Jesidische Schwestern aus Hannover ringen zum Besten von Menschenrechte

Stand: 09.04.2026 • 11:43 Uhr

Fünf Schwestern, eine Mission: Düzen, Tezcan, Tuğba, Tuna und Tülin Tekkal sind Aktivistinnen für Menschenrechte. Von Hannover aus engagieren sie sich weltweit. Über ihre gemeinsame Arbeit haben sie nun ein Buch geschrieben.

Von Alexandra Milana Friedrich, NDR

„Wenn du als Tochter von kurdisch-jesidischen Geflüchteten und als Frau zur Welt kommst, dann ist dein Aktivismus alternativlos“, sagt Düzen Tekkal. Sie ist Journalistin, Kriegsreporterin und Autorin – und das dritte von elf Kindern einer kurdisch-jesidischen Familie.

Düzen Tekkal war das erste Familienmitglied, das in Deutschland zur Welt kam: 1978 in Hannover. „Die Politik wurde uns in die Wiege gelegt. Mein Vater hat mit dieser Menschenrechtsarbeit begonnen, als er nach Deutschland gekommen ist.“ Er habe das getan, weil „niemand wusste, wer oder was Jesiden sind. Aber wir sind bedroht worden, seitdem es uns gibt.“

Die fünf Tekkal-Schwestern sind weit über die Grenzen von Hannover bekannt. Die jüngste, Tülin, ist Musikerin und Moderatorin mit eigener Late-Night-Show im WDR. Tuğba hat als Profisportlerin beim HSV gespielt und später mit dem 1. FC Köln den Aufstieg in die erste Bundesliga geschafft. 2024 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihr Ehrenamt mit der Fußball-Organisation „Scoring Girls*“.

Die fünf Schwestern nahmen auch schon an einer UN-Vollversammlung in New York teil – und im Rahmen ihrer Arbeit trafen sie unter anderem die Menschenrechtsaktivistin und Juristin Amal Clooney und deren Ehemann, US-Schauspieler George Clooney.

Die Schwestern Düzen, Tezcan, Tuğba, Tuna und Tülin Tekkal sind weit über die Grenzen von Hannover bekannt.

Vom Journalismus zum Aktivismus

Als Politikwissenschaftlerin und Journalistin hatte Düzen Tekkal zunächst politische Strukturen analysiert und erklärt. Entscheidend für den Schritt zum Aktivismus war eine Reise in den Nordirak 2014: Was als Reise zu den kulturellen Wurzeln gedacht war, wurde zur Begegnung mit Tod, Trauer und Verzweiflung.

Denn im August 2014 überfiel die Terrormiliz „Islamischer Staat“ das Siedlungsgebiet der Jesiden im Sindschar-Gebirge. Zehntausende Menschen flohen vor dem Terror, der IS verschleppte und vergewaltigte, versklavte und ermordete systematisch tausende Jesidinnen und Jesiden, Männer, Frauen, Kinder.

Ein „life-changing moment“, erklärt Düzen Tekkal im Interview mit NDR Kultur. „Ich bin als Journalistin in den Irak gefahren und zur Chronistin des Völkermords an meiner Religionsgemeinschaft geworden und als Menschenrechtsaktivistin zurückgekehrt.“

„Háwar“, das kurdische Wort für „Hilfe“, wurde nicht nur der Titel einer Dokumentation über ihre „Reise in den Genozid“. So lautet auch der Name der Menschenrechtsorganisation, die sie 2015 gründete. Nach und nach stiegen ihre Schwestern mit ein. „HÁWAR.help“ wurde zum Familienunternehmen, mit heute mehr als 50 Angestellten, verschiedenen Sub- und Nebeninitiativen, für die es viel Anerkennung gibt.

