Wie sieht der Alltag im Putin-Regime aus? Und was denken durchschnittliche Russen über den Ukrainekrieg? Diesen Fragen geht der britische Politologe Jeremy Morris mit den Methoden der teilnehmenden Beobachtung nach – und kommt zu Ergebnissen, die sich von den üblichen Meinungsumfragen unterscheiden.
DIE ZEIT: Jeremy Morris, warum reisen Sie immer noch nach Russland?
Jeremy Morris: Wenn man erforschen will, was in einer Gesellschaft vor sich geht, gibt es keinen Ersatz dafür, dass jemand mit sozialwissenschaftlicher Ausbildung sich das selbst anschaut. Ich betreibe seit den späten 1990er-Jahren Feldforschung in Russland. Im Laufe der Jahre habe ich Beziehungen zu zahlreichen Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen aufgebaut. Meine Forschung besteht darin, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Teil ihres sozialen Lebens zu werden und mit ihnen über ihre Ansichten über die Gesellschaft und Politik zu sprechen. Ich teile mein Leben schon lange zwischen verschiedenen Ländern auf und sehe Russland als mein Zuhause an. Zuletzt war ich im Sommer da.