Seit Wochen rätselt das Netz: Ist Sienna Rose, die Soul-Sängerin mit Millionen von Fans auf Spotify, gar kein echter Mensch – sondern ein KI-Geschöpf?
Eine junge Frau mit Afrofrisur und tiefbraunen Augen blickt von ihrem Spotify-Profil, makellos schön. Eine kurze Info stellt Sienna Rose und ihre „zutiefst persönliche Musik“ vor: „Jede Note, die sie singt, trägt eine Wahrheit und Schönheit in sich, die aus Sienna Rose mehr macht als eine Performerin, sie macht sie zu einer Geschichtenerzählerin des Herzens“.
Aktuell lassen sich fast zwei Millionen Hörerinnen und Hörern von Sienna Rose das Herz rühren, jeden Monat. Ihre Stimme und die modernen Soul-Songs sind aber auch unwiderstehlich buttrig. Das gefällt auch Selena Gomez: Die Sängerin und Schauspielerin unterlegte im Januar einen ihrer Instagram-Posts mit einem Song von Sienna Rose. Der Post ging viral, und der Spott im Netz war groß – merkte Gomez denn nicht, dass sie einer möglichen Mogelpackung aufgesessen war, sogenanntem Internet-Müll? Schnell löschte Gomez die Peinlichkeit.
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Allerdings lag kein Beweis vor. Und in TikTok-Videos widersprach Sienna Rose immer wieder den Vorwürfen, sie sei gar nicht aus Fleisch und Blut: „Zu den Gerüchten sage ich immer dasselbe: Ich fühle mich ziemlich real.“ Zweifler sagten, dass auch diese Kurzfilme bloß ein Deep Fake seien. Die Jagd auf Sienna Rose im Internet nahm nach solchen Dementi immer nur weiter an Fahrt auf. Aus gutem Grund.
Ist sie eine KI – oder warum gibt Sienna Rose kein Interview?
Seit die Spotify-Karriere von Sienna Rose im Herbst 2025 explodierte, haben Netz-Detektive Dutzende Indizien gesammelt, die auf ein KI-Geschöpf hinweisen. Wie schaffte es eine Newcomerin, so fragten sie, in derart kurzer Zeit so viele Songs zu veröffentlichen? Warum kannte sie vorher niemand? Wieso trat sie niemals auf? Weshalb war sie auf sozialen Medien quasi nicht existent, während Hunderttausende ihre Songs streamten? Und dann waren diese kleinen Schönheitsfehler, wie sie in künstlich generierten Videos auftreten: Wie konnte es sein, dass auf ihren Filmchen sich Türrahmen und Ringe an ihren Fingern plötzlich in Luft auflösten? Und wenn sie menschlich war – weshalb meldete Sienna Rose sich nicht einfach und gab ein Interview?
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Einen weiteren Höhepunkt erreichte die Suche nach Sienna Rose vor wenigen Wochen, als der populäre YouTuber Rick Beato, ein Musikproduzent alter Schule, Rose seinen 5,5 Millionen Followern vorstellte. Titel seines Postings: „Ich bin krank von diesem KI-Scheiß“. Darin breitete er nicht nur genüsslich alle Verdachtsmomente aus, die auf ein digitales Retortenwesen hinwiesen, sondern er fragte auch ganz offen: Wieso lädt Spotify solchen Internet-Müll überhaupt hoch – und empfiehlt ihn dann per Algorithmus? Beatos Antwort: Gier.
Es gilt Millionen Dollar einzusammeln. Die großen Streamingdienste wie Spotify, Amazon Music oder Deezer generieren jedes Jahr Milliarden an Einnahmen – und KI-Musik ist eine bequeme und schnelle Möglichkeit, sich ein großes Stück vom Kuchen zu sichern. Deezer ist der einzige Anbieter, der sich bisher von Computer-Content distanziert hat, die Plattform gibt an, bei ihr würden rund 60.000 komplett KI-generierte Stücke hochgeladen – Tag für Tag. Dank einer Anti-KI-KI würde man diesen Retorten-Ramsch allerdings erkennen und entfernen. Rechnet man die Zahl jedoch hoch auf die anderen Plattformen, gelangen jeden Monat Millionen neue schnell gemachte Wegwerf-Songs auf die Server von Spotify & Co.
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Und von dort rauschen sie in die Ohren der Abonnenten: Laut einer Deezer-Studie erkennen 97 Prozent der Zuhörer überhaupt nicht, dass sie Musik ohne Menschen hören. Oft sind es aber auch schon gar nicht mehr Menschen, die das anklicken. Laut einer weiteren Deezer-Studie stammen 85 Prozent der Aufrufe von künstlichen Künstlern selbst von Bots – so wird eine Streaming-Lawine ausgelöst, die den Produzenten noch mehr Geld in die Taschen schiebt. Die UNESCO schätzt in einem neuen Bericht über KI und Kreativarbeit, dass menschliche Musikerinnen und Musiker bis zum Jahr 2028 etwa 24 Prozent des Marktes an Fake-Artist verlieren werden.
Verstecken sich hinter Sienna Rose zwei Männer?
Doch auf welcher Seite steht nun Sienna Rose? Das „Trasherchiert“-Team des Bayerischen Rundfunks verfolgte Spuren bis ins russische Internet und behauptet nun zu wissen, wer wahrscheinlich hinter dem Fake steckt. Doch zunächst mussten die Journalisten feststellen: Es gab eine weitere Sienna Rose. Hinter dem Namen verbarg sich diesmal ein rothaariges US-Country-Girl, in Image und Musik der frühen Taylor Swift nicht ganz unähnlich. Sienna Version 1 brachte aber kaum Streams und ihr Account wurde nicht mehr bespielt. Dann forschte das Recherche-Team nach dem Label und dem Produzenten von Sienna Version 2: Nostalgic Records und Maksim Muravjov. Und es wurde fündig.
Das verdächtige Ergebns: Die Plattenfirma von Sienna Rose ist spezialisiert auf KI-Acts. Und Maksim Muravjov ist nicht nur Produzent, sondern auch verbändelt mit dem KI-Spezialisten Hafsteinn Runarsson. Der hat bereits diverse Pop-Avatare erfunden und gab sogar Online-Kurse, wie sich mit dem Einsatz von KI am schnellsten Geld verdienen lässt. Zudem scheinen beide Männer in Norwegens Hauptstadt Oslo zu leben – und was für ein Zufall: In Norwegen lebt auch Sienna Rose, jedenfalls laut ihrem Instagram-Profil.
Dies ist selbstverständlich noch nicht der Beweis, dass sich hinter Sienna Rose tatsächlich Maksim Muravjov und Hafsteinn Runarsson verstecken. Aber als man die beiden mit den Recherche-Ergebnissen konfrontierte, verschwand gleich darauf die rothaarige Ursprungs-Version von Sienna Rose aus den sozialen Medien. Sienna mit dem Afro findet man aber nach wie vor, natürlich auch auf Spotify. Und dort dürfte ihr noch ein langes Leben beschert sein: Laut Schätzung der BBC verdient sie für ihre Schöpfer mehr als 2000 Euro die Woche, im Jahr ist das eine Million. Nicht schlecht für jemanden, den es gar nicht gibt.
Source: stern.de