Tauben glauben nicht an Gott. Von ihren Ausflügen in den Lüften wissen sie, dass der Himmel leer ist. Wenn Tauben reden könnten, würden sie sich mit diesem Wissen um Kopf und Kragen reden. Aber Tauben reden nicht. Sie flüstern mit den Flügeln, wie Noah sagt, ein vierzehnjähriger Taubenzüchter, dessen Welt Schritt um Schritt zerstört wird, als die Gotteskrieger des „Islamischen Staats“ mit ihren Gewehren und ihren Geboten in seine Stadt kommen. Sie sind die Vertreter des Kalifats, des von Menschen errichteten Gottesstaats, der für einige Jahre in Teilen des Iraks und Syriens bestanden hat.
Wie umfassend und grausam ihre Herrschaft sein wird, zeigt sich erst nach und nach. Doch schon im ersten Absatz seines neuen Romans findet Abbas Khider ein Bild für das, was passiert, wenn ein Land unter den Druck einer Zwangsherrschaft gerät. Drei Hubschrauber der Mudschahedin überfliegen die Stadt, und Noahs Schwarm, der gerade ausgeflogen ist, gerät in Panik: „Drei meiner Tauben schließen sich fremden Gruppen an, zwei driften nach Westen, und ein weiteres Trio entschwindet hinter den Dächern.“ Die Tauben haben die Botschaft der Rotorblätter auf Anhieb verstanden. Ihre Gemeinschaft zerfällt.
Überlebt, aber im Umerziehungslager
Nicht anders geht es Noahs Familie, ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn. Sein Schwager Walid, der unter der vorherigen Regierung Polizist war, hat den Regimewechsel zwar überlebt, wird aber in einem Umerziehungslager der Mudschahedin festgehalten. Onkel Ali, der zusammen mit anderen Taubenzüchtern Nachrichten aus dem abgeschotteten Land schmuggelt, muss eines Nachts Hals über Kopf fliehen und kann den Häschern nur mit knapper Not entkommen. Josef, der Schwager von Noahs Mutter, hat sich bereits mit den neuen Machthabern arrangiert. Nach wie vor ist er der Vorsteher des Viertels, trägt jetzt aber einen langen Bart. Würden Außerirdische die Erde erobern, heißt es in der Familie, wäre Josef schon bald ihre rechte Hand.
In etwa hundert kurzen Kapiteln, die oft nur knapp zwei Seiten lang sind, skizziert Khider, wie der Gottesstaat Besitz von einer Familie ergreift und ihr gesamtes Leben verändert. Das ist nicht atemlos erzählt, verzichtet auf plakative Effekte und schnürt doch dem Leser den Hals zu. Khider spielt dabei geschickt mit der Perspektive seines Ich-Erzählers, eines Vierzehnjährigen, der manchmal zu klug ist für sein Alter und doch kaum begreift, dass seine Kindheit gerade unwiderruflich zu Ende geht. Noah ist ein Träumer, der seine Tauben über alles liebt, aber er ist auch ein sensibler Beobachter, der aufmerksam registriert, wie seine Familie unter der Last der Verhältnisse zu zerbrechen droht.
„Jeder bärtige Mann mit Gewehr und einer Armbinde des Kalifats ist das Gesetz“
Zunächst muss Noah im Wäschegeschäft des Vaters die Verpackungen der Unterwäsche mit schwarzem Klebeband abdecken, denn Haare, Gesichter und die nackte Haut von Frauen dürfen nicht mehr zu sehen sein. Bereits zweimal wurde das Geschäft kontrolliert. Von wem? „Ordnungspolizei, Religionspolizei, wer weiß das schon? Jeder bärtige Mann mit Gewehr und einer Armbinde des Kalifats ist das Gesetz.“ Onkel Ali, dessen kleines Café wie alle anderen im Land geschlossen wurde, spottet, dass die Mudschahedin mehr Angst vor Frauenhaut hätten als vor der amerikanischen Marine.
