großmutter hätte man gern entrückter gesehen: Dass sie in jeder Lage die Contenance zu bewahren hat, wirkt ein bisschen wie eine angezogene Handbremse.
Sympathien entwickelt man dennoch für diese Riege der grotesken, verzweifelten, unsicheren, im tiefsten Herzen absolut liebenswerten Menschen. Dafür steckt die Zärtlichkeit in den Romanen einfach zu tief drin.
Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Simon Verhoeven, Deutschland 2026, 137 Min.