Jungtier verirrte sich in Einkaufspassage – Passantin wollte helfen und wurde gebissen

Erst streift ein junger Wolf durch noble Elbvororte, dann verirrt er sich in eine Einkaufspassage in Altona, beißt einer Passantin ins Gesicht und endet wenig später entkräftet in der Binnenalster.

Der Wolf, der Hamburg am frühen Montagabend in einen Ausnahmezustand versetzt und eine Frau ins Gesicht gebissen hatte, ruht sich mittlerweile im Wildgehege Klövensteen aus. Währenddessen hat die Aufarbeitung dieses in Deutschland bislang einmaligen Falls begonnen. Immer deutlicher wird, wie dramatisch der Abend verlief: Das Tier verirrte sich in einer Einkaufspassage in Altona, lief dann bis in die Hamburger Innenstadt und endete wenig später entkräftet in der Binnenalster.

Nach Darstellung der Polizei begann deren Einsatz unmittelbar vor dem Beißvorfall. Gegen 19 Uhr meldete sich eine Frau am Polizeikommissariat 21 an der Mörkenstraße und erklärte, sie habe das Wildtier im Bereich der Großen Bergstraße, einer bekannten Einkaufstraße, gesehen. Im Zuge der Gefahrenabwehr rückten daraufhin mehrere Streifenwagenbesatzungen aus, um den Wolf zu suchen, sagte ein Polizeisprecher WELT.

Kurz darauf wurde bereits die Attacke gemeldet: Der Wolf soll sich in eine Einkaufspassage nahe der Ikea-Filiale verirrt haben und versucht haben, aus dem Gebäude an der Großen Bergstraße 152 wieder ins Freie zu gelangen. Dabei lief das Tier demnach im Inneren immer wieder gegen eine Schiebetür. Eine 65 Jahre alte Passantin, die den Wolf offenbar für einen großen Hund hielt, versuchte nach dieser Darstellung, das Tier aus dem Gebäude zu führen – woraufhin der junge Wolf zuschnappte. Ein Rettungswagen brachte die 65-Jährige später ins Unfallklinikum Eppendorf (UKE), wo sie ambulant behandelt wurde. Ein Riss im linken Mundwinkel musste genäht werden, Lebensgefahr bestand nicht.

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Die Behörden selbst betonten zunächst, dass die Faktenlage nicht in allen Punkten abschließend gesichert sei. Aus der Hamburger Umweltbehörde hieß es zugleich, vieles spreche dafür, dass es sich um denselben Wolf handelt, der bereits seit dem Wochenende im Westen der Stadt unterwegs war.

Der Ablauf der Sichtungen lässt sich vergleichsweise genau rekonstruieren. Am Samstag wurde der Wolf zunächst im Hamburger Westen beobachtet, konkret im Sven-Simon-Park und im Schinkelspark am Falkensteiner Ufer in Blankenese. Am Sonntagvormittag tauchte das Tier dann im Bereich des S-Bahnhofs Othmarschen auf, am Sonntagnachmittag in Nienstedten. Die Umweltbehörde stufte den Nachweis als gesichert ein, nachdem Video- und Fotoaufnahmen aus der Bevölkerung von dem Wolfsexperten Norman Stier von der TU Dresden ausgewertet worden waren. Noch am Montag erklärte die BUKEA, von dem Tier gehe nach damaligem Stand keine unmittelbare Bedrohung aus; es habe bei den Sichtungen ein stark ausgeprägtes Fluchtverhalten gezeigt und sich sofort zurückgezogen, sobald Menschen oder Hunde seinen Weg kreuzten.

Aus Sicht der Behörde sprach deshalb vieles dafür, dass es sich um ein junges Tier in der Abwanderungsphase handelte. Solche Wölfe legen auf der Suche nach einem eigenen Revier weite Strecken zurück. Die urbane Umgebung bei Tag bedeutet für sie enormen Stress; die Experten gingen davon aus, dass das Tier versehentlich so weit ins Stadtgebiet gelaufen sei und selbstständig nach einem Weg hinaus suche. Genau diese Einschätzung wirkt nach dem Angriff nun politisch umso brisanter.

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Nach dem Beißvorfall verlor sich die Spur des Wolfes nicht sofort. Nach Angaben der Polizei zog sie sich von Altona über St. Pauli, die Feldstraße und die Messehallen bis in die Hamburger Innenstadt. Knapp eine Stunde später, kurz nach 20 Uhr, schwamm das Tier in der Binnenalster. Dort endete der Irrlauf des Wolfs: Polizisten zogen ihn mit einer Schlinge aus dem Wasser. Nach Darstellung der Polizei spielte den Einsatzkräften dabei in die Karten, dass das Tier bereits entkräftet war.

