Für Luca De Meo hätte der Einstand besser kaum ausfallen können. Nachdem der Italiener Mitte September die Geschäftsführung des französischen Luxusgüterherstellers Kering übernommen hat, scheint es mit dem Unternehmen wieder aufwärtszugehen. Im dritten Quartal sank der preis- und portfoliobereinigte Umsatz zwar abermals um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Für das italienische Modehaus Gucci vermeldete Kering am Mittwochabend sogar einen Rückgang um 14 Prozent. Gucci ist Kerings Lokomotive und steht für rund die Hälfte des Konzernumsatzes und zwei Drittel des Ergebnisses.
Doch Analysten hatten mit noch größeren Einbußen gerechnet. Infolgedessen setzte sich das Kursfeuerwerk, das De Meos Mitte Juni erfolgte Berufung ausgelöst hatte, fort. Gleich zum Handelsbeginn am Donnerstag schoss der Aktienkurs um mehr als neun Prozent nach oben. Seit Mitte Juni hat sich der Kurs damit inzwischen verdoppelt. Alle Geschäftsbereiche verzeichneten eine Verbesserung im Vergleich zum Vorquartal, wie die Analysten der Royal Bank of Canada unterstrichen. „Wir halten dies für einen ermutigenden ersten Schritt in Richtung einer Stabilisierung der Umsätze, insbesondere für die Marke Gucci“, schrieben sie.
Wie auf seinem letzten Posten als Renault-Geschäftsführer, wo er die Modellpalette komplett erneuerte, verstärkt auf Klasse statt Masse setzte und neue Partnerschaften schmiedete, stellt De Meo auch die Aktivitäten von Kering grundlegend auf den Prüfstand. Im ersten Halbjahr 2026 will er eine neue Strategie vorstellen. Die Zahl der Geschäfte könnte deutlich reduziert werden.
„Pragmatisch“ in Bezug auf andere potentielle Veräußerungen
Erste Veränderungen hat es schon gegeben. So gibt es mit Francesca Bellettini seit Mitte September eine neue Gucci-Chefin. Kering und der französische Kosmetikkonzern L’Oréal gaben vor wenigen Tagen eine strategische Partnerschaft bekannt. Teil dessen ist der Verkauf der Kosmetiksparte für rund vier Milliarden Euro. L’Oréal übernimmt dabei den Parfümhersteller Creed , den Kering vor zwei Jahren gekauft hatte, sowie die Kosmetik- und Parfümlizenzen der Marken Bottega Veneta und Balenciaga und künftig auch Gucci.
Die ersten Gespräche zwischen den beiden Konzernen zu diesem Thema fanden dem Vernehmen nach zwar schon vor einem Jahr statt, also lange bevor De Meo das Ruder übernommen hatte. Doch die Partnerschaft mit L’Oréal passt nur zu gut in die Neuausrichtung des Konzerns, der in den vergangenen Jahren kräftig Federn hat lassen müssen.
Als Hauptgründe gelten besonders starke Absatzprobleme von Gucci in China und ein allgemeiner Ansehensverlust der italienischen Traditionsmarke, die sich auch in weniger reputablen Milieus wie der Hip-Hop-Szene großer Beliebtheit erfreut. Die Nettoverschuldung von Kering betrug Ende Juni knapp 9,5 Milliarden Euro. Der Börsenwert ist trotz des jüngsten Anstiegs auf rund 43 Milliarden Euro immer noch meilenweit entfernt von den mehr als 300 Milliarden Euro des Erzrivalen LVMH .
In der britischen Zeitung „Financial Times“ deutete De Meo an, dass der Verkauf der Kosmetiksparte an L‘Oréal nur der Anfang sein dürfte. So bleibe er „pragmatisch“ in Bezug auf andere potentielle Veräußerungen von Vermögenswerten, darunter auch ein möglicher Verkauf der erfolgreichen Brillensparte. „Ich möchte keine Türen schließen”, sagte De Meo. Seine oberste Priorität sei es, Kering wieder auf seine Modemarken auszurichten, insbesondere Gucci.
