Am Abend des 11. Februar 2024 sitzen in einem dunklen Studio in einem Außenbezirk von Budapest zwei Männer an einem langen Tisch. Hinter ihnen stapeln sich alte, ausrangierte Fernseher zur Kulisse. Der Gast trägt weißes Hemd, dunkelblaue Krawatte. Sein Name: Péter Magyar. In Ungarn kennt ihn zu diesem Zeitpunkt fast niemand.
Als der Youtube-Kanal „Partizán“ den Stream startet, beginnt ein Interview von 95 Minuten und 19 Sekunden. Márton Gulyás stellt präzise Fragen, hakt nach – und bringt Magyar zum Reden. Der Fidesz-Insider sagt Sätze, die in diesem System normalerweise nicht nach außen dringen: Es könne nicht sein, dass „ein paar Familien die halbe Nation besitzen“. Das Orbán-System erscheine „von außen stärker, als es tatsächlich ist“. Noch während man zusieht, spürt man: Da reißt etwas auf. Hunderttausende verfolgen das Gespräch live, in den nächsten Tagen sind es Millionen.
Knapp zwei Jahre später muss Viktor Orbán erstmals seit 16 Jahren um seine Macht fürchten. Der Herausforderer bei der Wahl: Péter Magyar. Es wäre übertrieben zu sagen, dass Márton Gulyás das ganz allein möglich gemacht hat. Ebenso falsch wäre es, seinen Anteil kleinzureden.
Wie so etwas möglich wird, darauf gibt es keine einfache Antwort. Orbán hat die Pressefreiheit in Ungarn abgetragen, systematisch, Stück für Stück. Regierungsnahe Konzerne kauften die private Medienlandschaft auf, der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde zum Propagandasprachrohr, unabhängige Redaktionen wurden feindlich übernommen oder geschlossen. Und doch entstand ein Ort, an dem ein Gespräch wie das mit Magyar möglich wurde. Wer verstehen will, wie das geschehen konnte, muss den Mann begleiten, der offenbar ein besonderes Händchen dafür hat, solche Räume zu öffnen.
Elf Tage vor der Wahl sitzt der 39-jährige Gulyás wieder am langen Studiotisch. Kameras, Licht, Regie, Einspieler – was hier jeden Abend entsteht, sieht nicht mehr nach Youtube aus, sondern nach professionellem Livefernsehen. Rund 70 Mitarbeiter wirken inzwischen für Partizán an zwei Standorten. Im Studio steht ein Podest mit zwei Büsten: Orbán und Magyar, Hinterkopf an Hinterkopf. Am Wahlsonntag läuft hier eine ganztägige Livesendung – mit Dutzenden Experten, Reportern und eigenen Hochrechnungen –, eine Alternative zum Staatsfernsehen.
An diesem Abend begrüßt Gulyás drei Gäste. Der erste ist ein ungarischer Spitzenanwalt. Er vertritt die Fahrer jener Geldtransporter der ukrainischen Staatsbank, die im März auf dem Weg von Wien nach Kiew von der ungarischen Antiterroreinheit festgesetzt wurden. Während regierungsnahe Medien den Fall in eine antiukrainische Propagandaorgie verwandelten, kommt bei Partizán die ukrainische Seite sachlich selbst zu Wort – und erhebt schwere Misshandlungsvorwürfe, die man im Staatsfernsehen nie hören würde. Auf ihn folgt ein ehemaliger Polizeihauptmann, der über politischen Druck innerhalb des Apparats spricht. Dann ein junger Moderator aus dem Umfeld des Staatsfernsehens, der schildert, welche Probleme er nach einer einzigen regierungskritischen Äußerung bekam. Das Magyar-Interview hat einen Dominoeffekt: Vor der Wahl stehen Whistleblower Schlange, auch bei anderen unabhängigen Medien.
„Für Viktor Orbáns Machterhalt zwischen 2010 und 2018 war Angela Merkel mindestens so wichtig wie Putin“, sagt Marton Gulyás
Die Sendung dauert zweieinhalb Stunden. „Wenn man Leute lange genug reden lässt, sagen sie irgendwann auch tatsächlich etwas“, sagt Gulyás. So erging es auch Angela Merkel, als sie im Oktober 2025 bei ihm zu Gast war. In Ungarn blieb vor allem eine Aussage hängen, die Gulyás ihr entlockte. Ob sie Orbán für ein trojanisches Pferd Russlands in der EU halte? „Nein, das ist Quatsch. Wir würden auch gar nicht auf so etwas reinfallen“, antwortete sie.
