Jetzt will Nobelpreisträgerin Machado sich nicht mehr von Trump kaltstellen lassen

Im Kampf um die Macht in Venezuela mobilisiert die populäre Oppositionspolitikerin die Massen – in Chile, wo sich gerade hochrangige Konservative aus aller Welt versammelt haben. Aber eigentlich gilt ihre Botschaft Donald Trump. WELT war dabei.

Schon die Ankündigung der Rednerin ist ganz große Show. „Unsere Heldin ist zurück. Die eiserne Lady ist wieder da“, klingt es aus den Lautsprechern im Zentrum der chilenischen Hauptstadt Santiago. Tausende Exil-Venezolaner antworten mit Sprechchören: „Freiheit, Freiheit!“ Mehrere Stunden haben Tausende Menschen bei brütender Hitze ausgeharrt, um die Friedensnobelpreisträgerin und venezolanische Oppositionsführerin Maria Corina Machado zu sehen und zu hören.

Als ihre große Hoffnungsträgerin um kurz vor 19 Uhr endlich erscheint, schreien und brüllen die Menschen „Maria! Maria!“ Die Sicherheitskräfte haben Mühe, die vielen Hundert Hände, die nach greifen, unter Kontrolle zu halten.

„Ich möchte Euch etwas sagen: Während der 16 Monate, in denen ich völlig allein war, dachte ich nur an diesen Moment. An diesen Augenblick, in dem wir Venezolaner uns wieder frei treffen und ‚Freiheit‘ rufen werden“, sagt sie.

Es ist ein spektakuläres Comeback: Ein katholischer Pfarrer segnet sie, zwei große Heiligenfiguren werden auf die Bühne getragen. „Es ist ein Kampf zwischen Gut und Böse“, heißt es von der Bühne. Es ist ihr erster Auftritt seit über einem Jahr vor richtigem Publikum.

Im Kampf um die Macht in Venezuela besinnt sich Machado damit auf ihre Stärke. Und das ist der direkte Kontakt mit dem Volk. Auf der Bühne löst sie Emotionen und Hoffnung aus. Eltern reichen ihre Kinder nach vorn, Machado nimmt die weinenden Jungen und Mädchen, die Bilder für sie gemalt haben, in die Arme und fragt: „Wollt ihr wieder nach Hause nach Venezuela?“ Und die Kinder sagen „Si“.

Dann ballt Machado die Fäuste: „Unsere Familien werden wieder vereint sein. Nichts hält eine Mutter auf, die für ihre Kinder kämpft. Heute beginnt eine neue Etappe.“

Ihr Auftritt sendet nicht nur eine Botschaft in die 5000 Kilometer nördlich gelegene venezolanische Hauptstadt Caracas, sondern vor allem nach Washington. US-Präsident Donald Trump soll sehen, dass das venezolanische Volk eindeutig hinter Machado steht und nicht hinter Interimspräsidentin Delcy Rodriguez.

Mit der arbeitet die US-Administration trotz fehlender demokratischer Legitimation „ganz wunderbar“ zusammen, wie Trump immer wieder betont. Und meint damit die Ausbeutung der Erdölvorkommen und der Mineralien.

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Über Wahlen spricht Trump nicht. Das tut zwar US-Außenminister Marco Rubio, aber auch er kommt bislang über Hinhalte-Floskeln nicht hinaus. Und so bleiben die Wahlbetrüger vom Juli 2024 weiter an der Macht und Machado muss ihre Strategie neu ausrichten.

Unter den ins Ausland geflüchteten Venezolanern, die Trump wegen der spektakulären Festnahme von Diktator Nicolás Maduro Anfang Januar durch das US-Militär tatsächlich tief dankbar sind, wächst das Unbehagen. Hier in Chile hängt unter dem neuen Präsidenten José Antonio Kast, aber auch in den USA, das Damoklesschwert der Abschiebung über den Exil-Venezolanern. Allein in Chile leben 700.000 Venezolaner.

Insgesamt etwa acht Millionen Venezolaner leben im Ausland, die überwiegende Mehrheit floh vor der Gewalt des linksextremen Regimes und der sozialistischen Mangelwirtschaft.

