Katastrophe in Novi Sad vor einem Jahr: Nichts regte sich mehr unter den Trümmern

Der Einsturz eines Bahnhofsvordachs am 1. November 2024 mit etlichen Toten löste in Serbien Unruhen aus. Seither driftet das Land zusehends in eine Staatskrise. Präsident Aleksandar Vučić schließt einen Rücktritt und Kompromisse aus


Protest gegen die Misswirtschaft der Regierung in Serbien nach dem Bahnhofseinsturz in Novi Sad (Archivbild)

Foto: Andrej Isakovic/AFP/Getty Images


Der Student Nikola Maletić hörte zunächst ein Krachen und sah dann eine Wolke. Der damals 19-Jährige hatte am 1. November vor einem Jahr einen Nebeneingang des Bahnhofs von Novi Sad passiert und wollte den 12-Uhr-Zug nach erwischen.

Es war ein sonniger Tag, erinnert sich der Student, als um 11.52 Uhr das Vordach über einem Dutzend Menschen nachgab und in die Tiefe stürzte. Wer dort gestanden hatte, war im nächsten Augenblick unter Schutt und Staub verschwunden. Maletić wollte mit bloßen Händen nach Verschütteten graben, hatte aber keine Ahnung, wo er anfangen sollte. „Ich hörte keine Schreie oder irgendein Lebenszeichen“, erinnert er sich. Nichts regte sich unter den Trümmern.

Bis heute ist am Bahnhofsgebäude unter einem geriffelten Dach und einer Glasfassade die Kante zu erkennen, an der das Vordach vor knapp einem Jahr in gerader Linie abbrach. 16 Menschen wollten gerade den Bahnhof betreten oder verlassen. Sie hatten keine Chance, getroffen von Brocken aus Stahlbeton.

Nikola Maletić erzählt, dass er vor dem Unglück mehrmals pro Woche vom Bahnhof Novi Sad den Zug nach Belgrad nahm. Er habe aus Gewohnheit den Bahnhof durch einen Zugang an der Seite betreten, da der Haupteingang während der Renovierung bis Mitte 2024 geschlossen blieb. „Hätte ich es an diesem Tag anders gemacht, wäre ich jetzt tot.“

Im April musste Serbiens Premier Miloš Vučević zurücktreten

In der Hauptstadt wird erzählt, wie alltäglich es war, mit dem Zug zwischen Belgrad und Novi Sad hin und her zu pendeln. Niemand habe sich vorstellen können, dass am Bahnhof eine tödliche Gefahr über den Köpfen schwebte. Novi Sad ist mit 300.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Serbiens und Hauptstadt der autonomen Region Vojvodina. In der an der Donau gelegenen Großstadt gibt es eine der größten Universitäten des Landes. Der Schnellzug „Soko“ verbindet Novi Sad und Belgrad seit 2022 bei einer Fahrzeit von 36 Minuten.

Dabei galt der Bahnhof von Novi Sad als Nadelöhr für das von Präsident Aleksandar Vučić verkündete „neue und schnelle Serbien“. Unternehmen aus China sollten dieser Vision Geltung verschaffen, als sie 2021 den Auftrag erhielten, dem 1964 eröffneten Bahnhof von Novi Sad eine zeitgemäße Form zu geben. Wenige Wochen nach der Wiedereröffnung Mitte 2024 kam es mit dem Einsturz zur Katastrophe, die bis heute Millionen Serben tief in den Knochen steckt.

Die Angst geht um, dass auch bei weiteren Bauprojekten der öffentlichen Hand Präzision und Sorgfalt fehlten, auch wenn die Ursachen der Tragödie von Novi Sad nicht abschließend geklärt sind. Das Vordach war nicht Teil der Renovierung des Bahnhofs. Experten vermuten, diese habe jedoch die Statik des Gebäudes verändert. Auswirkungen auf die Stabilität des Vordachs wurden nicht geprüft, wobei die chinesischen Firmen erklären, niemand habe sie damit beauftragt. Einige Beamte wurden Ende 2024 wegen Fahrlässigkeit angeklagt. Serbiens Ministerpräsident Miloš Vučević trat im April zurück.

Aber dem Protest auf der Straße genügt das nicht. Er will den Rücktritt von Präsident Aleksandar Vučić, der an der Spitze eines Systems stehe, in dem Günstlinge auf Kosten der Sicherheit für die Bürger viel Geld verdienen. Die Demonstranten beharren seit Monaten auf Neuwahlen. Vučić verweigert sie. Die Regierung und ihre Gegner haben sich ineinander verhakt, nichts und niemand bewegt sich in der tiefsten Krise des Landes, seit es in den 1990er Jahren zu den postjugoslawischen Balkankriegen kam. Wird es Serbien früher oder später zerreißen?

Es könnte sein, dass der Widerstand einen viel längeren Atem braucht

Nikola Maletić erzählt vom Rausch seiner Generation in einem wahnsinnigen Jahr. Zunächst gingen Studenten in Novi Sad auf die Straße. Nach Zusammenstößen mit Regierungsanhängern und der Polizei solidarisierten sich Hochschüler in Belgrad. Über 100.000 demonstrierten dort im Dezember 2024. Mehr als 300.000 waren es am 15. März. Studenten besetzten Fakultäten und verwandelten Lehrsäle in Spielwiesen direkter Demokratie. Abstimmungen über Märsche oder Blockaden erfolgten per Hand. Volksversammlungen“ öffneten sich für jeden, der Gedanken zur Zukunft Serbiens äußern wollte. Bei den Plenen galt die Parole, keine Macht den Parteien. Linksautonome Systemsprenger, pro-europäische Liberale, Nationalisten, die das nach dem Krieg 1999 verlorene Kosovo heim nach Serbien holen wollten – sie alle hakten sich unter und waren willkommen.

Aber die Studenten erlebten auch Straßenkämpfe und Gewalt, wie es sie in Serbien zuletzt in den 1990er Jahren unter dem autokratisch regierenden Slobodan Milošević gegeben hat. Einige Studenten reichten Klage ein gegen die Spezialeinheit JZO. Von Folter in einer Garage unter dem serbischen Regierungssitz ist die Rede. Die Studenten verloren außerdem mit jedem Tag der Hochschulblockaden ohne Lehrbetrieb ein Stück ihrer Zukunft.

Viele lernten in den eigenen vier Wänden für die Abschlussprüfungen. Andere sahen darin Verrat. Maletić erzählt, er habe lange mit sich gerungen, ob er an seine eigene Zukunft denken dürfe. Er will jetzt ein Teil der Examen ablegen. Es könne sein, dass der Widerstand gegen Aleksandar Vučić ein viel längeren Atem brauche. „Wir werden sehen, was bei der Jahrestags-Demo am 1. November in Novi Sad passiert“, sagt Maletić.

Gerüchte schwirren kurz vor dem 1. November durch die barocken Straßen der Universitätsstadt. Sie schwanken zwischen Verheißung und der Furcht vor dem Weltuntergang. Es werde zum D-Day kommen, den größten Demonstration seit Beginn der Proteste, sagen die einen. Die anderen fürchten Gewalt und Blutvergießen.

Nikola Maletić sagt, egal, wie gefährlich es wird, er werde am 1. November in Novi Sad demonstrieren. Er lächelt dabei, wie es nur ein junger Mensch kann, der so viel Leben noch vor sich hat. Sollten die Proteste Vučić nicht stürzen, würde er auswandern wie viele Serben vor ihm.

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