Das humanistische System Tekkal

Über ihren Weg dorthin haben die fünf Schwestern ein Buch geschrieben. In „Wut und Wärme“ geht es um das Weitermachen gegen Widerstände und darum, wie jede von ihnen die Organisation stützt. Tuna Tekkal etwa nennen die Schwestern „social butterfly“: „Ich sorge dafür, dass es allen gut geht. Ich halte mich eher im Hintergrund und wirke dort“, schreibt sie. Auch Tezcan Tekkals Spitzname – „deutsche Eiche“ – wird im Buch erklärt: „Verlässlichkeit, Belastbarkeit, Leistungsbereitschaft, das war von klein auf meine Nische.“

Die ehemalige Profi-Fußballerin Tuğba Tekkal bezeichnet sich als „typisches Sandwichkind“. Sie wurde als mittlere in der Geschwisterreihe oft übersehen. Fußball habe ihr Kraft gegeben, sei ihr Tor zur Freiheit gewesen. Sie will Mädchen in Deutschland und im Irak dabei helfen, einen selbstbestimmten Weg zu gehen.

Dafür hat sie das Fußball-Empowerment-Projekt „Scoring Girls*“ ins Leben gerufen. Mädchen können unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Glaubensrichtung kostenlos trainieren und so ihre eigene Stärke und das Gemeinschaftsgefühl im Team erleben.

„Das bringt uns zum Tanzen“

„Das ist wie in einer Band“, beschreibt Tülin Tekkal das Geheimnis ihrer Schwesternschaft. „Gemeinsam klingt es nur dann richtig gut, wenn jedes Instrument seine eigene Klangfarbe hat. Das bringt uns zum Tanzen.“ Das Nesthäkchen der Familie arbeitet auch als DJ, Moderatorin, Content Creator. Sie ist sozusagen die Schwester mit Partyhütchen und Clownsnase. Und sorgt dafür, „dass die Tekkal-Kapelle nicht nur Trauermärsche spielt“, wie sie in der NDR Talk Show erzählt.

Wut und Rebellion als Wegbereiter

Auf Instagram sieht man, wie Tülin Tekkal im nordsyrischen Rojava mit Kämpferinnen der kurdischen Fraueneinheit YPJ ausgelassen tanzt. In Reels nimmt sie liebevoll sich selbst, ihre Familie und ihre Herkunft aufs Korn. Ihre Aufgabe sei es, „Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, zusammenzubringen. Und das ist unter anderem Musik und Politik oder eben auch Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit“, erzählt sie im Interview mit NDR Kultur.

Das Buch porträtiert diese unterschiedlichen Persönlichkeiten, die durch geteilte Werte zusammengehalten werden. Zu den moralischen Eckpfeilern ihrer Schwesternschaft gehören Prinzipien wie Ehrlichkeit und Durchhaltevermögen, Fürsorge und Freude, Spiel und Spiritualität.

Wegbereitend für die Schwestern waren aber auch aus Wut gewonnene Energie und Rebellion: „Wir wären heute nicht da, wo wir stehen, wenn wir uns mit den Rollen zufriedengegeben hätten, die für uns vorgesehen waren. Mit den Lebensläufen, die sich unsere Eltern für uns vorgestellt hatten“, sagen die Aktivistinnen.

Veränderung durch Aufstand

Das Ideal der Eltern war, dass ihre Töchter einen jesidischen Mann heiraten und Kinder bekommen, um das kulturelle Überleben des Jesidentums zu sichern. Die Töchter wollten etwas anderes. Dafür kämpften sie. Dieses frühe Aufbegehren innerhalb der Familie hätte sie gelehrt, wie Frauen für sich einstehen können, ohne die Verbindung zu denjenigen zu kappen, mit denen sie im Konflikt sind. Nur eine der vielen Lektionen, die ihnen das Leben in einer Großfamilie – 13 Menschen in einer Vierzimmerwohnung in Hannover-Linden – mitgegeben hat.

„Der Schlüssel steckte von außen an der Tür, so sind wir aufgewachsen“, schreiben sie. Und so offenherzig gewähren die Tekkals auch Einblicke in ihre besondere Familie. Aber nicht aus Exhibitionismus: Vom Privaten weiten sie den Blick immer auf die große politische und gesellschaftliche Ebene. So verstehen sie auch die Schwesternschaft.

Source: tagesschau.de