Die Befürchtungen haben sich nun bewahrheitet: Dutzende Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) konnten am Montag aus einem Gefängnis in Nordostsyrien fliehen, weil sich Regierungstruppen und Milizen der kurdisch dominierten Autonomieregierung Gefechte lieferten. Sie entkamen in der Stadt al-Schadadi, wo eine Ausgangssperre verhängt wurde und die Sicherheitskräfte seit Montagabend nach den geflohenen Dschihadisten fahnden.
Das Innenministerium in Damaskus gab am frühen Dienstagmorgen an, es seien 81 von 120 Geflohenen wieder festgesetzt worden. Auch aus der Umgebung eines Gefängnisses in der Stadt Raqqa waren am Montag Gefechte gemeldet worden.
Die andauernde Gewalt unterzieht nicht nur den am Sonntagabend geschlossenen, brüchigen Waffenstillstand einem Stresstest. Es wächst auch die Sorge, dass die Spannungen den Antiterrorkampf beeinträchtigen. Das amerikanische Militär hatte die Konfliktparteien schon vor einigen Tagen ermahnt, sie sollten gegen den „Islamischen Staat“ (IS) zusammenarbeiten und nicht einander bekriegen.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Ahmed al-Scharaa, ein früherer Dschihadistenführer, hat sich als Partner im Kampf gegen den IS Anerkennung in den Vereinigten Staaten erworben. Die Milizen der Autonomieregierung, die von kurdischen Freischärlern dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), waren ein zentraler Partner in dem jahrelangen Krieg, um das Kalifat des IS von der Landkarte zu tilgen und die Terrororganisation in den Untergrund zu treiben.
Seither bewachen die SDF mehr als 8000 gefangene Extremisten. Außerdem das riesige Lager von al-Hol, wo Tausende Familien der Dschihadisten interniert sind. Die SDF haben die Gefängnisse immer wieder als gefährliche Zeitbomben beschrieben. Im Januar 2022 war ein IS-Großangriff auf ein Gefängnis in der Stadt Hassakeh in einer tagelangen Schlacht gemündet. Ein neuer Massenausbruch wäre ein enormes Sicherheitsrisiko.
Für den aktuellen Zwischenfall gaben sich die Konfliktparteien gegenseitig die Schuld. Die SDF gaben an, der Ausbruch sei Folge der Angriffe des Damaszener Militärs. Das wiederum warf den SDF vor, die Gefangenen vorsätzlich freigelassen zu haben. Die Gefängnisse waren eine große Bürde für die Autonomieregierung. Diese nutzte die Anstalten aber immer wieder auch, um die eigene Relevanz zu bekräftigen.
Die SDF warfen außerdem der amerikanisch geführten Anti-IS-Koalition, in deren Rahmen amerikanische Truppen in Ostsyrien stationiert sind, vor, Hilferufe ignoriert und nicht interveniert zu haben. Ein amerikanischer Regierungsmitarbeiter wies das in der „New York Times“ zurück.
Scharaa telefoniert mit Trump
Hintergrund der bewaffneten Konfrontation ist ein Machtkampf zwischen der Zentralregierung in Damaskus und der Autonomieregierung im Nordosten, die sich dagegen sträubt, die SDF und ihre Institutionen in den syrischen Staat einzugliedern. Im Zuge einer Offensive der Führung in Damaskus, deren Streitkräfte schnelle Geländegewinne erzielten, hatten die SDF einen Waffenstillstand unterzeichnet, in dem sinngemäß deren Auflösung festgeschrieben steht. Dessen Umsetzung ist allerdings von Gewalt begleitet. Die SDF haben Aufrufe an die Kurden veröffentlicht, „Widerstand“ zu leisten.
Am Montag kamen der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa und SDF-Anführer Mazloum Abdi zu einem mehrstündigen Treffen in der syrischen Hauptstadt zusammen. Keine der beiden Seiten veröffentlichte danach eine Stellungnahme, was als Zeichen für verhärtete Fronten gewertet wurde. Der Sender Al Jazeera berichtete, es gebe vor allem Streit über den Status der Provinz Hassakeh, wo die SDF nicht die Kontrolle abgeben wollten. In der gleichnamigen Stadt stellen die Kurden die Bevölkerungsmehrheit, in den ländlichen Regionen dominieren arabische Stämme.
Scharaa telefonierte am Montag mit Präsident Donald Trump, wie die amtliche Nachrichtenagentur Sana meldete. Es ging unter anderem um den Schutz der kurdischen Minderheit und den Kampf gegen den IS.
Source: faz.net