Jeder Fünfte in Baden-Württemberg wählt die AfD: Den Rechtsruck gibt es genauso im Westen!

Die AfD holt in Baden-Württemberg 18,8 Prozent der Stimmen, aber der Rechtsruck wird nur dem Osten zugeschrieben. Das ist unfair allen gegenüber, die sich antifaschistisch engagieren. Wann hat das Messen mit zweierlei Maß endlich ein Ende?


Wahlkampf 2026: AfD-Anhängerinnen in Baden-Württemberg

Foto: Johannes Simon/Getty Images


Dass es die FDP nicht in den Landtag geschafft hat und sich die Grünen gegen die CDU durchsetzen konnten, gehört wohl zu den aushaltbaren Nachrichten des Wahlabends in Baden-Württemberg. Was mir, gerade im Gegensatz zu den Überschriften nach ostdeutschen Wahlen, jedoch zu kurz kommt: Die AfD konnte ihr Ergebnis beinahe verdoppeln. Wann hat das Messen mit zweierlei Maß in West- und Ostdeutschland endlich ein Ende?

Es regt mich einfach auf, dass viele derer, die damals ausgerastet sind, als die AfD in Ost-Bundesländern zum ersten Mal bei 20 Prozent stand, heute schweigen, wenn sie in Baden-Württemberg bei ähnlich brachialen 18,8 Prozent steht.

Es gibt keinen Automatismus, dass die AfD nicht auch im Westen irgendwann bei 40 Prozent steht

Klar: 18,8 Prozent sind nicht gleichzusetzen mit Horrorzahlen in aktuellen Prognosen, beispielsweise aus Sachsen-Anhalt. Dort steht die AfD in Umfragen bei knapp 40 Prozent. Aber eines ist auch sicher: Es ist kein Automatismus, dass die AfD in westdeutschen Bundesländern nicht auch irgendwann bei 40 Prozent steht. Im Gegenteil: Aktuell folgt die AfD dem ostdeutschen Trend nur zeitverzögert.

Zugegeben: Diese Erkenntnis ist nicht neu. Und ähnliche Diskursfehler, in denen AfD-Erfolge in Westdeutschland immer wieder kleingeredet, kaschiert oder übergangen werden, um kurz danach empört auf den Osten zu zeigen, habe ich nach den Kommunalwahlen in NRW bereits für den Freitag oder in meinem Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“ beschrieben.

Wenn ich mir bei Schulveranstaltungen in Baden-Württemberg aber immer wieder von eingeritzten Hakenkreuzen in Schultischen, Rassismus und rechter Normalisierung erzählen lassen muss und anschließend sehe, wie einige Wessis den Elefanten im Raum ignorieren, um sich überheblich über „den“ braunen Osten zu echauffieren, dann muss ich mich eben auch mal wiederholen.

Der Rechtsruck wird nur dem Osten zugeschrieben, das ist ungerecht

Ein Diskurs, in dem der Rechtsruck und die autoritärer werdende Politik der sogenannten politischen Mitte, immer wieder nur dem Osten zugeschoben und dabei allzu oft alle über einen Kamm geschoren werden, ist nicht nur ungerecht gegenüber Ostdeutschen, die sich antifaschistisch organisieren.

Ein solcher Diskurs ist auch für westdeutsche Betroffene von Diskriminierung und Rechtsruck abscheulich. Warum? Weil sie mittlerweile oft genug mit den gleichen oder mindestens ähnlichen Problemen wie Ostdeutsche zu kämpfen haben.

Im bekannten Titel „Wittenberg ist nicht Paris“ beschreiben Kraftklub, was es, im Gegensatz zu Großstädten, für Leute im ländlicheren Osten bedeutet, sich klar gegen Faschos zu positionieren. Und nach den Wahlen in Baden-Württemberg lässt sich noch immer sagen: Wittenberg ist nicht Stuttgart.

Eine Bitte an alle Westdeutschen: Bleibt wachsam

Aber mal davon abgesehen, dass Wittenberg (Sachsen-Anhalt) eben auch nicht Leipzig oder Berlin ist, führt jede Verharmlosung des westdeutschen Erstarkens der AfD dazu, dass Orte wie Stuttgart Stück für Stück mehr zu Wittenberg werden könnten.

Wer sich darüber kaputtlacht und meine Gedanken alarmistisch findet, möge sich mal an die ostdeutsche Demokratie-Gewissheit vergangener Ministerpräsidenten zurückerinnern. Kurt Biedenkopf war Anfang der 2000er sicher, dass die Sachsen „immun gegen Rechtsextremismus“ seien. Heute ist klar: Diese Gewissheit endete, zum Beispiel in Form des NSU-Terrors, immer wieder tödlich – in Ost- und Westdeutschland.

An alle Westdeutschen in – noch – antifaschistischeren Regionen: Bitte macht nicht den gleichen Fehler. Seid nicht gewiss und bleibt wachsam und unbequem. Lasst uns voneinander lernen.

Jakob Springfeld wurde 2002 im sächsischen Zwickau geboren und ist dort aufgewachsen. 2025 erschien sein neues Buch Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert – Warum das Erstarken der Rechten eine Bedrohung für uns alle ist im Quadriga Verlag. Er ist regelmäßig auf Lesetour, um über rechte Gewalt aufzuklären

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