Karajan in welcher NS-Zeit: „War Herbert von Karajan im gleichen Sinne ein Gesinnungsnazi?“

Der Historiker Michael Wolffsohn, 1947 in Israel geboren, ab 1954 in Deutschland aufgewachsen, wurde von der Karajan-Stiftung gebeten, die Verstrickung des Dirigenten Herbert von Karajan in das nationalsozialistische Regime unabhängig zu untersuchen. Seine Ergebnisse legt er in dem Buch „Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“ vor, das am 16. Februar im Herder Verlag erscheinen wird. Wir befragten ihn vorab dazu in München.

Über den Dirigenten Herbert von Karajan liest man, er sei gleich zweimal, vielleicht sogar dreimal in die NSDAP eingetreten. Stimmt das?

Er ist nur einmal in die NSDAP eingetreten. Und zwar im Frühjahr 1935. Der Parteieintritt war zwingende Voraussetzung für den Posten des Generalmusikdirektors am Aachener Stadttheater. In der Literatur schwirren aber noch zwei weitere Daten herum: der 8. April 1933 und der 1. Mai 1933. Tatsächlich hatte Karajan am 8. April 1933 von seiner Geburtsstadt Salzburg aus einen Antrag auf Parteimitgliedschaft gestellt – unmittelbar nach Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums. Dieser Antrag war unwirksam. Karajan hat bis 1935 keine Mitgliedsbeiträge bezahlt.

Der in München lehrende Historiker Michael WolffsohnPicture Alliance

Und wie ist das dritte Datum – 1. Mai 1933 – zu erklären?

Dieses Eintrittsdatum ist 1935 auf seiner Mitgliedskarte vermerkt worden – allerdings mit der Berufsbezeichnung „Generalmusikdirektor“. Das war Karajan aber 1933 noch gar nicht. Auch daraus kann man schließen, dass Karajans Parteieintritt 1935 einfach rückdatiert worden ist, weil eigentlich nach dem 1. Mai 1933 ein Aufnahmeverbot für die NSDAP gegolten hatte, das graduell erst 1937 und 1939 gelockert wurde.

Also ist der Eindruck eines mehrfachen Parteieintritts Karajans auf ein Verwaltungschaos in der NSDAP zurückzuführen?

Ja, dieses Chaos setzte sich bis Anfang der Vierzigerjahre fort. Es wurden immer wieder Erkundigungen eingeholt, wann Herbert von Karajan eigentlich in die NSDAP eingetreten sei.

Aber wenn er schon im April 1933 einen Aufnahmeantrag gestellt hatte, war Karajan doch ein Nazi der frühen Stunde?

Ein Formalnazi ja. Aber entscheidend ist die Frage: War Karajan auch ein Gesinnungsnazi? Die Deutschen strömten ab März 1933 aus Opportunismus in die NSDAP. Karajan war Österreicher und hätte das nicht tun müssen. Aber er war seit 1929 berufstätig in Deutschland – und zwar als Kapellmeister in Ulm. Diese Stelle war gefährdet. Er suchte sich durch die Parteimitgliedschaft abzusichern. An seiner Parteimitgliedschaft ab 1935 besteht kein Zweifel.

War er auch Antisemit?

Es gibt einige antisemitische Äußerungen des jungen Karajan. Aber da zeigt sich ein Feld-Wald-und-Wiesen-Antisemitismus, den wir Juden als „den guten alten Risches“ bezeichnen, den „guten alten Antisemitismus“ der Zeit vor den Nationalsozialisten. Der war zwar diskriminatorisch, aber nicht liquidatorisch. Abgesehen von diesen frühen Äußerungen des Studenten Karajan gibt es keinerlei Zeugnisse von Antisemitismus. Es gab vor allem nach 1945 viele Juden, die zu seinen engsten Freunden und musikalischen Partnern gehörten.

Vor allem der Geiger Michel Schwalbé, Erster Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern.

Er stammte aus Polen, verlor im Holocaust seine gesamte Familie und kam, wie er selbst bekundete und ich auch belege, als Zeichen der Aussöhnung aus Genf zu Karajan und den Berliner Philharmonikern, nachdem er sich eine Bedenkzeit von sechs Monaten erbeten hatte. Auf seinem Grabstein steht: „Ein Leben für Musik und Aussöhnung – In Memoriam – Seine im Holocaust verlorene Familie“. Er hatte für Karajan auf eine Solokarriere verzichtet.

Schwalbés Zeugnis über Karajan dient Ihnen methodisch ebenso wie ein eindrucksvolles Gespräch zwischen dem jüdischen Pianisten Alexis Weissenberg und Elie Wiesel als Entlastung Karajans vom Verdacht, Gesinnungsnazi gewesen zu sein?

