Transplantationspezialisten haben die deutsche Politik dazu aufgerufen, gemeinsam mehr für Kinder und Jugendliche zu tun, die auf ein Spenderorgan warten oder bereits eines erhalten haben. „Bis zu 20 Kinder sterben jedes Jahr in Deutschland, weil sie zwar auf der Liste stehen, aber kein passendes Organ bekommen“, teilte der Nieren- und Transplantationsspezialist der Uni-Klink Essen, Professor Lars Pape mit.
In einem Jahr benötigten rund 180 bis 200 Kinder in Deutschland eine Spende, hieß es anlässlich des 13. Kongresses der International Pediatric Transplant Association (IPTA) in Berlin. Auf diesem werden 500 internationale Spezialisten aus 46 Ländern über die bessere Versorgung von Kindern und Jugendlichen diskutieren.
Vor allem Kinder mit Nierenversagen seien von dem Organmangel betroffen, erklärte Pape weiter. Viele dieser Patienten seien noch sehr jung, weil es sich meist um angeborene Probleme handele. Zwar könnten diese Kinder eine Dialyse erhalten – also an eine Maschine angeschlossen werden, die ihr Blut reinigt. Doch diese Behandlung sei für die Familien auf Dauer sehr schwer zu ertragen. „Kinder warten im Schnitt zwei Jahre auf ein Organ“, sagte Pape. Diese Kinder könnten nur selten an einem normalen Schulalltag teilnehmen geschweige spielen, auch die medizinischen Prozeduren seien schmerzhaft und aufwendig.
Darum forderte Pape: kürzere Wartezeiten, mehr Bereitschaft zur Organspende und die Möglichkeit, flexibler mit sogenannten Cross-over-Spenden umzugehen. Dabei spenden Angehörige ihre Niere nicht direkt an ihr Kind, sondern an ein anderes Kind, weil es besser passt – und im Gegenzug erhält das eigene Kind ein Organ von einem anderen Spender.
„Unseren Kindern und Jugendlichen läuft buchstäblich die Zeit davon“, erklärte Pape weiter. Die von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angekündigten Gesetzesänderungen müssten nun schnell umgesetzt werden.
Gegenwärtig gilt in Deutschland das Zustimmungsprinzip: Ein Mensch wird nur dann Organspender, wenn er oder sie zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Die Widerspruchsregelung würde dies umkehren: Damit wäre jeder ein potenzieller Organspender, sofern er nicht ausdrücklich widersprochen hat. Mehrere Bundesländer beabsichtigen bereits, sich einem erneuten Anlauf zur Einführung der Widerspruchslösung bei der Organspende wie etwa in Spanien anzuschließen. Ein vorheriger Vorstoß war durch die vorgezogenen Bundestagswahlen ins Stocken geraten.
„Wer gut versorgt ist, entscheidet oft der Zufall“
Allerdings gebe es auch nach einer Transplantation große Probleme, kritisierte die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung (DGIV). Besonders schwierig sei der Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenmedizin: „Hier hängt vieles vom Engagement einzelner Ärzte ab. Wer gut versorgt ist, entscheidet oft der Zufall“, teilte DGIV-Generalsekretär und Vorstandsmitglied der Rudolph Pichlmayr-Stiftung, Dr. Michael Meyer, mit.
Er forderte eine Plattform, die Behandlung und Angebote für alle Betroffenen bündelt sowie mehr Unterstützung und Einrichtungen wie den Ederhof. Das Rehabilitationszentrum in Österreich hilft betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien, vor und nach Organtransplantation wieder ins Leben zu finden und mit der Krankheit umzugehen. Dazu gehöre auch, medizinische Notfälle zu erkennen oder die richtige Einnahme von Medikamenten. Zurzeit könne es passieren, dass selbst kleine Kinder in die Reha für Erwachsene gesteckt werden, sodass sich sogar Sechs- oder Siebenjährige in einem Vierbettzimmer wiederfinden würden.
Mediziner aus den USA zeigten zudem, dass es auch anders geht: Dort haben junge Patienten Vorrang auf der Warteliste, wenn sie schon vor ihrem 18. Geburtstag dialysepflichtig werden oder auf die Transplantationsliste kommen. In Deutschland endet diese Sonderbehandlung mit dem 18. Geburtstag. Außerdem wird in den USA regelmäßig beim Führerschein gefragt, ob jemand bereit ist, Organe zu spenden. „Wir sehen viele Möglichkeiten, die Situation in Deutschland zu verbessern. Jetzt muss die Politik endlich handeln“, teilte Pape mit. „Organspende ist etwas Gutes und Kinder sind uns wichtig in der Gesellschaft – das sollte unsere Botschaft sein.“
Transparenzhinweis: Auch WELT und die „Bild“-Iniative „Ein Herz für Kinder“ unterstützen den Kongress, der vom 18. bis 21. September in Berlin stattfindet.
Source: welt.de