Der vorletzte große Raub in Paris traf den Reality-TV-Star Kim Kardashian. Ihr wurde bei einem Überfall in einem Hotel Schmuck geraubt
Foto: Emma McIntyre/Oscars/gettyimages
Der Louvre-Raub zeigt brutal, wie wenig es heute braucht, um Weltkultur zu entwenden und die Debatte über Sicherheit, Moral und Beute in den sozialen Medien neu zu entfachen
Seit ein paar Tagen wissen wir: Es braucht nicht viel, um in das bekannteste Museum der Welt einzubrechen. Nur vier Minuten an einem Sonntagmorgen, Motorroller, Arbeitskleidung, Möbellift, Winkelschleifer und – das weiß jeder Kleinkriminelle, der sich in jungen Jahren mit Graffiti oder Ladendiebstahl die Zeit vertrieb – vor allem Dreistigkeit. Schon ist ein Teil der französischen Kronjuwelen futsch.
Gegen den Raub aus dem Louvre in Paris wirkt Pink Panther überholt. In den 1960ern hieß der Meisterdieb Phantom und wurde als Star inszeniert, Juwelendiebe galten als legendär. Selbst der Film Ocean’s Eleven von 2001 wirkt heute fast unrealistisch, mit seiner minutiösen Planung eines Raubs durch eine global gecastete Crew aus Dieben. Expertise und Glamour scheinen mit dem Louvre-Coup ebenso wenig einherzugehen wie mit dem Raub aus dem Grünen Gewölbe in Dresden 2019 und der Schubkarre, auf der 2021 die Goldmünze aus dem Bode-Museum entschwand.
Einfach machen, man kommt schon damit durch, diese Devise mag heute gar Anerkennung aus den sozialen Medien verschaffen. Andere freuten sich dort, dass die mutmaßlich männlichen Täter von Paris während der Flucht die Krone der Kaiserin Eugénie verloren. Hätte man doch selbst diejenige sein können, die sie von der Straße aufliest und damit ausgesorgt hat!
Raub aus dem Louvre, Raub aus den Kolonien
Wie andere Museen, so sei das Louvre nicht angemessen gesichert, heißt es jetzt. Aber wollen wir lieber in einer Welt leben, in der Museen Hochsicherheitstrakte sind, oder in einer Welt, in der niemand klauen mag oder muss?
Die Smaragd-Ohrringe Marie-Louises seien doch selbst erst durch Ausbeutung Indigener im Bergbau, durch spanische Kolonialherren, nach Europa gelangt, liest man jetzt: Die Steine der geraubten Kette stammten aus Kolumbien und stünden für jahrzehntelangen brutalen Kolonialismus.
Wir können uns aber doch wohl darauf einigen, dass solch ein Schmuckstück und die Erinnerung an koloniale Verbrechen in einem Museum mit mehr als fünf Millionen Besuchern pro Jahr besser aufgehoben ist als bei den mutmaßlichen mächtigen Auftraggebern des Diebstahls, deren Vermögen vermutlich auch nicht frei davon ist, durch Ausbeutung entstanden zu sein.
Beim Kunstraub zählt der Profit, nicht die Kunst
Derweil ist sich der Kunstraub-Experte des Deutschlandradio sicher, dass Gold aus einem Museum nur entwendet wird, um eingeschmolzen zu werden. Derart ließen sich jedoch nicht die 88 Millionen Euro, auf die der Wert des Diebesguts geschätzt wird, erzielen, wendet sich die Pariser Staatsanwältin fast verzweifelt an die Diebe. Das Einschmelzen wird sie so kaum verhindern – es sagt auch etwas über unsere Zeit und unser „Abendland“, wenn nur noch der blanke Profit zählt, nicht aber der historische Wert kunstvoll von Hand gefertigten Schmucks.
Der vorletzte große Raub in Paris traf den Reality-TV-Star Kim Kardashian. Ihr wurde bei einem Überfall in einem Hotel Schmuck geraubt. Doch Kardashians Influencer-Familie zeigte in ihrer Fernsehshow, wie man mit so etwas heute umgeht: Sie machten den Raub zum Thema und schufen so ein ideales Werbeumfeld für Buttcrunch-Leggins, miesen Mascara und andere Produkte ihres Imperiums.
Überfall als Chance, wer soll da noch den kulturellen Wert von uraltem Schmuck zu schätzen wissen? Kardashian präsentierte sich gerade bei der Academy Museum Gala in Los Angeles, sie trug obszön riesigen Schmuck um den Hals und eine Art Sturmmaske auf dem Kopf. Wenn die XXL-Juwelen zum Influencertrend werden: Woher nehmen, wenn nicht stehlen?