Genau. Aber noch viele andere. Dazu noch das Zeugnis von Hellmut Stern, mit dem ich persönlich befreundet war, ebenfalls ein Verfolgter des Naziregimes und später dann Mitglied der Berliner Philharmoniker. Er beschrieb, wie begeistert Karajan 1967 vom militärischen Erfolg Israels im Sechstagekrieg gewesen war, worauf Stern alles daransetzte, Karajans Wunsch nach einem Gastspiel in Tel Aviv zu erfüllen, wozu es dann aber nicht kam. Später war Stern ein erbitterter Gegner Karajans. Doch dass Karajan Nazi gewesen wäre, hat Stern selbst in der Kampfzeit der Achtzigerjahre oder nach Karajans Tod nie behauptet. Gleiches gilt für Karajans nicht jüdischen Wiener Rivalen als Operndirektor, Egon Hilbert. Der war von 1938 bis 1945 im KZ Dachau. Nie hat Hilbert Karajan als Nazi bezeichnet oder bekämpft.

Der „Musikgott“ bei der Arbeit: Herbert von Karajan bei einem Rundfunkkonzert 1938 in Berlinbpk-Fotoarchiv / Hanns Hubmann

Aber der Karajan nach 1945 verhielt sich gewiss anders als der Karajan vor 1945.

Mein methodisches Hilfsmittel sind die privatesten Briefwechsel, die es überhaupt gibt, nämlich mit seiner ersten Frau Elmy und seiner zweiten Frau Anita, geborene Gütermann, im NS-Jargon eine geborene „Vierteljüdin“. In diesen Briefen findet sich von einer NS-Gesinnung oder von Antisemitismus keine Spur. In einem Brief an Elmy schreibt er, dass er nach einem seiner Konzerte bei einem Empfang mit „dem Führer“ dabei sein müsse, sich aber danach sofort ins Auto schwingen und zu ihr fahren würde.

Keine Zeichen der Euphorie für Hitler?

Null! Er hakt das ab als Pflicht und will zu seinem Elmylein. Karajan war ein unpolitischer Mensch und lebte in seinem Musikkosmos. Womit wir bei der Frage wären: Autonomie der Kunst – ja oder nein? Daher mein Buchtitel „Genie und Gewissen“.

Karajan ließ sich nach wenigen Jahren von Elmy scheiden und heiratete 1942 Anita Gütermann, die Tochter eines Freiburger Nähseidenfabrikanten. Der österreichische Historiker Oliver Rathkolb behauptete 2019 in einem Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“, diese zweite Frau habe Karajans Karriere im NS-Staat befördert.

Ich möchte keine Kollegenschelte betreiben, aber nach meiner detaillierten Auswertung der Briefe Anita Gütermanns kann davon keine Rede sein. Hans-Ulrich Thamer beschrieb das Dritte Reich als Mechanismus aus „Verführung und Gewalt“. Das Ehepaar Karajan-Gütermann war durchaus gelegentlich eingeladen zum Abendessen bei Joseph Goebbels. Andererseits hing über den beiden – wegen Anitas Einstufung als „Vierteljüdin“ – immer ein Damoklesschwert. Goebbels hatte nur widerwillig die Zustimmung zur Heirat erteilt, weil die Heirat von „Ariern“ mit „Vierteljüdinnen“ zwar nicht als „Rassenschande“, aber in prominenten Kreisen als unerwünscht galt. Karajan sollte sich deshalb vor einem Parteigericht verantworten. Im Februar 1945 floh das Ehepaar nach Mailand, nachdem Goebbels – so schreibt es Anita – deren Pässe konfisziert hatte. Die Karajans haben im NS-Staat nicht von dieser Heirat profitiert.

Im Gegensatz zu Rathkolb sprechen Sie sogar vom Karriereknick ab 1942.

Das ist so, obwohl ich Rathkolbs Arbeit schätze. Die beiden heirateten im Oktober 1942. Schon im Frühjahr, während das Ehegenehmigungsverfahren noch lief, wurde Karajans Vertrag in Aachen gekündigt. Sein Vertrag mit der Staatsoper in Berlin wurde zwar verlängert, Honorar und Tätigkeitsumfeld wurden aber von Goebbels drastisch reduziert. Karajans Auslandsgastspiele waren so rar, dass er sogar honorarfrei in Kopenhagen dirigierte – mit einem jüdischen Konzertmeister! Karajans Karriere war seit 1942 eindeutig auf dem Abstieg bis 1945, mit einem kleinen Zwischenhoch, dass er – einmalig! – das Reichs-Bruckner­orchester in Linz, der „Lieblingsstadt des Führers“, dirigieren durfte.

