„KI ist ein guter Lerncoach. Aber ein Lehrer ist viel mehr“

Wenn Lehrkräfte Abende, Wochenenden oder Ferientage mit der Korrektur fehlersatter Klassenarbeiten verbringen – dann sehnen sie sich nach irgendwem, der ihnen das abnimmt. Wenn Schüler sich ungerecht benotet fühlen, dann wünschen sie sich einen Korrektor, der über jeden Verdacht erhaben ist, sie insgeheim nicht zu mögen. Und wenn es Schulministern nicht gelingt, ausreichend Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen, während den Lehrkräften immer mehr Aufgaben aufgebürdet werden, dann freuen sie sich über alles, was Lehrer entlastet.

Wo rangiert natürliche noch vor künstlicher Intelligenz?

Ihnen allen verheißt Künstliche Intelligenz (KI) Abhilfe. Auch deshalb hat sie in den Lehrerkollegien ihren Siegeszug angetreten – unterstützt von Lehrern, Elternverbänden, Politik. Nur: Bis zu welchem Punkt soll der Unterricht in die Hände der Maschinen gelegt werden? Wo liegt die Grenze? Darum ringen Regierung, Opposition und Fachleute in allen 16 Bundesländern.

Aktuell beantwortete nun das einwohnerstärkste Land NRW diese Frage. Vorläufig einigte sich dort eine breite Mehrheit darauf, zumindest eine Aufgabe allein der natürlichen Intelligenz anzuvertrauen: die Benotung von Klassenarbeiten und Klausuren. Doch ist es dafür nicht zu spät? So fragte einzig die FDP-Fraktion. Sie widersprach der „Fiktion“, es könne noch darüber entschieden werden, ob Lehrkräfte sich beim Korrigieren verstärkt auf KI einlassen oder nicht. Viele hätten ihre Entscheidung längst getroffen – für die KI als Korrektor.

Ist das menschliche Feedback unersetzbar?

Die FDP hatte auch den Anlass für die Debatte geboten mit ihrem Antrag, „KI-Korrekturen an weiterführenden Schulen zum Regelfall“ zu machen. KI soll demnach fortan „die Auswertung von Klassenarbeiten und Klausuren übernehmen“. Zu dem Zweck müsse das Land den Schulen eine rechtssichere Korrektur-KI zur Verfügung stellen, also die KI-Benotung systematisch organisieren und überhaupt erst aus dem Dunstkreis des Rechtswidrigen herausholen.

Dieser Vorstoß löste, trotz aller KI-Freundlichkeit, nun doch ein kollektives Erschrecken aus bei CDU, Grünen und SPD ebenso wie bei vielen Lehrerverbänden. In der Frage, wer korrigieren soll, sehen sie sozusagen das Allerheiligste des Lehrerberufs berührt: die pädagogische Kraft, die von einer menschlichen Reaktion, einem menschlichen Feedback auf die Leistungen junger Menschen ausgeht. So beschworen sie feierlich die Lehrer-Schüler-Beziehung als Fundament aller Pädagogik. Und mühten sich zu begründen, warum die natürliche der künstlichen Intelligenz im Lehrberuf überlegen sei.

Einfühlungsvermögen – der ganze Stolz der Lehrerschaft

Gegenüber WELT erklärte etwa Sabine Mistler, die NRW-Vorsitzende des Philologenverbands: „Eines besitzt KI sicher nicht: pädagogisches Einfühlungsvermögen. Das ist aber nötig, um den Entwicklungs- und Lernprozess und die Leistung eines Schülers angemessen zu würdigen. Mancher Schüler neigt zum Beispiel zu einem umständlicheren Schreibstil. Trotzdem kann er einen Gedanken genauso begriffen haben wie seine Mitschülerin, die glasklar formuliert. Das erfasst ein Mensch mit etwas Empathie, eine KI aber nicht.“ Genauso wenig sei KI imstande, kreative, unkonventionelle Lösungsansätze angemessen zu beurteilen. KI sei „oft ein guter Lerncoach – aber ein Lehrer aus Fleisch und Blut ist viel mehr“, so Mistler.

Dem stimmt man im Haus von NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) zu. „Lehrkräfte berücksichtigen auch Lösungswege, sprachliche Darstellung, Kreativität und individuelle Lernentwicklung“, teilte das Ministerium dieser Zeitung mit. „Diese Gesamtbewertung kann eine KI derzeit noch nicht zuverlässig leisten.“ Wohlgemerkt: „noch nicht“. Außerdem gibt es noch ein zusätzliches Hindernis: Selbst auf hochwertige KI ist nicht blind Verlass. So warnt Anne Deimel, Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), die Ergebnisqualität der KI könne „je nach verwendetem KI-Modell deutlich variieren“. Tatsächlich bleiben bislang auch hochwertige Versionen pädagogischer KI-Anwendungen fehleranfällig, wie Forschungen belegen.

KI kann bereits korrigieren – und sie korrigiert auch längst

Doch die Auflistung noch so vieler Gegenargumente verwische eine entscheidende Tatsache, so kritisierte FDP-Schulexpertin Franziska Müller-Rech. Längst werde KI ja von den meisten Lehrkräften in vielen Bereichen ihrer Arbeit eingesetzt – auch bei der Korrektur von Klassenarbeiten. Das bestätigen auf Anfrage dieser Zeitung mehrere Lehrerverbände.