Am Bootsanleger der Binnenalster keilten Polizisten den Wolf nach dieser Darstellung mit Polizeischilden und Europaletten ein, bis alarmierte Fachleute der Umweltbehörde eintrafen, darunter der Stadtjäger und ein Veterinär. Anschließend wurde das Tier in eine Transportbox verladen und ins Wildgehege Klövensteen im Westen der Hansestadt gebracht. Wie weiter mit dem Wolf verfahren werden soll, ist noch unklar. Aus Sicht der Polizei verlief der knapp einstündige Einsatz insgesamt sehr gut.

Kritik kommt von er Hamburger CDU

Der Fall ist auch deshalb außergewöhnlich, weil es nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz seit der Wiederansiedlung der Wölfe in Deutschland einen solchen Angriff auf einen Menschen noch nicht gegeben habe. Eine Sprecherin des Bundesamts sagte, es habe seit der Wiederansiedlung 1998 keinen vergleichbaren Fall gegeben.

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Kritik kommt von der Hamburger CDU: Jagdexperte Ralf Niedmers forderte nach dem Vorfall ein eigenes Wolfsmanagement für Hamburg. Die Sicherheit der Menschen müsse immer an erster Stelle stehen, erklärte er. Niedmers verlangte konsequente jagdliche Maßnahmen, um gefährliche Begegnungen künftig zu verhindern. Die CDU wirft SPD und Grünen vor, die Gefahr falsch eingeschätzt zu haben; erst kürzlich habe die Mehrheit einen CDU-Antrag abgelehnt, den Wolf in das Hamburger Jagdrecht aufzunehmen. Auch Hamburgs Nein zur Aufnahme des Wolfs in das Bundesjagdgesetz kritisiert die Partei scharf.

Tatsächlich hatte der Senat bis zuletzt vor allem auf Monitoring und Vorsicht gesetzt. Aus der Umweltbehörde hieß es, man unterscheide strikt zwischen Sichtung und Nachweis; oft stelle sich erst nach Prüfung von Fotos oder Videos heraus, ob es sich wirklich um einen Wolf handle. Das normale Vorgehen sei, bestätigte Tiere weiter zu beobachten, denn bislang hätten sich Wölfe zumeist wieder selbstständig aus dem Stadtgebiet heraus bewegt. Genau deshalb ist der aktuelle Fall für die Behörde selbst ein Bruch mit dem bisherigen Muster.

Mehrfache Wolfsichtungen in Hamburg

Der Vorfall trifft Hamburg nicht völlig unvorbereitet. Seit 2013 wurden in der Hansestadt immer wieder einzelne Wölfe eindeutig nachgewiesen. Damals wurde erstmals ein Wolf in Kirchwerder fotografiert. 2018 riss ein Wolf in Schnelsen ein Schaf; das war der erste genetische Wolfsnachweis in Hamburg. Im Januar 2020 wurde ein Wolf in Neuengamme gefilmt, später gelangen Naturfotografen mehrere Aufnahmen im Duvenstedter Brook.

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2023 kamen bestätigte Sichtungen in Curslack und Altengamme hinzu; zudem wurde eine Haarprobe aus Volksdorf genetisch einer Wölfin zugeordnet. 2025 wurde ein Wolf für Schafsrisse in Marmstorf verantwortlich gemacht. Und erst Mitte März 2026 fand man auf der A25 an der Auffahrt Curslack einen überfahrenen Jungrüden – den ersten in Hamburg durch einen Verkehrsunfall getöteten Wolf.

Die Umweltbehörde verweist seit Jahren darauf, dass es sich in Hamburg bislang nicht um dauerhaft ansässige Tiere handle, sondern um durchziehende Wölfe auf der Suche nach Lebensräumen, Partnern oder Nahrung. Seit 2013 seien insgesamt 21 Wolfsnachweise eindeutig bestätigt worden. Gerade diese Linie – Wölfe als scheue Durchzügler, nicht als akute Gefahr – gerät nach dem Angriff von Altona nun massiv unter Druck. Für die CDU ist der Fall ein Beleg dafür, dass Hamburg seine Strategie ändern muss. Für die Umweltbehörde ist er vor allem ein Zeichen dafür, dass ein einzelnes, gestresstes Jungtier in einer Großstadt nicht mehr in die gewohnten Raster passt.

Source: welt.de

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