Vom Naziregime konnte er trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft kaum profitieren. Adolf Hitler mochte ihn als Dirigenten nach einer verunglückten Aufführung von Richard Wagners „Meistersingern“ am 2. Juni 1939 überhaupt nicht. Er war so erbost, dass er erklärte, nie wieder eine Vorstellung zu besuchen, in der Karajan dirigierte. Der Stern von Hermann Göring, dessen Günstling Karajan war, fiel spätestens im Frühjahr 1941 mit der erfolglosen Luftschlacht um England. Und Goebbels, der mächtigste Mann der Kulturpolitik, bevorzugte Wilhelm Furtwängler und benutzte Karajan nur, um nicht von Furtwängler abhängig zu sein.

War Karajan also nur Objekt der politischen Manipulation? Oder nicht doch mitgestaltendes Karrieresubjekt?

Es ist komplex. Goebbels war verärgert, dass Karajan mit Forderungen auftrat und nicht einfach folgte. Bei Goebbels hatte man zu spuren. In den Herrschaftsstrukturen des Dritten Reiches war Karajan nur Objekt, aber er trat immer mit der Großspurigkeit auf, Subjekt sein zu wollen. Darin täuschte er sich über sich selbst. Es geht um diese Grundfrage: Wer benutzt wen? Die Politik die Kunst oder die Kunst die Politik?

Also war er ein politisch indifferenter Kunst-Egoist?

Ein Egoist seiner selbst. Sein Leben galt der Musik. Wenn man Karajans Interviews Revue passieren lässt, war er im politisch-intellektuellen Bereich nie so genial wie als Dirigent. Er lebte in seiner Blase und betrachtete sich als Musikgott. Stichwort „Autonomie der Kunst“. Er glaubte auch an seine Wiederauferstehung.

Nun gibt es ein Fernsehinterview von Felix Schmidt aus dem Jahr 1978, in dem Karajan gefragt wird, wie viel er sich selbst abverlange. Seine selbstherrliche Antwort: „bis zur Vergasung“. Spricht das für Sensibilität gegenüber engsten jüdischen Vertrauten wie Michel Schwalbé?

Es ist ein weiteres Zeichen dafür, dass er ein unpolitischer Mensch war. Ich will Ihnen selbstkritisch eine innerjüdische Antwort aus eigenem Erleben geben. Ich kam 1954 aus Israel nach Deutschland, sprach als Muttersprache schon in Israel Deutsch, kam in die Grundschule, und da war der Ausdruck „bis zur Vergasung“ gang und gäbe. Ich nahm ihn in meinen Alltagswortschatz auf. Ich hab’ das, wie Kinder nun mal sind, nachgeredet. Wie ein Papagei. Bis mir irgendwann jemand sagte: „Holla! Weißt du eigentlich, was du da sagst?“

Ich hatte, als Kind einer jüdischen Familie, immer wieder von Vergasungen gehört, aber diese beiden Stränge von Geschichte und Alltagssprache nicht zusammengebracht. „Bis zur Vergasung“ war in den Fünfziger- bis Achtzigerjahren, so schrecklich das ist, eine absolut gängige Redewendung. Und Karajan war kein Meister der Sprache. Er reflektierte Sprache auch nicht. Also ist das, was Sie anführen, nur ein Scheinindiz für seine angebliche Gefühllosigkeit oder Gesinnung.

Allerdings nennt er im gleichen Interview die Entnazifizierungsverfahren „Hexenprozesse“. Damit begreift er sich doch als einen Unschuldigen, der nur durch Aberglauben verfolgt wurde!

Natürlich auch Unsinn seinerseits. Karajan hatte bei seiner Entnazifizierung großes Glück. Er saß in den Kommissionen Opfern des Nationalsozialismus gegenüber, oft zurückgekehrten Exilanten oder KZ-Überlebenden, die sich mit viel Energie für Karajans Rehabilitierung einsetzten.

Wie stark hat Karajan seine Verstrickung in das NS-System reflektiert und verbalisiert?

Schwierig zu beantworten. Seine beiden Töchter Isabel und Arabel, die ich zum Gespräch getroffen habe, wissen wenig über die politischen Gedanken ihres Vaters. Was auch nicht verwundert, weil er während ihrer Kindheit oft auf Reisen war. Man hat mir versichert, dass es auch keinerlei private Korrespondenz gebe, abgesehen vom Glücksfall der Briefwechsel mit Elmy und Anita. Es gibt keine Aufzeichnungen von Gesprächen, die Karajan geführt hat, aber seine Briefe an Henry Alter, den aus Österreich stammenden US-Kulturoffizier, nach 1945. Es gibt die Darstellung des jüdischen Schriftstellers Ernst Lothar, der später Kuratoriumsmitglied der Salzburger Festspiele war, wonach Karajan ohne Wenn und Aber zu seiner Parteimitgliedschaft gestanden und hinzugefügt habe, es sei ein Fehler gewesen.

