Jubiläum | 80 Jahre Aufbau Verlag: Von wegen Suhrkamp dieser SBZ

Erste Sätze, so heißt es, öffnen Welten. Und vermeintlich entscheiden sie darüber, ob ein Text weitergelesen wird oder nicht.

Ehrlicherweise zweifle ich daran, dass viele Büchermenschen den Grass’schen Butt ausgelesen haben, obwohl die Stiftung Lesen dessen Anfang Ilsebill salzte nach 2007 zum schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur gekürt hat.

Hermann Kant und der legendäre erste Satz

Auf dem zweiten Platz landete übrigens der legendäre erste Satz aus Franz Kafkas Die Verwandlung, in dem sich der Protagonist eines Morgens zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt findet.

Fest steht: Mit dem ersten Satz begibt man sich auf einen Weg. Das Schöne an der Fiktion ist, dass dieser überall hinführen könnte, über unzählige Abzweigungen und Trampelpfade. In der Geschichte des Aufbau Verlags, der in diesen Tagen seinen 80. Gründungstag feiert, böte sich ein Schlenker zu Hermann Kant an. Kant, 1926 geboren und 1965 mit einem Roman über die Geschichte der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten namens Die Aula schlagartig bekannt geworden, hatte bei Aufbau bis 1990 eine Sonderstellung: Er galt als linientreu und als literarisch ernstzunehmend.

Ende der 1960er Jahre hatte aber auch er sich derart in politische Untiefen hineinmanövriert, dass er mehrere Jahre auf die Druckgenehmigung für seinen Roman Das Impressum warten musste – unter anderem, weil eine gefürchtete Sektorenleiterin der Zensurbehörde sich in ihrem Außengutachten mokierte, Kant habe mit dem Satz „Die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer ist für uns keine annehmbare Lösung“ den Kafka-Diskurs in der DDR persifliert.

Am Anfang waren Trümmer, Schutt und Asche

Doch machen wir einen Umweg über den Anfang. Ein erster Satz für eine Geschichte des Aufbau Verlags könnte lauten: Am Anfang waren Trümmer. Denn als Aufbau am 16. August 1945 in Berlin gegründet wurde, lag die Stadt nach zwölf Jahren Naziherrschaft und sechs Jahren Weltkrieg in Schutt und Asche.

Die beiden Vorzeigekommunisten Klaus Gysi und Heinz Willmann waren mit den Berliner Büchermachern Kurt Wilhelm und Otto Schiele zusammengekommen, um einen Verlag zu gründen, dessen Name als Programm zu lesen war, als Aufruf und Hoffnung. Bereits zwei Tage später erhielt der Aufbau Verlag eine provisorische Lizenz der sowjetischen Militärregierung.

Zwei Programmschwerpunkte zeichneten sich bereits im maßstabsetzenden Auftaktprogramm ab: Für das klassisch-humanistische Erbe standen Heinrich Heine, Maxim Gorki und die Realisten wie Gottfried Keller.

Erster großer Erfolg: Falladas „Jeder stirbt für sich allein“

Mindestens ebenso wichtig waren die deutschsprachigen Exilant*innen. Neben dem in Mexiko erstveröffentlichten Roman Das siebte Kreuz von Anna Seghers ragte dabei Theodor Plieviers Stalingrad heraus, der erste Bestseller der Nachkriegsgeschichte. Bald darauf erschien Heinrich Mann im Verlag, ebenso Ernst Bloch und der generationenprägende Georg Lukács. Doch auch strategische Schlenker zu den Im-Lande-Gebliebenen waren erlaubt: Dem alkohol- und morphiumsüchtigen Hans Fallada rang Aufbau noch vor seinem Tod im Februar 1947 mit Jeder stirbt für sich allein ein großes Buch ab.

Fallada war auf Initiative von Johannes R. Becher in den Verlag gekommen. Becher war nicht nur Autor des Verlags, sondern auch Präsident des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, an den die Verlagsgründer bald ihre Anteile übertrugen. Der Erfolg war beachtlich: Am zweiten Geburtstag sah sich Aufbau mit etwa einhundert Veröffentlichungen in einer Gesamtauflage von mehr als zweieinhalb Millionen Exemplaren völlig zu Recht „an der Spitze aller schöngeistigen Verlage Deutschlands“.

