„Die Wahrheiten nachbilden, mag gut sein“, sagte Giuseppe Verdi, „aber die Wahrheit erfinden, ist besser, viel besser.“ Dass Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, vormals die Dioskuren der klassischen Musik, zu einem Treffen in Wien zusammengekommen sind, ist verbürgt. Das, was sich dabei begab, hat der amerikanische Theaterautor Peter Danish dreißig Jahre später dank der höheren Macht des Zufalls herausgefunden. In der „Blauen Bar“ des Wiener Hotels Sacher wurde er, in einem Buch mit Briefen Bernsteins blätternd, von einem Kellner angesprochen, der ebendort vor dreißig Jahren dem einen der Musikgiganten Tee und dem anderen Whiskey serviert hatte.
Seine Erinnerungen inspirierten Danish zu einem dialogischen Duell, gefügt aus vielen Urteilen und Vorurteilen, die aus Archiven wohlbekannt sind. Das Stück aus dem Genre des well-made play wurde im März des vergangenen Jahres Off Broadway uraufgeführt. An den Hamburger Kammerspielen ist es jetzt, inszeniert von Gil Mehmert, in deutscher Fassung zu sehen – mit der Originalbesetzung: Lucca Züchner als Herbert, Helen Schneider als Lenny und Victor Petersen als Ober der Bar.
Sinn und Wesen der Musik
Durch die geschlechterindifferente Besetzung bekommen die beiden Figuren eine Physiognomie, die überzeugender ist als jenes Pseudogesicht, das Bernstein für Bradley Coopers Biopic „Maestro“ angeschminkt wurde. Die 90 Minuten, in denen die Freund-Feinde miteinander kabbeln und gegeneinander ketzern, vergehen in einer halben Stunde. Es ist, wie das ständige Ostinato-Lachen der Zuschauer zeigt, ein Vergnügen für Genießer boulevardesker Anzüglichkeiten: Etwa wenn Lenny eingesteht, dass er nach einer Prostata-OP „fast jede halbe Stunde zum Klo rennen muss“, und von Herbert den Rat erhält, kürzere Werke als die von Bruckner zu dirigieren – einen Katheter könne er ja deshalb nicht tragen, weil er beim Dirigieren zu viel herumhüpft; oder wenn Herbert sich bedankt, von Lenny erst nach zwanzig Minuten auf seine zwei Eintritte in die NSDAP angesprochen zu werden – dies ein Dauervorwurf, den Michael Wolffsohn soeben in seiner Karajan-Studie unter dem Titel „Genie und Gewissen“ entkräftet hat.
Die versprochene „tiefgründige“ Diskussion zweier „Giganten“ über Sinn und Wesen der Musik findet in „Letzte Runde“ nicht statt. Wenn die beiden sich über die wahre Form und richtige Weise des Musikmachens verständigen wollen, geschieht dies in zeitgeistig gefälliger Form des Spöttelns oder des Witzelns aus dem Brunnen der Vorurteile – ob es nun um den Irrsinn geht, dass der eine die erste Sinfonie von Brahms 162 Mal dirigiert hat und der andere sich der Trivialität ausgeliefert habe; ob eine Partitur sakrosankt sei oder ihre Darstellung Freiheiten oder Freizügigkeiten erlaube. Klar, dass auch Fragen nach Eitelkeit und Sucht nach Ruhm gestellt werden, auch die nach sexuellen Präferenzen.
„Ganz unrecht hat ein Publikum ja nie“
Dafür, dass Versöhnung mitten im Streit möglich ist, sorgt Maria Callas: Sie hat Lenny zu seinem Debüt an der Mailänder Scala verholfen, Herbert hat sie dort als Regisseur in „Lucia di Lammermoor“ auf die Bühne gebracht. Während dieser seligen Erinnerungen stimmt Michael, der Ober, das „Il dole suono“ an, den Beginn der berühmten Wahnsinnsszene. Dann steigt er auf einen Stuhl, zieht ein schwazes Kleid von einem Bügel, setzt sein Countertenor-Solo fort und erntet jauchzenden Jubel. Wenn nach dem Beweis gesucht wird, dass auf dem Theater nichts weniger der Rechtfertigung bedarf als Unterhaltung, so wurde er mit diesem flotten Dramolett erbracht. Über den enthusiastischen Beifall mag man mit Hugo von Hofmannsthal sagen: „Ich meine, ganz unrecht hat ein Publikum ja nie.“
Allerdings, eine kleine Coda aus persönlicher Erinnerung sei erlaubt. Richtig, dass es 1988 zum Treffen der beiden in Wien gekommen ist. Es wurde arrangiert von Karajan. Ein Thema des Gesprächs war der Ärger Bernsteins darüber, dass Karajan sich für seine Aufnahme der Neunten Sinfonie von Gustav Mahler des Materials bediente, das Bernstein nach zwei Konzerten der Berliner Philharmoniker am 4. und 5. Oktober 1979 hinterlassen hatte. Kurz darauf schwärmte Bernstein in einem Interview von dem Enthusiasmus, den er, anders als Karajan, im Orchester entfacht hatte.
Ulrich Eckhardt, damals Direktor der Berliner Festwochen, erinnerte sich der hingebungsvollen Partnerschaft. Dass ein Mitschnitt des Konzerts – gedacht als Geschenk für Amnesty International – nicht veröffentlicht wurde, brachte Bernstein zu wütenden Vorwürfen über „Herbie Baby“. Wenig später teilte Peter Girth, der Intendant der Berliner Philharmoniker, mit, dass Bernstein in Berlin nicht wieder dirigieren werde, solange Karajan lebt.
Source: faz.net