Breite Unzufriedenheit in der Belegschaft
Das markiert eine Kehrtwende gegenüber der Strategie von De Meos Vorgänger François-Henri Pinault, dessen Familie Kering kontrolliert und der als Verwaltungsratsvorsitzender immer noch Einfluss nimmt. Pinault wollte die Aktivitäten von Gucci in den vergangenen Jahren diversifizieren. Die Kosmetikaktivitäten sollten die Abhängigkeit vom schwankenden Luxusmodegeschäft verringern. „Ohne dies kommt es nun stärker darauf an, die Wende bei Gucci und Yves Saint Laurent wirklich zu schaffen“, meint Deutsche-Bank-Analyst Adam Cochrane.
Eine offene Flanke von De Meos neuem Kurs ist jedoch Italien. Rund 13.700 Kering-Beschäftigte arbeiteten hier im vergangenen Jahr, fast dreimal so viele wie in Frankreich. Gut 80 Prozent der Zulieferer kommen auch aus Italien. Anfang dieser Woche traten viele Hundert Kering-Mitarbeiter für vier Stunden in Streik, von Gucci über Bottega Veneta bis Yves Saint Laurent und Balenciaga. Protestkundgebungen in Mailand und in Scandicci nahe dem Gucci-Traditionssitz Florenz kamen hinzu. Seit einem Vierteljahrhundert hat man so etwas nicht gesehen.
Unter den Streikenden und Demonstranten befanden sich nicht nur Arbeiter, sondern auch viele Angestellte, für die solche Proteste ein Novum waren. Das zeigt die breite Unzufriedenheit in der Belegschaft. In den Belegschaftsversammlungen hätten rund 90 Prozent der Anwesenden für die Arbeitsaussetzung gestimmt, hieß es. Der Unmut geht darauf zurück, dass sich die Mitarbeiter von der Konzernleitung übergangen fühlen. Schon vor rund einem Jahr habe die Kering-Führung begonnen, „sehr autoritär und einseitig vorzugehen“, sagte Massimo Bollini, Sekretär der Gewerkschaft Filctem Cgil aus Florenz, der italienischen Zeitung „Il Fatto Quotidiano“.
Aus der Zeitung erfahren
Ein wichtiger Streitpunkt ist die Heimarbeit. Im vergangenen November teilte Bellettini, damals noch Kering-Vizevorstandsvorsitzende, der Belegschaft per E-Mail mit, dass sie nur noch einen Tag in der Woche im Homeoffice verbringen dürften. Das brachte viele Mitarbeiter in Rage, weil nach ihren Angaben Vereinbarungen mit den Gewerkschaften mehrere Homeoffice-Tage je Woche vorsehen.
Kering rühmte sich früher seines einvernehmlichen Verhältnisses zu seinen Beschäftigten, doch damit ist es aus deren Sicht vorbei. Neue Arbeitsverträge mit sozial „rückschrittlichen“ Inhalten seien durchgedrückt worden; im Einzelhandel hatten die Mitarbeiter die Streichung eines Sozialbonus zu akzeptieren. Auch vom Verkauf der Kosmetiksparte an L’Oréal, der etliche Mitarbeiter in Italien betrifft, erfuhr die Belegschaft aus der Zeitung. „Vor wenigen Monaten war es der Konzern noch gewohnt, Entscheidungen vorab mit den Vertretern zu besprechen“, sagt Gewerkschafter Bollini.
Kering Italia versucht die Spannungen in ein milderes Licht zu rücken. Die Reduzierung des Homeoffice sei schon im November 2024 kommuniziert worden – im Einklang mit der globalen Strategie, „Kohäsion, Zusammenarbeit und berufliche Entwicklung zu fördern“ und sich „am Vorgehen vieler Unternehmen der Branche“ zu orientieren, heißt es in einer Stellungnahme. Das Unternehmen erinnert auch daran, dass die vorherige Vereinbarung zweimal bis Ende September 2025 verlängert worden war.