Ein Satz, der schlecht gealtert ist. Nicht nur die geleakten Gespräche zwischen Orbán und Putin sowie dem ungarischen Außenminister und seinem russischen Gegenüber gewähren mittlerweile den Blick in tiefe Abgründe. „Es ist schon witzig, dass zurzeit alle Putin für Orbáns entscheidenden Verbündeten halten“, sagt Gulyás. „Für Viktor Orbáns Machterhalt zwischen 2010 und 2018 war Angela Merkel mindestens so wichtig wie Putin.“
Dass Geduld seine Stärke würde, war nicht abzusehen. Gulyás galt lange als impulsiver linker Aktivist. An der Budapester Theater- und Filmhochschule kursiert die Legende seiner Aufnahmeprüfung. Die Aufgabe lautete: „Überrasch uns.“ Gulyás dachte nach, verließ den Raum. Kurz darauf flog ein Monitor durchs Fenster. Fragt man ihn danach, lacht er: „Mein Gedächtnis ist so schlecht geworden, ich weiß nicht mehr, ob ich das wirklich war oder vielleicht jemand anderes.“
Der erste Kanal heißt „Slejm“ – „Schleim“, Politik, die im Hals stecken bleibt
Heute besteht Gulyás mit Nachdruck darauf, Journalist zu sein. 2015 beginnt er, mit ersten Infotainmentformaten auf Youtube. In Ungarns digitaler Öffentlichkeit füllt er damit eine Leerstelle. Der erste Kanal heißt „Slejm“ – „Schleim“, Politik, die im Hals stecken bleibt. Als Orbáns Fidesz 2018 erneut eine Zweidrittelmehrheit holt, recherchiert Gulyás zu regierungsnahen Scheinparteien, die die Opposition bei Wahlen spalten sollen. Daraus entsteht 2019 die erste erfolgreiche investigative Partizán-Dokumentation: neunzig Minuten, journalistisch in der Form, präzise im Anspruch, ernst in der Haltung. Einen persönlichen Wendepunkt verortet Gulyás genau dort: „Ich habe immer noch großen Respekt vor politischer Arbeit und Aktivismus“, sagt er. „Aber ich hatte damals das Gefühl, dass mich die Untersuchung der Wirklichkeit mehr interessiert als ihre Gestaltung. Und seitdem habe ich das Gefühl, dass im Journalismus eine größere Kraft für mich liegt.“ Während der Pandemie gelingt Partizán endgültig der Durchbruch, mit präzisem Journalismus, der auf Transparenz und Tatsachen setzt.
Am nächsten Morgen geht es für Gulyás nach Westungarn, zuerst nach Zalaegerszeg, später nach Szombathely, wo Orbán am Abend auftritt. Um sieben Uhr fährt Gulyás mit Kamerafrau und Produzentin in Budapest los. Er sitzt selbst am Steuer, wie immer. Auslöser der Recherche in der Provinz sind Vorfälle bei Orbáns Auftritten einige Tage zuvor. Ein von der Zeitschrift HVG veröffentlichtes Foto zeigt schwarz gekleidete Männer, die Gegendemonstranten der Tisza-Partei bedrängen. Unter ihnen sind nicht nur lokale Schläger, sondern angereiste Fidesz-Kommunalpolitiker aus Zalaegerszeg. Diese Männer will Partizán befragen.
Als Gulyás gegen Mittag auf den Parkplatz hinter dem örtlichen Fidesz-Büro einbiegt, ahnt noch niemand, dass Partizán in der Stadt ist. Während die Kamerafrau die Technik aus dem Kofferraum holt und sich das Team bespricht, wirkt die Szene fast wie die Vorbereitung eines Überfalls. Nur dass es hier nicht um Beute geht, sondern um Antworten. Ist er vor einem solchen Überraschungsbesuch noch immer aufgeregt? Gulyás dreht sich um, ein breites Grinsen im Gesicht. „Oh ja.“ Dann greift er nach dem Mikro. „Ready?“, fragt er. Die Kamerafrau nickt. „Go.“
„Schnell zum Rathaus“, sagt er
Im Beitrag, der am nächsten Tag online geht, sieht man, wie eine Frau ihm gegenübersteht, ihr Gesicht ist verpixelt. „Küss die Hand, guten Tag“, sagt Gulyás höflich und fragt, ob jemand von den Verantwortlichen zu sprechen sei. Die Gesuchten seien „im Feld“, erklärt sie, Telefonnummern dürfe sie nicht herausgeben. Ob sie sie anrufen könne? Lieber nicht. Sie glaube auch nicht, dass sich jemand auf ein Gespräch mit ihm freue. „Das können die ja dann entscheiden“, erwidert Gulyás sanft. Nein, sie seien ohnehin in den Dörfern. „Kein Problem, wir reisen gerne“, sagt er. Minutenlang geht das so. Sie duzt ihn, er bleibt beim Sie. Keinen Augenblick lang verliert Gulyás die Fassung.
