Judith Butler wird 70: Immerzu Trouble

Auch Judith Butler entgeht nicht ihrer Historisierung, ihrer veränderten Aufnahme im akademischen und popkulturellen Sektor, wo sie seit den Neunzigern eine ganz einzigartige Präsenz als Ikone linker Dissidenz behauptete, mit der durch sie hochdifferenziert ausgeführten Gender-Thematik als nur einem, wenn auch dem prominentesten Beispiel ihrer Theorie und ihrer Politik, ihres Glamours und ihrer Dämonisierung.

Wer ihre Gender-Sachen liest, angefangen bei „Gender Trouble“, dem auf Deutsch seinerzeit noch von Petra Eggers bei Suhrkamp betreuten Titel „Das Unbehagen der Geschlechter“, kann sich über die kurz angebundenen Muster wundern, mit denen gegen eine mit Theorieteppichen agierende Autorin Butler in Sachen Gender polemisiert wird, die sich mittlerweile geschlechtervielfältig mit „they“ ansprechen lässt. Wer würde dadurch gehindert, das binäre „he“ oder „she“ zu statuieren? Und Butler im Übrigen als identitätspolitisch krass widersprüchlichen Theorie-Trip zu genießen? Ein Trip, bei welchem man, wie Dirk von Lowtzow, der Frontmann von Tocotronic, erklärt, stets etwas mitnimmt – „und sei’s auch nur nebenbei“.

Berserkerhafter Relativismus?

Historisierung von eingelebten Kategorien – darin, in diesem politisch-moralischen Programm der Neufassung von Relationen, schien Butlers Diskursmacht jahrzehntelang ungebrochen, schlug zuletzt dann aber gegen sie selbst aus, weil auch der Aufweis von Relationen einmal mehr nicht hinreichend gegen eine Lesart als berserkerhafter Relativismus gesichert war. Mit ihren verstörenden Äußerungen zum Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 schien eine politisch-moralische Grenze des „too much“ überschritten. Binnen Tagen konnte Butler ihrer eigenen Historisierung gleichsam in Echtzeit zuschauen, mit zuvor nicht erlebter Vehemenz wurde ihr Kontextualisierungsversuch des Grauens zurückgewiesen, weltweit als Obszönität empfunden.

Schon gleich nach dem 7. Oktober 2023 – und nicht erst bei ihrem Pariser Auftritt zu diesem Thema im März 2024 – hatte sich die Berkeley-Professorin für Rhetorik und Komparatistik gegen eine moralische Em­pörung verwahrt, die ihrer Ansicht nach anti-intellektuell und gegenwartsfixiert sei: Wenn die „Schrecken der letzten Tage“ eine größere moralische Bedeutung hätten als die „Schrecken der letzten siebzig Jahre“, so meldete sich Butler auch in der deutschen Presse zu Wort, dann drohe die „moralische Reaktion des Augenblicks das Verständnis für die radikalen Ungerechtigkeiten, die das besetzte Palästina und die gewaltsam vertriebenen Palästinenser erdulden müssen“, zu verdrängen.

Sollte sich hier eine Perspektive der entgrenzten Aufrechnung vor die Verurteilung eines orts- und zeitgebundenen Ereignisses schieben? Wann helfen komparatistische Bezugnahmen für eine Sicht auf den Terror im Hier und Jetzt, und wann vernebeln sie die Gestaltwerdung der Gewalt als einen solchen situativen Akt? Wer wollte diese Gräueltat und jene erst nach ihren Anfängen befragen, um gegen sie Partei zu ergreifen? In derartigen Fragen spitzte sich der Eindruck eines moralischen Versagens zu, den Butler hinterließ, wenn sie auch später den Terror des 7. Oktober 2023 nur im historischen Kontinuum wahrzunehmen bereit war, statt ihn in der mörderischen Konkretion dingfest zu machen.

Butlers „Dissens-Bedürfnis“ (Eva Geulen) hat ihr ein munteres Themenheft der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ eingebracht, einen gelungenen Historisierungsversuch zum 70. Geburtstag, den Judith Butler am 24. Februar feiert.

Source: faz.net