Fast schon beiläufig, aber mit großer Intensität schildert Khider, wie die Säure des Fanatismus das Alltagsleben der Menschen zersetzt. Suad, Noahs schwangere Schwester, die sich um ihren Mann Walid sorgt, darf nicht mehr arbeiten. Auf den Straßen werden westliche Zigaretten und Illustrierte verbrannt, Mobiltelefone müssen abgegeben werden. Zufällig muss Noah, der zunächst noch einigermaßen arglos und ein wenig verträumt durch die Stadt streift, mitansehen, wie eine Frau ausgepeitscht wird. Dann wirft ein Mann mit einem Megafon den ersten Stein und fordert die Menge auf, es ihm gleich zu tun. „Wie eine Welle“ stürzen die Menschen nach vorn, holen Steine aus bereitgestellten Säcken und werfen sie „mit wilder Begeisterung. Es klingt wie dumpfes Trommeln.“
Die paternalistische Seite des Terrors
Wer die Frau war, scheint niemand zu wissen. Angeblich soll sie im Minirock auf einer Party gefeiert haben: „Vieles, was einst selbstverständlich war, ist heute ein Verbrechen.“ Die Mudschahedin, die zunächst von vielen als Befreier begrüßt wurden, haben ein Terrorregime errichtet. Auch Noah war ihnen anfangs auf den Leim gegangen: „Mit ihren langen Bärten, ihrem wallenden Haar, ihren schwarzen Gewändern wirkten sie wie Krieger aus einem Fantasyfilm. Sie lächelten, ließen Kinder ihre Gewehre berühren, verteilten Süßigkeiten.“ Die Mudschahedin gaben sich freundlich, sorgten für Ordnung, stellten die Stromversorgung wieder her. Viele sagten, sie hätten in wenigen Wochen mehr erreicht als frühere Regierungen in einem Jahrzehnt. Das Muster ist altbekannt. Es zeigt die fürsorgliche, die paternalistische Seite des Terrors, die der Legitimation des neuen Regimes dient. Erst danach folgen Schulschließungen, umfassende Repressionen gegenüber Frauen, Verhaftungen, Steinigungen.
Auch Noahs kleine Bande ist dezimiert. Shirzad, ihr Anführer, ist mit seiner Familie verschwunden. Er ist Jeside. Zusammen mit Mohamed will Noah ein Zeichen setzen. Sie hängen nachts an einer Schule ein Plakat auf, das zeigt, wie eine große Hand aus einem Minarett wächst und die schwarze Flagge des Kalifats zerdrückt. Am nächsten Morgen ist die gesamte Straße abgeriegelt, und Noah beginnt zu ahnen, dass er einen großen Fehler begangen hat. Seine Tat wird ihn einholen.
Als wäre selbst das Papier auf der Flucht
„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein schmales Buch, das ein großes Thema bewundernswert leichthändig verhandelt. Leichthändig, aber nicht leichtfertig. Denn Khider genügen Nuancen und wenige Sätze, um auch komplexe Situationen zu beschreiben und zu fassen. Die Symbolik der Tauben, denen Khider schon in seinem 2011 erschienenen Roman „Die Orangen des Präsidenten“ eine wichtige Rolle zugedacht hat, wird zwar in alle denkbaren Richtungen entfaltet, aber immer wieder erweist sich der Autor auch als Meister der Verknappung und Zuspitzung. Wenn Noah das Geheimnis seines geflohenen Onkels Ali lüftet und das Manuskript in Händen hält, dessen Existenz er zuvor nur hatte vermuten können, beschwört Khider die tödliche Gefahr, die von diesen ketzerischen Aufzeichnungen ausgeht, mit nur drei Sätzen herauf: „Ich setze mich auf das Sofa, nehme das Manuskript heraus und halte es in den Händen. Es ist vollständig von Hand geschrieben. Die Blätter zittern, als wäre selbst das Papier vor dem Inhalt auf der Flucht.“
Vor knapp zehn Jahren hat Abbas Khider in seinem Roman „Ohrfeige“ die Nöte und Ängste beschrieben, denen sein Ich-Erzähler namens Karim als Flüchtling in Deutschland ausgesetzt ist. Jetzt schickt er einen Deutschen ins Kalifat. Abu Islam, der eigentlich Ralf Becker heißt und aus Mülheim an der Ruhr stammt, ist zum Islam übergetreten und hat sich den Mudschahedin angeschlossen. Nun ist er der Mann, mit dem Noahs Lieblingscousine Fatima zwangsverheiratet wurde. „Und? Wie ist er?“, will Suad von ihrem Bruder wissen. Noahs Antwort fällt kurz aus: „Nett und bewaffnet.“ Man würde gern ein ganzes Buch über diesen Abu Islam aus Deutschland lesen. Vielleicht wird Abbas Khider es eines Tages schreiben.
Abbas Khider: „Der letzte Sommer der Tauben“. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2026. 216 S., geb., 24,– €.
Source: faz.net