Katharina Dröge: „Wir brauchen eine Allianz der Gegenmacht“

Katharina Dröge, 41, ist studierte Volkswirtin und sitzt seit 2013 für die Grünen als Abgeordnete im Bundestag. 2021 wurde sie gemeinsam mit Britta Haßelmann zur Fraktionschefin gewählt.

DIE ZEIT: Sie vermissen also Annalena Baerbock, Frau Dröge.

Katharina Dröge: Ja, sie ist eine gute Freundin und eine sehr kluge Frau.

ZEIT: Sie haben zu Beginn des Jahres auf Instagram ein gemeinsames Foto veröffentlicht und dazu geschrieben: „Ich hab Dich wirklich sehr vermisst!“

Dröge: Mir fehlen einfach unsere Gespräche, jetzt wo Annalena für ein Jahr in New York ist.

ZEIT: War Amerika für Sie auch stets ein Sehnsuchtsland?

Dröge: New York ist für mich eine Sehnsuchtsstadt. Sie saugt einen auf und verschluckt einen. In ihren Widersprüchen ebenso wie in ihrer Vielfalt. Das Freiheitsversprechen, für das New York steht, ist großartig. Ich habe das Bild mit Annalena aber auch aus einem anderen Grund gepostet. Die Kritik an ihren Instagram-Videos fand ich überzogen. Ich wollte zeigen, dass ich an ihrer Seite stehe. 

ZEIT: Auch in dem Sinne, dass da eine Rückkehr in die aktive deutsche Politik bevorsteht?

Dröge: Nein, das wäre eine Überinterpretation eines einfachen Fotos. Aber eine Außenministerin Baerbock würde Deutschland jetzt guttun. Sie hätte mit viel größerer Klarheit agiert. Nehmen Sie nur Venezuela: Ich kenne keinen Völkerrechtsexperten, der nicht sagt, dass der amerikanische Angriff ein Bruch des Völkerrechts war. Friedrich Merz dagegen weicht der Frage aus und sagt, sie wäre komplex. Das ist ein Riesenfehler. Es zerbricht gerade die internationale Ordnung – und Merz setzt auf das Prinzip Hoffnung. Aber es wird nicht schon irgendwie wieder gut.

ZEIT: Ist er zu sehr Transatlantiker geblieben, erliegt er einer Art Westalgie?

Dröge: Ich wünsche mir auch, es gäbe weiterhin stabile Verhältnisse mit den USA. Aber die zweite Amtszeit von Donald Trump gleicht nicht der ersten. Er agiert mit größerer Entschlossenheit. Die Welt ist eine viel chaotischere, unübersichtlichere und gefährlichere. Dafür braucht es neue Antworten. Eine wäre, dass die Europäische Union endlich auf eigenen Füßen steht. Und da ist es vollkommen kontraproduktiv, wenn man sich, wie Merz, hinstellt und sagt: Wenn Ihr Amerikaner mit Europa nichts anfangen könnt, dann nehmt doch Deutschland!

ZEIT: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Dröge: Wir brauchen eine Allianz der Gegenmacht, die funktioniert wie eine Art Wirtschafts-Nato. Die Europäische Union muss eine machtpolitische Antwort darauf geben, dass Trump und andere sich von einer regelbasierten Ordnung verabschieden. Und eine gemeinsame Allianz der Länder auf der Welt, die Regeln statt Unterdrückung wollen, wäre diese Antwort. China betreibt schon lange Machtpolitik. Russland hat uns mit dem Angriff auf die Ukraine gezeigt, wie es die Welt neu sortieren möchte. Und der amerikanische Präsident sagt: Für mich gibt es keine Regeln mehr. Die EU aber schaut diesem Treiben zu – und Merz auch.

ZEIT: Sind die USA für Sie noch ein Verbündeter?

Dröge: Überall da, wo wir können, sollten wir versuchen, sie zu halten. In der Nato, mit Blick auf die Ukraine und auch im Klimaschutz. Aber wir müssen deutlich stärker unseren eigenen Weg gehen. Die EU ist in Sicherheitsfragen und ihrer digitalen Infrastruktur extrem abhängig von den USA. Das gilt auch für die fossilen Energien. Wegen der Zusage von Ursula von der Leyen im Streit um die Zölle kaufen wir in den USA zusätzlich LNG-Gas und Öl im Wert von 750 Milliarden Dollar. Das ist wirtschaftspolitisch gefährlich und macht uns erpressbar. Solche Abhängigkeiten müssen wir so schnell es geht reduzieren. Der Zollstreit war ohnehin ein Schlüsselmoment: Wenn wir Europäer irgendwo stark sind, dann in der Wirtschaft. Dennoch hat die EU einen schlechten Deal akzeptiert. Das war eine Demütigung. Die EU hätte mit Trump so sprechen müssen, wie er mit uns spricht: Die Zölle, die ihr uns abverlangt, verlangen wir auch von euch. Wir brauchen Stärke, kein Einknicken. 

ZEIT: Die EU tritt selten geschlossen auf. Nationale Interessen überwiegen oft die europäischen. Wie wollen Sie das ändern?

Dröge: Ich sage etwas, was wir Grünen lange Zeit so nicht formuliert haben: Wir brauchen in der Außenpolitik aktuell mehr Pragmatismus. Wir müssen uns mit den Partnern zusammenschließen, die etwas erreichen wollen. In Sicherheitsfragen wären das die nordischen und baltischen Staaten. Sie schauen realistisch auf Russland und sind im Bereich der Digitalisierung und Desinformationsbekämpfung viel weiter als wir. Überall da, wo man vorangehen kann, mit denen, die das wollen, sollte man es tun.

ZEIT: Ist das eine Abkehr von einer wertegeleiteten Außenpolitik à la Baerbock und ein Plädoyer für eine stärker interessengeleitete? Vermissen Sie sie doch nicht so sehr?

Dröge: Das ist kein Widerspruch. Unsere Werte sind unsere Interessen. Wir haben ein originäres Eigeninteresse an Demokratie – aber auch an Sicherheit. Eine solche Allianz der Gegenmacht bestünde aus der Zusage, sich gegenseitig zu unterstützen, wenn ein Land unter Druck gerät.

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