Karl Kraus 1918 – welcher Krieg kennt nur eine Richtung: hinab

Wer in ihn eintritt, lasse alle Hoffnung fahren! Der Krieg kennt nur eine Richtung: hinab. Was er übrig lässt: Wracks. Folglich zeigt Karl Kraus’ Weltkriegsdrama Die letzten Tage der Menschheit, jene Teuflische Komödie, die das Ende schon zum Titel hat, am Schluss das Inferno. Vor Anbruch des Tags, welcher der letzte sein wird, kriechen zwei, längst zur Hölle abkommandiert, aber weiter kriegsdienstverwendungstauglich, übers Schlachtfeld. Sie heißen „eine weibliche und eine männliche Gasmaske“:

„Das Leben verbracht / zwischen Leichen und Larven – / mir tönt diese Nacht / wie Hörner und Harfen.“ Im Hintergrund fliehen Generäle. Sie kennen die Lage. Sie haben sie angerichtet. Es tagt. Ein Auto kommt. Zwei Journalisten, „Breeches, Feldstecher, Kodak“, steigen aus. Der eine: „Ich finde es gut, / hier stehen zu bleiben. / Ich habe den Mut, / diese Schlacht zu beschreiben.“ Da ist der andere bereits an einen sterbenden Soldaten herangetreten: „Sie! Machen’s zum End’ / ein verklärtes Gesicht! / Ich brauch den Moment / wo das Aug’ Ihnen bricht.“ Ein Totenkopfhusar und sein Gefolge marschieren durch Giftgas und Aasgestank: „Schnedderereng, schnedderedeng! / Die Luft hier ist mein Leibparfeng.“

Längst greift der Text über den Ersten Weltkrieg hinaus. Was stattfindet, ist die Vernichtung der Schöpfung. Am Ende – im grellweißen Blitz? – ruft eine Stimme von oben: „Das habe ich nicht gewollt.“

Nein. Gottgewollt sind Kriege nie. Sondern menschengemacht. Annähernd 800 Seiten zuvor hatte Karl Kraus im Sommer 1914 an genau bezeichneter Stelle des Wiener Rings einen Zeitungsboy in den Abendspaziergängerreigen hineinrufen lassen: „Extraausgabee –! Ermordung des Thronfolgers! Da Täta vahaftet! Ein Serbeee!“

An jenem 28. Juni 1914 fiel das Geschenk vom Himmel, das ersehnt worden war von Kräften Europas, die sich zu kurz gekommen glaubten, ebenso wie von Menschen, die von der fixen Idee ergriffen waren, eine Auferstehung zum Guten folge, wenn nur das alte Schlechte erst einmal in einem Weltbrand zuschanden ging: der Anlass zum Krieg.

Wir befinden uns noch im 19. Jahrhundert und Karl Kraus, Jahrgang 1874, ist gerade 25, da entscheidet der junge Mann, die Leitmedien seiner K.-u.-k.-Monarchie, Tageszeitungen und Journale, sind Dreck. Er weiß es, denn er ist als Autor für sie tätig. Er wirft alle Redaktionstüren hinter sich zu und macht ab 1899 sein eigenes Blatt, Die Fackel. „Ich habe es bisher nicht über den Ruhm hinausgebracht, in engeren Kreisen missliebig geworden zu sein.“ Das gelingt nun. Kraus verkündet: „Was hier geplant wird, ist nichts als eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes.“

Phrasensumpf? Ein Kind (ich notiere selbst Erlebtes) wird ermuntert: Sing doch mal ein Lied. Es beginnt: „Haribo macht Kinder froh …“ Kein anderes? Es weiß keins. Im Supermarkt ein Paar um die 30 sieht, was es im Einkaufswagen hat: „Da sind wir gut aufgestellt, Schatz, oder?“ Mein Nachbar, der Anfang 20 ist und Student, sagt, als wir auf künftige Rüstungsausgaben zu sprechen kommen: „Na ja! Deutschland muss endlich erwachsen werden.“

Der in seiner heiligen bürgerlichen Freiheit – die Sache mit dem Hindukusch, Sie wissen – lebende Staatsbürger entwirft sich nicht selbst, er ist Produkt. Er denkt nicht, er wird gedacht. Er spricht nicht, er wird gesprochen. Vom Marketing, seinem Business, in dem er tätig ist, der Rüstungsindustrie. Aber es gelingt ihm doch nie ganz, mit dem Fremdkörper identisch zu werden, in welchem er sein Leben verbringt. Die Sprache, das dumme Ding, verrät ihn.

Richtige Begriffe beschreiben Zusammenhänge richtig, falsche Begriffe falsch. Darum wirft lange 37 Jahre lang – und ab der zweiten Dekade als nur mehr alleiniger Autor seines Blatts – der Intellektuelle Karl Kraus denen, die vernebeln, was erhellt gehört, die hohles Pathos, feiste Durchhalte-Lügen, nationale Parolen oder frauenfeindliche Hetze fabrizieren, aber auch jenen, die dies alles selbstentmündigt nachplappern, ihren eigenen Kot vor die Füße.

Er will eine „vom Schlagwörterwahn besessene und im Leitartikelglauben erzogene Gegenwart“ emanzipieren. Er tut es, indem er zitiert („die grellsten Erfindungen sind Zitate“), Bilder veröffentlicht, die sich selbst entlarven. Indem er die „bürgerliche Wirklichkeit“ immer wieder in die „Schlinge ihrer Redensarten treten“ lässt. Und selbst natürlich schreibt und schreibt. Sein Fackel-Wort ist Geistesblitz und Donnerschlag. Ihn tragen missionarischer Eifer, Menschenliebe, Chuzpe und begnadetes Künstlertum.