Der Suhrkamp der DDR? Ganz so einfach ist es nicht

80 Jahre nach der Gründung sind die Aufbau Verlage – neben Aufbau selbst die Imprints Ch. Links Verlag, Die Andere Bibliothek, Blumenbar, Aufbau Taschenbuch, Rütten & Loening, more, Aufbau Digital und Aufbau Audio – in der Liste der größten deutschen Buchverlage rund siebzig Plätze tiefer angesiedelt. Der aktuelle Claim könnte in seiner Beliebigkeit auch aus einem anderen Haus kommen. „Aufbau Verlage“, so heißt es da, „schaffen Vielfalt: literarische Talente, internationale Weltliteratur, moderne Klassiker, spannende Unterhaltung und relevante Sachbücher.“

Doch so einfach ist das nicht, auch wenn einer der Wege, die sich erzählen ließen, in einen soliden Gemischtwarenladen führt. Gelegentlich ist Aufbau als Suhrkamp der DDR bezeichnet worden. Chronologisch naheliegender wäre eigentlich: Suhrkamp ist der Aufbau Verlag der Bundesrepublik.

Bis 1990: 8.800 Titel in 125 Millionen Exemplaren

Taucht man in den Geschichtenspeicher Aufbau hinein, versteht man, warum der Medienwissenschaftler Ulrich Saxer die Buchwissenschaft als „Monsterwissenschaft“ bezeichnet hat. Allein bis 1990 hat Aufbau 8.800 Titel in 125 Millionen Exemplaren veröffentlicht – jeder davon eingebettet in ein Mosaik aus wirtschaftlichen, politischen und literarischen Diskursen.

In Höchstzeiten arbeiteten 240 Menschen im Verlag. Die Aufbau-Geschichte lässt sich als Erfolgsgeschichte erzählen oder als Geschichte des Niedergangs; als Geschichte der klugen Entscheidungen oder der Fehler; als Geschichte der Verleger oder über die zweite Reihe, über Figuren wie Max Schroeder, Günter Caspar oder Ruth Glatzer. Zur Wendegeschichte des Verlags könnte man über Gotthard Erler gelangen oder über Angela Drescher, der wir die Tagebücher Brigitte Reimanns oder Werner Bräunigs Rummelplatz verdanken.

Für den Immobilieninvestor Bernd F. Lunkewitz, der den Verlag 1991 von der Treuhand erwarb, läge der Fokus vermutlich auf den Eigentumsverhältnissen, über die er mit der Treuhand-Nachfolgeinstitution BvS in diversen Prozessen gestritten hat.

Walter Janka wurde in den Büroräumen verhaftet

Also: Wo weitermachen nach der Gründung auf Trümmern und dem aufsehenerregenden Erfolg der Anfangsjahre? Mit dem ersten Absturz nach der Währungsreform im Juni 1948 und der Staatengründung im Jahr darauf?

In den frühen 1950er Jahren machte Walter Janka, der aus der widerstands- und exilerfahrenen Funktionselite der DDR herausragte, den Verlag zu einer offenen Diskursarena. Doch wuchs mit dem Einfluss des Verlags auch die Angst der SED: Sie ließ Janka im Dezember 1956 aus seinem Büro heraus verhaften.

Der anschließende Schauprozess wuchs sich zu einem Trauma aus, das sich in die Verlags-DNA einbrannte. Und auch nachdem Aufbau, 1963 um Rütten & Loening und den Thüringer Volksverlag gewachsen, im Jubiläumsprogramm 1965 das Schelmenstück gelungen war, ein Buch des umstrittenen Jean-Paul Sartre in Übersetzung des noch umstritteneren Hans Mayer zu platzieren, folgte ein Rückschlag: Nach dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 verfolgte die Partei, die immer recht haben wollte, alle „konterrevolutionären Machwerke“ im Kulturbetrieb unnachgiebig.

Mit Christha Wolf: Ästhetik des weiblichen Widerstands?