So nutzen laut Sabine Mistler vom Philologenverband „viele Kollegen per KI angefertigtes Übungsmaterial, etwa um in sprachlichen Fächern Grammatik, Formulierungskunst oder Vokabeln zu trainieren“. Für die entsprechenden Bezahl-Apps sorgt entweder die Kommune oder die Lehrkraft auf eigene Faust. Kostenpflichtige Angebote wie unter anderem die KI-gesteuerte Suchmaschine Perplexity sind jedenfalls längst vorhanden.

Aber auch bei der Korrektur schriftlicher Arbeiten übernimmt KI oft schon einen Teil der Arbeit. Denn manche Teildisziplinen des Korrigierens beherrscht sie bereits. So kann sie Rechtschreib- oder Grammatikfehler schnell erkennen. Auch anspruchsvolleren Korrektur-Herausforderungen wird sie laut Philologenverband gerecht – sofern sie angemessen instruiert wird. Ein Beispiel: „Die Lehrkraft kann der KI vorgeben, welche Charaktereigenschaften der Hauptfigur in einer Deutsch-Lektüre herausgestellt werden sollen. Ob diese Eigenschaften von Schülern in einer Klausur korrekt angeführt werden, kann die KI anschließend schon recht zuverlässig überprüfen“, sagt Mistler.

Was bleibt: die finale „pädagogische Gesamtbewertung“

Und auch das Schulministerium bestätigt auf Anfrage dieser Zeitung, KI werde bereits jetzt mancherorts „unterstützend“ bei Klassenarbeits-Korrekturen verwendet. Das Feller-Haus räumt ganz offen ein, dass es den „Einsatz von KI im Unterricht und in der Leistungsbewertung weiter“ vorantreiben möchte, unter anderem durch eine „KI-Skilling-Initiative für Lehrkräfte oder mit dem Forschungsprojekt KIMADU“ (das den KI-Einsatz in Mathe und Deutsch erforscht). Die Grenze für den KI-Einsatz verläuft also längst nicht mehr diesseits der Korrekturarbeit, sondern geht mitten durch diese hindurch. Was alle Beteiligten (inklusive der Freidemokraten) bislang ablehnen, ist laut Ministerium nur die finale „pädagogische Gesamtbewertung und Notenvergabe“ durch Künstliche Intelligenz. Die müsse Lehrern überlassen bleiben.

Korrektur, Feedback, Note – in 30 Sekunden

Aber selbst diese Grenze wird in der Praxis schon eingerissen. So bestätigen Vertreter von Lehrergewerkschaften gegenüber dieser Zeitung, auch sie wüssten von Lehrkräften, die die gesamte Korrektur einer Arbeit inklusive Notenvorschlag der KI übertragen. Entsprechende Angebote sind ja auch leicht erhältlich. Kostenpflichtige KI-Systeme wie „Fobizz“ oder „Examino“ beispielsweise analysieren schriftliche Prüfungen nach vorgegebenen Kriterien, schlagen eine Note vor und schreiben ein detailliertes Feedback – binnen 30 Sekunden pro Arbeit. Zwar hat niemand gezählt, wie viele Kommunen ihren Schulen diese KI-Werkzeuge bereits finanzieren. Laut Verbänden sind es aber viele. 

Schon damit bewegen sich Lehrkräfte auf eine rechtliche Grauzone zu. Immerhin hat ein KI-Gesetz der Europäischen Union von 2024 klargestellt, dass die automatisierte Bewertung von Klassenarbeiten und Klausuren zu den „hochrisikorelevanten“ KI‑Systemen zählt. In diesen Fällen darf nichts ohne menschliche Aufsicht geschehen. Offiziell beteuern ja auch ausnahmslos alle Parteien und Verbände, an der menschlichen Letztkontrolle eisern festzuhalten.

Das lautlose Verschwinden des Menschen?

Die Lehrerverbände warnen jedoch vor einer drohenden „Versuchung“, sobald KI-Korrekturen erst der Normalfall wären: Manch gestresste Lehrkraft unter Zeitdruck werde es dann womöglich nicht mehr so genau nehmen mit der Überprüfung der KI-Noten. Das Verschwinden des menschlichen Korrektors vollzöge sich dann also in aller Stille. Aber diese Gefahr, so hält die FDP dagegen, lauere ja auch jetzt schon. 

Eins aber bezweifelt niemand: Es wird bald zum Alltag der Lehrkräfte gehören, mit dieser Versuchung zurechtzukommen. Dafür ist der Wunsch der Pädagogen nach Entlastung zu groß und das KI-Angebot zu attraktiv. So kann KI schriftliche Leistungen in mancher Hinsicht schon jetzt nicht nur viel schneller, sondern auch genauer bewerten als ein Mensch. Und damit antwortet KI auf eine stark ausgeprägte Hoffnung: Laut Umfragen des Schulministeriums setzen die Lehrkräfte im Land darauf, dass KI ihnen künftig noch viel mehr Arbeit abnehmen wird.

Source: welt.de

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