Das zumindest unterscheidet ihn von Günter Grass und Walter Jens.

Und von Siegfried Lenz, der mit Marcel Reich-Ranicki befreundet war. Wir sind hier bei einem grundlegenden Problem, und darauf weise ich auch methodisch in dem Buch hin. Ich bin zwar nie Sozialist gewesen, aber ein großer Verehrer des großbürgerlich-jüdisch-deutschen Sozialisten Herbert Marcuse. Von ihm stammt das zwar nicht inhaltlich, aber vom Titel und der Methode her großartige Buch „Der eindimensionale Mensch“. Es ist eine bitterböse Kritik eindimensionalen Denkens und Fühlens. Nehmen Sie Reich-Ranicki und Siegfried Lenz, nehmen Sie Henry Alter, Lothar, Schwalbé und Karajan. Ich sage ja nicht, dass Karajan ein Widerstandskämpfer war. Das war er nicht. Aber ich versuche, im Gegensatz zu anderen, nicht schwarz-weiß zu malen, sondern die Grautöne zu erkennen.

Aber nochmals: Gab es bei Karajan so etwas wie eine Einsicht in Schuld oder Mitverantwortung?

Er war kein Mann öffentlicher Beichten. Er hat auch nur mit wenigen Menschen, nicht einmal mit seinen Töchtern, über Persönliches und Privates gesprochen. Aber er hatte ein Vertrauensverhältnis zu Kardinal Franz König, der nicht nur ein großartiger Theologe, sondern auch ein Freund der Juden war. Wir haben Hinweise darauf, dass Karajan in seinen letzten Lebensjahren mit Kardinal König über diese Fragen gesprochen hat. Das ist durch einen engen Mitarbeiter des Kardinals glaubhaft bezeugt.

Zudem hatte Karajan seiner Tochter Isabel die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell geschenkt, der sich als Jude aus Angst vor den Nationalsozialisten aus dem Fenster gestürzt hatte. Ich hatte das Glück, die Bibliothek des aufgelösten Karajan-Hauses in Sankt Moritz auswerten zu dürfen. Und dort war Friedells „Kulturgeschichte“ total zerlesen, also erkennbar intensiv benutzt. Ich halte mich also nicht nur an Verbalzeugnisse, sondern suche nach nonverbalen Indikatoren für Verhalten und Überzeugungen. Ich schaue ins Paket und nicht nur auf die Verpackung.

Nun war Karajan recht schnell entnazifiziert und auch in den USA rasch akzeptiert worden. Wie erklären Sie sich die starke Renazifizierung Karajans bei den Historikern in den Achtzigerjahren?

Das hat mit der politischen Großwetterlage zu tun. Begonnen hatte das mit der Bitburg-Kontroverse 1985, als Helmut Kohl und Ronald Reagan Kränze auf einem Soldatenfriedhof niedergelegt hatten, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt waren. Dann folgte 1986 die Debatte um die NS-Verstrickungen von Kurt Waldheim, dazu noch der Historikerstreit um Ernst Nolte. Und schließlich 1988 der 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“, die in der DDR, die sich als das Land der besseren Vergangenheitsaufarbeitung profilieren wollte, in „Reichspogromnacht“ umbenannt wurde, was heute in den offiziellen Sprachgebrauch übergegangen ist.

Die DDR-Führung bandelte mit dem Präsidenten des World Jewish Congress an, dem kanadisch-amerikanischen Geschäftsmann Edgar Bronfman. Er wollte das Osteuropamonopol für seinen Schnapshandel und versprach im Gegenzug der DDR eine Meistbegünstigungsklausel für den US-Markt. Um die DDR auf- und die BRD einschließlich Westberlins abzuwerten, wärmte er die alten Gerüchte auf, Karajan sei Agent des Sicherheitsdienstes der SS gewesen.

Einen „James Bond der Nazis“ nennen Sie ihn ironisch.

Ja, damals wurde der Fall Karajan in der Reagan-Regierung bis hinauf zum Justiz- und zum Außenministerium erneut überprüft – aber man fand nichts. Der Mann war clean. Das war die Makroebene. Und machen wir uns nichts vor: Auch auf der Mikroebene der Historikerzunft ist der Zeitgeist der Makroebene immer spürbar.

Source: faz.net