„Schnell zum Rathaus“, sagt er. „Wir müssen uns beeilen. Jetzt wissen sie, dass wir in der Stadt sind.“ Doch es ist zu spät. Weder der Bürgermeister noch der Pressesprecher noch sonst jemand, der sprechen könnte, ist zu erreichen – und das, obwohl im Rathaus reger Betrieb herrscht. Der Pförtner, der nervös mit vorgehaltener Hand telefoniert, wird am Ende leicht aggressiv. Ob Gulyás wirklich glaube, er verrate ihm, mit wem er spreche? Zum Abschied reicht Gulyás ihm die Hand, bedankt sich, wünscht gute Gesundheit. Der Pförtner beruhigt sich. Er wünscht dasselbe. Und gesegnete Ostern. „Es ist wichtig, am Ende zu deeskalieren“, sagt Gulyás danach. „Er ist mein Mitbürger. Er hat seine Arbeit gemacht – und ich die meine.“
Dass niemand redet, ist für Gulyás Alltag: „Business as usual.“ Seit wann? „Seit Anbeginn der Zeit.“ In seinem Studio spricht die Gegenöffentlichkeit; draußen herrscht das Orbán-System: Schweigen, Abschottung, keine Rechenschaft. Die nächsten Stunden fährt das Partizán-Team weiter die Dörfer des Komitats Zala ab, zu Adressen, die zuvor recherchiert wurden, auf Social Media, in öffentlichen Registern, darunter ein Boxklub. Überall bleiben die Türen verschlossen.
Der respektvolle Umgang mit seinen Gesprächspartnern ist Gulyás wichtig. In einem politisch bis zur Erschöpfung polarisierten Land wirkt allein das schon wie ein radikaler Gegenentwurf. Vielleicht wurde Partizán auch deshalb zum Ort des Magyar-Interviews: weil Menschen aus anderen politischen Welten wissen, dass er Gulyás nicht schont, aber fair behandelt.
Auf der Fahrt nach Szombathely weist ein Schild nach Wien. Seit der Wende lag in dieser Richtung das Versprechen: Wir holen auf. Nach 16 Jahren Orbán ist davon nichts zu sehen. Ungarn ist ans untere Ende der EU gerutscht – wirtschaftlich, im Bildungswesen, im Gesundheitssektor. Während der Fahrt über die Landstraßen der Region Zala, vorbei an Hügeln und Wiesen, ruft Gulyás den Kolleginnen auf der Rückbank immer wieder zu: „Schaut nur, wie verdammt schön es hier ist!“
Es stehe ihm nicht zu, über jene jungen Ungarn zu urteilen, die zu Zehntausenden das Land verlassen haben, um im Westen ein freieres, moderneres Leben zu suchen. Ans Auswandern, sagt er, habe er selbst jedoch nie gedacht – obwohl seine Biographie Gründe böte. 2020 machte er seine Homosexualität öffentlich, in einem Land, dessen Regierung sexuelle Minderheiten zum Feindbild erklärt. „Ich kann meine Fähigkeiten hier einfach besser einbringen. Hier bewege ich mich in dem kulturellen Kontext, der für mich selbstverständlich ist.“ In Ungarn hätten Generationen unter viel hoffnungsloseren Bedingungen gelebt, gearbeitet und Kunst geschaffen, sagt er. Er nennt Ady, József Attila, Kosztolányi, Bartók. Das solle keine Beschwichtigung sein, nur eine Erinnerung daran, dass auch die Gegenwart nicht die schlechteste aller denkbaren Welten sei. „Ich lebe gerne hier. Ich finde, das ist ein guter Ort. Schreib das in den Artikel rein!“
Am Abend in Szombathely ist von westungarischer Idyllik nichts mehr übrig. Statt Fidesz-Versteckspiel herrscht Fidesz-Choreographie. Vor der Bühne marschiert ein organisierter Zug aus Unterstützern und Fahnenträgern auf, vorneweg spielt ausgerechnet eine traditionelle Musikgruppe „Bella Ciao“. Gulyás interviewt lokale Oppositionspolitiker und hält zugleich Ausschau nach der Fidesz-Elite. Rund um die schwarzen Busse und Wagen lauert er auf jene wenigen Sekunden, in denen noch eine Frage durchgeht, ehe Türen zufallen und Tore schließen.
In den Wochen vor der Wahl ist ihm das immer wieder gelungen. Zum ersten Mal seit Jahren müssen Minister, Abgeordnete und hochrangige Fidesz-Leute wieder hinaus ins Land – auf Straßen und Plätze, in eine Öffentlichkeit, die sie nicht vollständig kontrollieren. Früher verweigerten sie Interviews und blieben in ihren abgeschotteten Räumen. Jetzt zwingt Péter Magyar sie in einen echten Wahlkampf – und damit in jene Gegenöffentlichkeit, die Partizán mit aufgebaut hat. Nicht immer, aber manchmal lassen sie sich stellen.
Ob Orbán seine Nemesis sei? „Nein“, sagt Gulyás. „So denke ich nicht über ihn. Er ist mein Arbeitsmaterial.“ Die Rede, die Orbán beginnt, interessiert ihn nicht, die kennt er ohnehin. Ihn interessieren die Ränder des Auftritts: Wer aus welchem Wagen steigt, wer wem ausweicht, wer verschwindet, bevor eine Frage kommt. In Szombathely klappt es an diesem Abend trotzdem nicht. Alles ist so abgeschirmt, dass niemand an Orbán und sein Umfeld herankommt. Die Enttäuschung steht Gulyás im Gesicht. Aber er bleibt bei seiner Methode. Er ist einfach immer da, er macht weiter. Von morgens bis abends. Und manchmal geht doch eine Tür auf.
Source: faz.net