Die Aufbau-Verlagsgeschichte könnte auch aus deutsch-deutscher Perspektive erzählt werden, beispielsweise als in den frühen 1970er Jahren der „Eintritt der Frau in die Historie“ auf dem Programm stand. Die Formel stammt von Irmtraud Morgner, deren „operativer Montageroman“ wegen seines Umfangs und seines Titels noch heute jede Marketingabteilung in den Wahnsinn treiben würde: Auf 700 Seiten erzählte Morgner die Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura.

Und obwohl der Verleger der Lizenzausgabe, der Luchterhand-Patriarch Eduard Reifferscheid, vor Absatzproblemen „mit einem solchen Bändchen DDR-licher Esoterik“ gewarnt hatte, verkaufte sich das Buch auch in der Bundesrepublik hunderttausendfach.

Berühmt geworden ist derweil die Auseinandersetzung um Christa Wolfs Kassandra und die dazugehörigen Voraussetzungen einer Erzählung: Die Bücher, hervorgegangen aus einer Poetik-Dozentur in Frankfurt am Main, erschienen zunächst in der Bundesrepublik. Dass sie dort als „Ästhetik des weiblichen Widerstands“ und „universale Dissidenz“ gelesen wurden, sorgte in der DDR für Kontroversen.

Deutsch-deutscher Literaturstreit und Stefan Effenberg

Vom symbolischen Kapital aus den ersten 45 Jahren Verlagsgeschichte zehrte der Verlag auch nach 1990 – wobei ein beachtlicher Teil davon im deutsch-deutschen Literaturstreit moralisch und literarisch entwertet wurde. Mitte der 1990er schien Aufbau dann auf einem guten Weg, als unmittelbar nach der Veröffentlichung von Victor Klemperers Tagebüchern mit Die Päpstin von Donna Cross, heute meistverkaufter Titel der Verlagsgeschichte, der unterhaltungsliterarische Durchbruch gelang.

Doch blieb das Gleichgewicht fragil. Zum Sündenfall wurde 2003 ein Titel aus dem Sachbuch-Programm erklärt: Zwar verkaufte sich die Autobiografie Ich hab’s allen gezeigt des Skandalfußballers Stefan Effenberg über 200.000 Mal – doch diagnostizierte nicht nur der Freitag daraufhin eine „Bastei-Lübbeisierung Aufbaus“.

Festzuhalten bleibt: Zumindest im Bereich der deutschsprachigen Literatur hat Aufbau seitdem den Anschluss verloren. Daran änderte sich auch mit dem neuen Verlagseigner Matthias Koch nichts, der Aufbau 2008 von Lunkewitz übernahm. Sinnbildlich dafür ist der Deutsche Buchpreis, bei dem die Aufbau Verlage Jahr für Jahr eher Zaungäste als Mitwirkende sind.

Im Programm: Die Nobelpreisträgerin 2024, Han Kang

Anders sieht es im Bereich der „modernen Klassiker“ und der „internationalen Weltliteratur“ aus. Die Südkoreanerin Han Kang, Nobelpreisträgerin 2024, ist Aufbau-Autorin, ebenso der Bulgare Georgi Gospodinov, Booker Prize-Träger 2023. Von Gospodinov ist im aktuellen Jubiläumsprogramm Der Gärtner und der Tod erschienen, dem als vorgelagerter erster Satz ein Motto vorangestellt ist: „Jede Geschichte, die einmal durch die Sprache gegangen ist, sich in Worte gekleidet hat, gehört uns nicht mehr, selbst wenn wir sie persönlich erlebt haben. Sie ist bereits genauso Teil der Wirklichkeit wie der Fiktion.“

Auch das lässt sich übertragen. Alle Lesenden, Schreibenden und Produzierenden können ihre eigenen Aufbau-Geschichten erzählen. Und auch deswegen ist es unmöglich, zum 80. Gründungstag die Geschichte des Aufbau Verlags zu erzählen.

Konstantin Ulmer ist der Geschichte des Aufbau Verlags 2020 in seinem Buch Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt (2020) auf 384 Seiten detaillierter nachgegangen

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