Im Friseursalon herrscht Hochbetrieb: es wird gestylt und getratscht, posiert und gelacht, und in den großen herzförmigen Spiegeln begutachten die Kundinnen ihre Big-Hair-Projekte und kunstvoll geflochtenen Zopf-Konstruktionen. Für Kerry James Marshall ist der Salon weit mehr als ein Ort für Dienstleistungen. Er sieht darin eine „School of Beauty“, die für den Zusammenhalt und die Identität der afroamerikanischen Gemeinschaft essenziell ist.
In seinen farbenprächtigen und figurativen Gemälden nutzt Marshall die westliche Kunstgeschichte als Steinbruch, um heutige schwarze Identität und Lebensrealität darzustellen. Marshall gebraucht das veraltete Genre der Historienmalerei zur Selbstwertsteigerung der Black Community, und dieses Genre ist durchaus anspruchsvoll. Es besteht das Risiko der Leere, bei der sich die Figuren in den Weiten des Raumes verlieren, so geschehen bei Marshalls gigantischer „Club Scene“. Oder es wächst die Versuchung, die Fläche durch Figuren und Bildelemente zu überfüllen, sodass ermüdende Wimmelbilder entstehen, wie bei seiner Parklandschaft „Past Times“.
Anleihen bei der Renaissance
In der Wahl seiner bildnerischen Mittel bezieht sich Marshall maßgeblich auf die Porträtkunst des Spätmittelalters und der Frührenaissance. Den amerikanischen Beitrag zur Malereigeschichte erblickt er in der Abstraktion, die ebenfalls stark in seinem Bildkosmos präsent ist. Historische Grafiken, Architekturdarstellungen, Interieurs, Voodoo-Zeichen und Schriftzüge werden in die Bilder hineinkopiert, eingestempelt, aufgedruckt. Obwohl er die DDR nie besucht hatte, erinnern Marshalls Arbeiten gelegentlich sowohl an Werner Tübkes Renaissance-Reminiszenzen wie auch an Neo Rauchs Bildkosmos. Die verblichenen, vergilbten Farben, von denen eine diffuse, zeitlose Retro-Wirkung ausgeht, die historisch kostümierten Figuren, die „fehlerhaften“ Übermalungen und durchscheinenden Untermalungen, die den Effekt verblassender Inschriften und abblätternder Farbschichten erzeugen: All das ruft bei Rauch wie bei Marshall die Assoziation von Geschichtlichkeit und Vergänglichkeit auf den Plan.
So wirken Marshalls Bilder oftmals zeitgenössisch und zeitlos, postmodern und diffus historisch zugleich. Der in vielen Bildern erzeugte Effekt schrundiger Wandfarbe ist letztlich auch als Referenz an den historischen Muralismo zu verstehen, ebenso seine Methode, die riesigen Leinwände vom Keilrahmen abzulösen und wie Segeltücher mithilfe von Ösen an die Wand zu hängen. Auffällig ist die fast stereotype und extreme Schwärze des Inkarnats seiner Figuren, besonders im Frühwerk. Marshall umgeht damit das Problem des „Colourism“, einer unterschwelligen Hierarchisierung diverser Hauttöne innerhalb der afroamerikanischen Bevölkerung. Seine Figuren hingegen werden damit auf eine rhetorische und emblematische Dimension reduziert und bilden so eine einzige politische Kategorie: „Black“.
Unterdrückte schwarze Schönheitsideale
Wichtige Werkgruppen Marshalls sind in Zürich zu sehen, wie etwa die „Souvenir“-Serie, die Mittelklasse-Interieurs mit Trauerbildern von ermordeten und verstorbenen Bürgerrechtlern zeigt, Szenen des Lebens in städtischen Sozialbauten wie „Many Mansions“ oder Darstellungen des transatlantischen Sklavenhandels einschließlich der Rolle, die afrikanische Akteure dabei spielten. Ein Schlüsselwerk stellt die eingangs erwähnte monumentale Friseursalonsszene „School of Beauty/School of Culture“ dar.
In der Bildmitte, zwischen spielenden Kindern, erscheint eine Parodie jenes prismatisch verzerrten Vanitassymbols aus Hans Holbeins berühmtem Gemälde „Die Gesandten“. Doch statt eines Totenschädels wird Marshalls Schönheitssalon vom Bild eines weißen, blonden Mädchens – Walt Disneys „Sleeping Beauty“ aus dem Film von 1959 – heimgesucht. Die Blondine als Todesengel – ein etwas fieser Vergleich, womit Marshall offenbar die langjährige Unterdrückung schwarzer Schönheitsideale durch den amerikanischen Mainstream anprangern will.
Als Gegenbild zum ätherischen Blondinen-Ideal dürfte Marshall seinen kraftstrotzenden Frauenakt „Black Star II“ konzipiert haben: Ein grimmig vor den Farben der panafrikanischen Flagge posierendes Big-Booty-Modell, an dem auch ein Robert Crumb seine helle Freude gehabt hätte. In jedem Fall versteht Marshall Schönheit, Frisierkunst und Styling als umkämpfte politische Diskursfelder und sieht Clubs oder Barber Shops als Orte politischer Bildung, wenn nicht gar als Schule der Nation.
Marshalls Kunstkonzept entspricht dem „Nation Building“. Er wendet das Prinzip einer neukonstruierten Geschichte, mit der sich junge Nationalstaaten legitimierten, auf eine fiktive Nation schwarzer US-Bürger an. Deren Zusammenhalt und kollektive Identität soll durch eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Schönheitsideale gestärkt werden. Das ist es, was sie in der „School of Beauty“ lernen, und Marshalls „Histories“ sind ihre gemalten Lektionen. So wie sich einst die sozialistisch-sozialdemokratische Arbeiterbewegung das Wissen und bürgerliche Kulturerbe aneignete, um mächtiger zu werden, erschließt sich Marshall heute die europäische Kunstgeschichte.
Sein Ziel ist, der schwarzen Community dieses Wissen zugänglich zu machen, und kreist darüber hinaus um die Idee, schwarze Meister und Meisterinnen in der Kunstgeschichte sichtbar zu machen, wobei die Grenze zum Wunschdenken schnell überschritten ist. So erfindet Marshall dort, wo keine schwarzen Top-Künstler nachweisbar sind, fiktive „Untitled Painters“ oder bringt sich selbst für diese Position ins Spiel: Seiner großen US-Retrospektive im Jahr 2016 gab er den vollmundigen Titel „Mastry“.
Mit Naomi Beckwith ist eine Spezialistin für afroamerikanische Kunst zur Leiterin der Documenta 16 berufen worden. Aufgewachsen in Chicago, wo auch Marshall zu Hause ist, beschreibt sie die Begegnung mit dessen Gemälde „Souvenir I“ als künstlerisches Erweckungserlebnis. Zum ersten Mal habe ein Kunstwerk sie wirklich persönlich berührt: „Like a world that I was from.“ Es würde nicht überraschen, im nächsten Jahr Werke von Marshall, der bereits zweimal an der Documenta teilnahm, erneut in Kassel sehen zu können, auch wenn der Künstler im Gespräch abwiegelt, er sei schon oft genug in Kassel dabei gewesen. Wenn das mal keine falsche Bescheidenheit war.
Kerry James Marshall – The Histories. Kunsthaus, Zürich; bis 16. August. Der Katalog kostet 52 Franken.
Source: faz.net