Käfer und Kakerlaken – Was sich wirklich hinterm Cockroaches-Stunt welcher Rolling Stones verbirgt

Als Werbegag für ein mögliches neues Album haben die Rolling Stones unter dem Namen „The Cockroaches“ – die Kakerlaken – eine Vinyl-Single in limitierter Auflage herausgebracht. Auf der ganzen Welt – jedenfalls in ihren zivilisierteren Teilen – stehen junge Männer in kleinen Plattenläden herum und nehmen mit ihren Smartphones den neuen Song „Rough and Twisted“ auf, der sich pausenlos auf dem Plattenteller dreht.

Der Song – ein Blues im Stil des vorletzten Stones-Albums, „Blue and Lonesome“ – klingt urtümlicher und rauer als die vielen mit KI generierten angeblichen – und oft ziemlich guten – Stones-Songs, die täglich auf YouTube hochploppen; und auch als die Songs der australischen Pub-Rock-Band „The Cockroaches“, die in den 1980er-Jahren beinahe ganz groß herausgekommen waren und als Rolling-Stones-Cover-Band begannen. Den Namen wählten sie nicht zufällig, denn Fans wissen, dass die Stones gelegentlich das Pseudonym „Cockroaches“ für kleinere Live-Gigs verwendeten.

Dass die Stones ausgerechnet dieses Pseudonym wählten, hat wiederum seine innere Logik; denn um 1963 herum, als die Gruppe in London ihre ersten Fans sammelte, hatte eine andere Gruppe, die sich „Käfer“ nannte, bereits eine hysterische Massenbewegung ausgelöst, die von der Presse „Käferwahnsinn“ genannt wurde: Beatlemania.

Ungeheures Ungeziefer

Käfer und Kakerlaken waren die krabbelnden Antipoden jener nach Desinfektionsmitteln riechenden, blitzblanken Sauberkeit und Ordnung, die das Ideal der 1950er-Jahre waren. „The Beetles“ nannten sich übrigens schon die Groupies der „Schwarzen Rebellen“, einer – übrigens rein weißen – Motorradgang, die in Laszlo Benedeks Film „The Wild One“ (1953) die Bürger einer amerikanischen Kleinstadt in Angst und Schrecken versetzen.

Gang-Chef Marlon Brando – Jeans, Lederjacke, Schirmmütze – wurde zur Stilikone der „Halbstarken“ in Westdeutschland, der „Rowdies“ in der DDR und der britischen „Teddy-Boys“, darunter in der Hafenstadt Liverpool ein gewisser John Lennon, der zehn Jahre später zusammen mit seinem Freund Paul McCartney den Rolling Stones ihren ersten Hit schreiben sollte: „I Wanna Be Your Man“.

„Wild One“-Regisseur Benedek war ungarischer Jude und wusste, was es bedeutete, als Ungeziefer bezeichnet zu werden. Für deren Vernichtung – für die „Entwesung“ entsprechender Räume, wie der Fachbegriff heißt – gibt es ja Zyklon B. Doch schon 1912 ließ Franz Kafka ahnungsvoll den Protagonisten Gregor Samsa aus unruhigen Träumen erwachen, um festzustellen, dass er „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ worden sei, irgendwas zwischen Käfer und Kakerlake.

Und auf diese Erzählung, die auf Englisch „The Metamophosis“ heißt, spielt das Rolling-Stones Album „Metamorphosis“ (1975) an, auf dessen Cover die Rolling Stones mit Käfer- und Kakerlakenköpfen zu sehen sind. In Kafkas Erzählung schafft es Gregor nur einmal, die Tür seines Schlafzimmers aufzumachen, und wird sofort vom Vater aus dem gutbürgerlichen Wohnzimmer zurückgescheucht, wo er, nur von der Schwester gepflegt, an der ihm vom Vater mit einem geworfenen Apfel zugefügten Wunde elend zugrunde geht.

50 Jahre später haben die Käfer und Kakerlaken – und es hatte seine Richtigkeit, dass die Beatles vom homosexuellen Juden, vom doppelt verfemten Brian Epstein gemanagt wurden – zuerst die Schlafzimmer der Bürgerstöchter, dann die Wohnzimmer selbst und dann sogar die Wirtschaft selbst übernommen. Aus Kafkas Apfel wurde die Beatles-Firma „Apple Corps“, deren Name sich der junge Beatle-Fan Steve Jobs für sein kleines Tech-Unternehmen auslieh.

Wenn die Rolling Stones nun an diese Ursprünge erinnern, ist es mehr als ein Werbegag. Und mehr als Nostalgie. Denn die Stones wissen am besten, dass der Rock’n’Roll nie wieder das sein kann, was es für Millionen einst war. Wie Mick Jagger und Keith Richards schon 1978 im Song „Respectable“ schrieben: „Jetzt sind wir Säulen der Gesellschaft / Egal, was wir einst waren / Nehmen Heroin mit dem Präsidenten / Klar gibt’s ein Problem, Sir, aber was lässt sich schon machen?“

Source: welt.de

JaggerKeithMickPop (ks)RichardsSingles (ks)The BeatlesThe Rolling Stones