Botschaft an konservative Regierungen

Hier hakt Machado ein und bietet eine Alternative zur Abschiebung an. „Wir alle wollen doch nach Venezuela zurück, sobald das möglich ist.“ Und dann spielt sie mit der Fantasie: „Könnt ihr Euch das vorstellen? Das erste Mal wieder zu Hause und dann in eine richtige venezolanische Arepa beißen?“

Auch deshalb kommt sie in die chilenische Hauptstadt, in die wegen der Amtseinführung des neuen Präsidenten Kast konservative Politiker und Diplomaten aus aller Welt angereist waren: von Spanien, vertreten durch König Felipe VI., über die Präsidenten Panamas, Ecuadors, Argentiniens und Boliviens bis zum stellvertretenden US-Außenminister.

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Es sind jene konservativen Regierungen, von Javier Milei in Argentinien oder von Daniel Noboa in Ecuador, die als Antwort auf die Massenflucht aus Venezuela und die daraus entstandenen destabilisierenden Folgen mit Abschiebung drohen, denen Machado eine freiwillige Massenrückkehr anbietet.

Die sei aber nur möglich, wenn es eine echte Demokratie gäbe und damit die Fluchtursache beseitigt wäre. „Und dann werden wir die Demokratie verteidigen wie niemand sonst, denn wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn man eine Demokratie an eine Diktatur verliert.“

Machado war bis zur Verleihung des Friedensnobelpreises in Venezuela in den Untergrund abgetaucht. Sie gab zwar Hunderte Zoom-Interviews, aber sie verlor den direkten Kontakt zum venezolanischen Volk. In den USA führte sie anschließend zwar viele Gespräche mit wichtigen Entscheidungsträgern, trat in TV-Sendungen auf, doch es fehlte nach der Festnahme Maduros Anfang Januar ein unübersehbares Signal von der Straße.

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In den USA fürchten die Venezolaner bei Demonstrationen die Abschiebebehörde ICE, in Caracas die nach wie vor bewaffneten und für ihre Brutalität gefürchteten Schlägerbanden des intakten linksextremen Machtapparates. Deren Chef, Innenminister Diosdado Cabello, drohte Machado unverhohlen eine „Überraschung“ an, sollte sie nach Venezuela zurückkehren.

Erst einmal kehrt Machado aber in der Diaspora auf die Straße zurück. In der chilenischen Hauptstadt waren die lokalen Organisatoren ihrer Partei etwas erschrocken von der überwältigenden Resonanz. Die ausgesuchte Location am Paseo Bulnes im Herzen der Stadt reichte bei weitem nicht aus, um die vielen Menschen aufzunehmen, die Machado sehen und reden hören wollten. Die chilenische Polizei schätzte die Teilnehmerzahl auf 16.000, wahrscheinlich waren es sogar über 20.000 Zuhörer, es war bisweilen bedrohlich eng.

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Als Machado spricht, recken sich ihr tausende Handys entgegen. Allerdings filmten viele das Event nicht, sondern übertrugen Machados Rede in die Wohnzimmer ihrer Familien in der venezolanischen Heimat. Denn in Venezuela wird Machado in den von der Regierung kontrollierten Medien nach wie vor zensiert und findet im Fernsehen nicht statt. Die Organisatoren begrüßten Medienvertreter „aus der ganzen Welt“, aus Australien, Japan, aus Deutschland. „Aber keine aus Venezuela“, sagt eine Zuschauerin und löst umliegendes Gelächter aus.

Die Frage, die sich alle stellen, ist, wann Machado in ihre Heimat zurückkehrt. Bald werde das sein, antwortet sie darauf. Aber vorher will sie diese Rückkehr offenbar noch besser vorbereiten. Dazu braucht sie eindrucksvolle Bilder. In Chile ist ihr das gelungen. Es ist eine Kampfansage an das „Hufeisen“ aus Washington und Caracas, dass sie wieder bereit ist, zu kämpfen.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

Source: welt.de

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