Chloé Zhao („Nomadland“) adaptiert Maggie O’Farrells Bestsellerroman „Hamnet“. Aus der Erzählung über den frühen Tod eines Kindes macht Zhao eine Parabel über Trauer und die Entstehung eines neuen Werks
Basierend auf Maggie O’Farrells Bestsellerroman erzählt „Hamnet“ über die Ehe von Agnes (Jessie Buckley) und William Shakespeare (Paul Mescal)
Foto: Universal Pictures International Germany
Chloé Zhaos Filme arbeiten mit einer großen Naturbegeisterung. Menschen zieht es ins Freie. Sie kommen zu sich, werden mit dem Ursprünglichen konfrontiert und finden darin spirituelle Zuflucht, so erbarmungslos die Natur auch sein mag. Man konnte das bislang sowohl in Dramen wie Nomadland als auch dem Superheldenfilm Eternals erleben, der nach den überzeitlichen Konstanten der Welt fragte. In Hamnet setzen sich derlei Motive fort.
Gerade der Wald wird dabei zum Raum der Geborgenheit, dem hinterher eine bemalte Theaterkulisse als lebloses Illusionsbild gegenübergestellt wird. Im Spannungsfeld dieser Eindrücke grübelt hier der Mensch über das Sterben. Hamnet basiert auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell, der 2020 erschien und die Geschichte einer trauernden Familie erzählt. Nicht irgendeiner Familie, sondern der des Schriftstellers William Shakespeare. In den Lücken seiner Biografie malen sich Roman und Film aus, wie Shakespeare und seine Ehefrau Agnes den Tod ihres Sohnes verkraften.
Es wird erzählt, wie sich die beiden kennenlernen, Kinder bekommen, wie Agnes für die Karriere ihres Mannes allein gelassen wird und wie beide in eine tiefe Krise stürzen. Im Kern steht dabei die Frage, inwieweit der Schicksalsschlag Shakespeares Arbeit an dem Drama Hamlet beeinflusst haben könnte. Zhaos Adaption, die gemeinsam mit der Autorin der Vorlage entstand, wurde mit diesem Stoff zu einem Hit der vergangenen Festival-Saison. Mehrere Preise hat Hamnet bereits abgeräumt, darunter zwei Golden Globes. In den sozialen Medien teilen Menschen Bilder und Videos, wie sie den Kinobesuch weinend überstehen.
Der Film trifft einen Nerv – und verlangt seinen Schauspielern viel ab
Wie lässt sich dieser Hype erklären? Chloé Zhao trifft wohl schon deshalb einen Nerv, weil sich ihr Film an ganz universellen Erfahrungswerten orientiert. Es geht zunächst um das Verliebtsein, eine Romanze, die sich zwischen familiärer Abhängigkeit und dem Aufbegehren gegen die Eltern behauptet. Es geht um den Kreislauf von Gebären und Sterben zwischen Kultur und Natur und in den Bildern der Letzteren soll der Mensch in seinem Innersten, Grundlegendsten porträtiert werden.
Jessie Buckley und Paul Mescal in den Hauptrollen wird dabei zwischen Tränen, Schreien und purer Erschöpfung viel abverlangt. Und Chloé Zhao und ihr Kameramann Łukasz Żal wissen genau, wo sie sich zurückhalten oder wo Einstellungen dauern müssen, um das eindringliche Schauspiel im Mittelpunkt wirken zu lassen. Hamnet zeigt aber nicht nur auf formaler, sondern auch auf Plot-Ebene, wie Schauspiel zur individuellen Projektionsfläche wird und zugleich zwischen Leben und Tod einen Moment der kollektiven Verbindung und Anteilnahme verspricht.
Der Film nimmt die oft dahingesagte Floskel der heilenden Kraft der Kunst beim Wort und überträgt sie in eine Überwältigungsästhetik. Ärgerlich ist daran vor allem, welch verkitschter Blick auf Hamlet geworfen wird.
Zurück zur biografischen Deutung?
Die neue Perspektive, die dieses Was-wäre-wenn-Szenario suggeriert, stellt über den zweistündigen Leidensweg hinweg weniger eine Vergegenwärtigung oder Durchdringung von Shakespeare und dessen Schaffen dar, sondern eine Verengung. Letztlich wird hier ein komplexer Text auf das Bewältigen einer Verlusterfahrung heruntergebrochen.
Der sogenannte Tod des Autors, die Eigenständigkeit des Werks gegenüber seinem Schöpfer, spielt hier als Konzept keine Rolle. Stattdessen spricht aus dem Hamnet-Phänomen eine große Sehnsucht, die imaginierten Gedanken und Gefühle der Autorschaft wieder über ein Werk zu erheben, um sich an irgendetwas klammern zu können. Das heißt, man begegnet der Kunst zuvorderst mit einer biografischen Deutung, ungeachtet der blinden Flecken, Trugschlüsse und Vereinfachungen, die ein solcher Ansatz birgt.
Sowohl Shakespeare als auch Hamlet sollen so nahbar gemacht werden, auch wenn diese Nähe kaum anregende Gedanken, sondern in erster Linie reines Gefühl bedeutet. Von den Dimensionen der Kunst bleibt dadurch wenig übrig.
Hamnet Chloé Zhao USA 2025, 125 Min.