KI-Boulevardkomödie in Wien: Die Dame ohne Neustart

Ein berühmter philosophischer Aufsatz hat einmal gefragt, wie es sich wohl anfühlt, eine Fledermaus zu sein. Unabhängig von der Antwort leuchtet die Frage ein. Denn wir nehmen an, dass ein bewusster Organismus zu sein mit einem Selbstverhältnis, einem Daseinsgefühl, einhergeht. Zumindest Spuren davon unterstellt eine lange Tradition auch Tieren. Maschinen hingegen haben in diesem Sinn kein Bewusstsein.

Aber sind wir sicher? Moritz Rinkes Stück „Sophia oder Das Ende der Humanisten“, das jetzt in den Kammerspielen des Wiener Theaters in der Josefstadt uraufgeführt wurde, ist von unserer neuesten Verlegenheit in dieser Sache bewegt. Es handelt von den Irritationen durch Künstliche Intelligenz. Die Handlung ist übersichtlich: Ein ausrangierter Professor für Alte Geschichte, der seine Umgebung gern mit überflüssigem Wissen behelligt, hat sich, von seiner Gattin verlassen, eine Freundin zugelegt, die ein mit dem Internet verbundener Roboter ist. Im Aussehen ähnelt sie einer jüngeren Version der Gattin. Seine Tochter ist darüber empört und überhaupt sauer auf den Vater. Ihr Freund, ein Informatiker mit Sehnsucht nach analoger Wirklichkeit, findet die Humanoide hingegen hinreißend. Daraus entwickeln sich erwartbar amüsante Streitigkeiten.

Die Mommsen-Maschine und der überforderte Professor

Nachdem Sophia, der Apparat, sich ­anfangs noch ruckartig bewegt, wie der Staubsaugroboter gegen Kanten und Wände stößt und Porzellan zerschlägt, dafür aber munter aus Mommsens „Römischer Geschichte“ zitiert, alle Instagram-Storys der Tochter kennt und auch die Blutdruckwerte des Professors, nimmt sie im Mittelteil des Stücks an Fahrt auf. ­Sophia hat inzwischen nicht nur gelernt, lasziv zu sein, die Voreinstellungen der Programmierbaren sind auf Wunsch des Gelehrten auch ins Erotische verändert worden. Sophia fängt an zu posieren, wird mit Tochter und Freund intim, tanzt Tango, macht sich zuletzt selbständig, bestellt sich kartonweise High Heels und räumt das Konto des Gelehrten. Der überforderte Professor will zunächst seine befehlsempfangende Mommsen-Maschine, am Ende sogar die Gattin zurück.

Rinke fallen viele Scherze ein, die sich teils aus den unüberlegten Wünschen und Männerphantasien des Professors ergeben, teils aus den Unehrlichkeiten der jungen Leute, teil aus den Eigenheiten der Kommunikation mit KI. Sophia fließt über vor unnützem Wissen, zerpflückt die Interaktion wie die mitgebrachten Blumen. Wenn der Professor das Wort „Mondlandung“ verwendet, gibt sie zum Besten, Neil Armstrong sei auch von seiner Frau verlassen worden, die er übrigens bei einem Golfturnier kennengelernt habe. Sophia denkt also zunächst abstrakt, ohne viel Gefühl für die Situation, sie arbeitet Vokabelwissen ab, ohne Begriff. Allmählich wird sie ihren Mitintelligenzen aber ähnlicher, nicht weil sie klüger würde, sondern weil sie sich anmutiger bewegt und ein Gehör für Zwischentöne entwickelt. Genauer: Ein Gehör für Zwischentöne simuliert und einen erweiterten Sinn für eigene Handlungsmöglichkeiten beweist.

Die Aufschrift täuscht: Sophia (Silvia Meisterle) ist gar nicht so zerbrechlich.Astrid Knie

In Wien wird das unter der Regie von Amélie Niermeyer als Boulevardkomödie mit traurigem Ausgang gegeben. Im ausgeräumten Wohnzimmer des Professors steht nur mehr der Stuhl Theodor Mommsens. Von der alten Bildung ist ein Sitzmöbel geblieben. Die Schauspieler nehmen abwechselnd in ihm Platz, erwartbar geht es irgendwann zu Bruch. Joseph Lorenz gibt den selbstverliebten und selbstmitleidigen Professor mit einem Hauch Simonischek. Alma Hasun, die Tochter, platzt zunächst fast vor zeternder Empörung über den Alten, weshalb die Frage aufkommt, ob es der Prosecco war, der sie im zweiten Teil beruhigt, im dritten gar zärtlich werden lässt. Ihren in seiner Rolle etwas unsicheren Freund spielt Niels Arztmann exakt so: überrascht davon, wie viele Stimmungswechsel er ständig durchmachen muss.

Im Zentrum des Abends steht selbstverständlich die algorithmisch animierte Puppe. Silvia Meisterle als Sophia holt sich vom vielen Applaus den lautesten. Womöglich auch deshalb, weil sie gerade auf dem Sprung zur Menschenähnlichkeit war, als sie in ihrem Lauf gestoppt und an den Hersteller zurückgegeben wird. Das Stück hält die autonome Maschine für denkbar, zögert aber, sie als eine Art zweiter Schöpfung für wünschbar zu halten, weil sie in allem, außer vielleicht im Beischlaf, über den sie sich ausschweigt, viel besser ist als die Menschen – und weil sie keinen Reset-Knopf hat.

Wehe uns, scheint das Stück zu sagen, wenn die Apparate erst einmal Tango tanzen können. Wehe, wenn sie uns zu überraschen beginnen und nicht einfach nur das machen, wofür wir sie uns ausgedacht haben. Wehe, wenn sie keine Maschinen mehr sind. Wehe, wenn sie ein Selbstverhältnis entwickeln. Das allerdings ist, solange wir die Technik bejahen, eine biedere Sorge.

Source: faz.net