Ein Beispiel? 1924 blickt er zehn Jahre zurück auf den Kriegsbeginn und versichert: „Von dem Tage an, da ich in Südtirol aus Lastautomobilen die Begeisterung des Schlachtviehs für seine Metzger gehört hatte, kühl bis ans Herz hinan gegen die Sache, der sie galt und die eine schlechte war, wäre sie selbst eine gerechte gewesen, heiß im Erbarmen mit einer Menschheit, die ihrer Entehrung zujauchzt, ihrer Verarmung, ihrer Hinrichtung, ihrer Verstümmelung, das Verstummen dieses Jubels beim ersten Schritt in die Wahrheit der Glorie vorweghörend – von da an bin ich dem Gefühl, das mich mit diesem Vaterland verband: dem Abscheu, in Wort und Schrift nichts schuldig geblieben. Keinen Satz gab es, in dem sich die Sehnsucht verleugnet hätte, das auszudrücken, was ich an Ekel und Verachtung für diese Schufte in mir hatte, denen der Mechanismus der Gewalt erlaubte, die Willkür ihrer Feigheit, Bosheit und Gemütlichkeit gegen das wehrlose Leben auszurasen.“ Diese Sprachhöhe. Und dann: auszurasen. Niemals gehörtes Wort – und das Gemeinte erscheint geradezu physisch sichtbar.

Marstheater

Auch darum hat der Wütende der Fackel, der manisch Zeugnis auf Zeugnis sammelt, das die Presse als vom Teufel, d. h. dem Kapital besessen zeigt, mit dem heute „Lügenpresse“ schreienden Wutbürger nichts gemein. Im Gegenteil. Wie viel mehr hätte Kraus in der Gegenwart zu zeigen, von welchem Thinktank, welchen Redenschreibern vorgekaut ist, was der „besorgte Bürger“ an Ekelhaftem ausspeit.

Ein solcher Ehrenmann ist eben, 1914, auf eine Bank am Wiener Ring gesprungen. Und nun ruft es („fanatisch“ werden die Nazis den Gestus später nennen) aus ihm heraus: „Wie ein Mann wollen wir uns mit fliehenden Fahnen an das Vaterland anschließen in dera großen Zeit! Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden! … Es ist ein heilinger Verteilungskrieg, was mir führn! … Die Sach, für die wir ausgezogen wurden, ist eine gerechte, da gibts keine Würschteln, und darum rufe ich auch: Serbien – muss sterbien!“ Einer aus der Menge: „Und a jeder Russ’!“ Ein Anderer (brüllend): „– ein Genuss!“

Im Dezember 1918 bringt Kraus in seiner Fackel den Epilog der Letzten Tage. Im April 1919 Vorspiel und ersten Akt. Über den Sommer 1919 in einzelnen Sonderheften den zweiten, dritten, vierten und fünften Akt. So ist das Mammutwerk beisammen und in der Welt. 80 Prozent darin sind Zitate. 1922 erscheint der Gesamttext als Buch. Eine vollständige Aufführung des Dramas, die „nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen würde, ist einem Marstheater zugedacht“. Es gibt aber Lesungen, vielfach von Kraus selbst, Teil-Inszenierungen. Die Wirkung des Texts bei seinem Erscheinen und über die Jahrzehnte ist enorm. – Wie geht es der Welt indessen?

Am 17. Oktober 2024 wird bekannt, dass die israelische Armee am Vortag den Führer der Hamas, Yahya Sinwar, getötet hat. Die ARD bringt die Meldung auch in den „Tagesthemen“. Unter Archivbildern, die den noch Lebenden zeigen, sagt ein Sprecher summierend: „Sinwar – einer der Drahtzieher des Hamas-Überfalls vom 7. Oktober. Sein Tod – ein weiterer Erfolg für Israel nach dem Attentat auf seinen Vorgänger Haniyya bei einem Besuch in Teheran. Die Hamas ohne Führung. Ein wichtiges Kriegsziel – erreicht.“ Die Sprecherhaltung ist unbefangen positiv, als handle es sich um Ernteerfolge beim Weizen. Der als Feind Definierte ist vollständig entmenscht, bloß Zielscheibe, gerade noch nicht des Spotts. Aber sie wurde getroffen. Vernichtet. Bingo.

Am 30. Juli 2025 wagt es die ARD, den Dokumentarfilm The Bibi Files, der einen mutmaßlich korrupten Benjamin Netanjahu zeigt, um 23 Uhr zu senden, was wenige Wochen zuvor als antisemitisches Tun verunglimpft und intern gestoppt worden wäre. Aber der Wind weht anders, das Fähnchen hat sich bewegt, stillheimlich. „Und gehen zwar die Masken durch den Aschermittwoch, so wollen sie doch nicht aneinander erinnert sein.“ Nur ein Hinweis, dass man internationale Partner zur Seite habe – die jetzt was genau tun? –, wird dem Film vorausgeschickt. Zur eigenen Sicherheit. „Nichts war ihm unerträglicher“, schrieb Bertolt Brecht in einem Nachruf über Karl Kraus, „als die Verflechtung von Meinung und persönlichem Vorteil, nichts schaler als eine ‚Pressefreiheit‘ für Meinungen, die keiner Freiheit bedürfen.“

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