In Islamabad haben die Verhandlungen um ein Ende des Iran-Krieges begonnen. Die Forderungen der USA und des Iran liegen weit auseinander. Aber die Strategie des Regimes in Teheran zeichnet sich bereits ab.
Zahlen sind manchmal auch eine Machtdemonstration. Ganze 71 Mitglieder umfasst die iranische Delegation, die in der Nacht auf Samstag auf dem Internationalen Flughafen von Islamabad gelandet ist. Angeführt von Parlamentssprecher Mohammed Bagher Ghalibaf, schien die Abordnung aus Teheran, die das Flugzeug verließ, kein Ende zu nehmen. Neben Außenminister Abbas Araghchi ist auch der Leiter des Nationalen Sicherheitsrates und der Chef der iranischen Zentralbank dabei. Die Liste ist lang.
Noch etwas hatte die Verhandlungsmannschaft mitgebracht: Die klare Botschaft, dass der Iran sich auf der diplomatischen Bühne von Beginn an als Opfer in Szene setzt. Im Flugzeug hatte man Bilder von Mädchen auf die Sitze gelegt, die bei einem Luftangriff auf eine Schule im Süden des Landes zu Beginn des Krieges ums Leben gekommen sein sollen.
„Wir sind guten Willens“, sagt Ghalibaf noch auf dem Rollfeld, „aber wir misstrauen den USA. Sie haben Kriegsverbrechen begangen“.
Auch die amerikanische Delegation ist in Islamabad eingetroffen. Neben Vize-Präsident J.D. Vance führen der Sondergesandte Steve Witkoff und Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, die Gespräche. Vance hatte vor der Abreise die Iraner aufgefordert, auf „Spiele“ zu verzichten.
Die Anspannung in der pakistanischen Hauptstadt ist an jeder Ecke spürbar. Rund um den Verhandlungsort, das Serena-Hotel im Zentrum der Stadt, ist eine „Red Zone“ eingerichtet worden. Alle hundert Meter haben Soldaten Stellung bezogen, Straßenblockaden wurden errichtet; 10.000 Sicherheitskräfte sollen es insgesamt sein, die den Gipfel sichern.
Das Hotel war kurzfristig für die Delegationen geräumt worden. „Wir mussten binnen einer Stunde unsere Zimmer verlassen“, berichtet eine Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft WELT. Mit vielen anderen Mitarbeitern aus Deutschland war sie dort während eines mehrmonatigen Einsatzes untergebracht – jetzt mussten alle ihre Sachen packen und umziehen. Die angekündigte Waffenruhe ist auf 14 Tage angelegt, wie lange die Verhandlungen laufen werden, ist nicht abzusehen.
Noch vor Beginn hat der Iran von den USA gefordert, eingefrorene Vermögen des Regimes in Höhe von vielen Milliarden Dollar freizugeben und als Grundbedingung gestellt, dass der Waffenstillstand auch für den Libanon gelten müsse. Seit die Hisbollah vor einigen Wochen mit Angriffen auf Israel erneut in den Krieg eingetreten war, setzt Israel auf die Zerstörung der weitverzweigten Infrastruktur der vom Iran finanzierten und gesteuerten Miliz.
Teheran warnte bereits vor einer „zerstörerischen Antwort“, wenn innerhalb von zwei Wochen keine Vereinbarung unterzeichnet werde. Auch US-Präsident Donald Trump macht Druck: Nach diesem Wochenende werde man entscheiden, ob weiter verhandelt – oder gebombt wird. Als unmittelbares Ziel fordern die USA eine Öffnung der Straße von Hormus, um die Weltwirtschaft zu entlasten, doch bisher hat Teheran nur vereinzelt Schiffe durch die Meerenge passieren lassen.
Die größere Frage ist aber: Ist der Iran bereit, auf die Anreicherung von waffenfähigem Uran zu verzichten? Das ist die Kernforderung Washingtons und neben einem Stopp des Raketenprogramms des Iran auch der Ausgangspunkt des Waffenganges. Das ist auch die Position von Israel, das in Islamabad nicht am Verhandlungstisch sitzt und von Pakistan offiziell nicht anerkannt wird, aber über das Gelingen eines Abkommens mitentscheiden wird. Premierminister Benjamin Netanjahu wird kaum zum Status Quo von vor dem Krieg zurückkehren wollen – mit einer Regierung in Teheran, die weiter Raketen auf Nachbarländer feuert, Terror in der Region finanziert und eben möglicherweise an einer Atombombe baut.
Aber auch dem Gastgeber selbst kommt eine wichtige Rolle zu. Pakistan hat gleich mehrere Gründe, warum es als Vermittler die Gespräche zu einem positiven Ende bringen will. Mit dem Iran teilt man eine 900 Kilometer lange Grenze, die Konflikte mit Indien und Afghanistan lasten schwer auf dem Land, einen weiteren Nachbarn als Unruheherd kann man nicht brauchen.
Die Führung in Islamabad hatte sich zuletzt um eine gute Beziehung zu den USA bemüht, bietet Verträge zur Erschließung von Rohstoffen und zur Kooperation in der Sicherheitspolitik. Pakistans oberster Armeeführer Asim Munir hat zudem gute Kontakte zu den iranischen Revolutionsgarden und genießt das Vertrauen von US-Präsident Trump, der den mächtigen Mann in Islamabad als seinen „Lieblings-Feldmarschall“ bezeichnete.
So nimmt Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif nun eine weltweit beachtete Rolle ein. „Premierminister Sharif wünscht sich vor allem eines: Stabilität.“, sagt der politische Analyst und Direktor der Nachrichtenagentur Worldecho, Khurram Shahzad, im Gespräch mit WELT. „Außerdem ist es Pakistan gelungen, gute Beziehungen zu US-Präsident Trump aufzubauen. Das soll ausgebaut werden, nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich“.
Wie schwer die Gespräche in der pakistanischen Hauptstadt werden dürften, zeigt sich bereits daran, dass die Verhandlungspartner nicht an einem Tisch sitzen werden. Die pakistanischen Vertreter werden zwischen zwei verschiedenen Räumlichkeiten im Serena Hotel pendeln, Botschaften überbringen – und auch versuchen, eigene Kompromissvorschläge einzubringen. „Die Iraner“, sagt Khurram Shazad, „sehen sich vielleicht als Opfer, aber nicht als Besiegte. Sie wollen Islamabad als Gewinner verlassen.“ Das wollen auch die USA.
Source: welt.de